Textilkette zieht in die Obernstraße

Warum C&A den Bremer Hanseatenhof verlässt

C&A zieht um und verkleinert sich – vom Stammsitz am Hanseatenhof in die Obernstraße. Ein weiterer Baustein im Wandel der Bremer Innenstadt. Die FDP-Fraktion hat dazu Fragen. Die Antworten kommen vom Senat.
26.01.2021, 05:00
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Warum C&A den Bremer Hanseatenhof verlässt
Von Jürgen Hinrichs

Die Gebäude rund um den Hanseatenhof in der Bremer Innenstadt sind mehr oder weniger verwaist. C&A hat wegen des Lockdown geschlossen. Galeria Kaufhof direkt gegenüber ist ausgezogen. Die Gaststätte "Alex" hat dicht gemacht. Und im ehemaligen Lloydhof, der zum "Lebendigen Haus" ausgebaut werden soll, ziehen sich die Bauarbeiten wie Kaugummi. Insgesamt eine prekäre Situation, und nun das noch: C&A wird den Hanseatenhof im Laufe des Jahres verlassen. Das hat das Bekleidungsunternehmen am Montag auf Anfrage des WESER-KURIER bestätigt.

„C&A möchte seinen Standort in Bremen optimieren und wird im Laufe des Jahres vom Hanseatenhof in die Obernstraße 82 bis 88 ziehen“, heißt es in der Mitteilung. Der Wechsel in ein Gebäude, das bislang vom spanischen Textilhändler Zara belegt wurde, geht mit einer erheblichen Verkleinerung einher. Was mit der Immobilie am Hanseatenhof passiert, ist noch offen.

Die Innenstadt steckt insgesamt in der Abwärtsspirale, nicht nur am Hanseatenhof. Eine Nachricht kommt auch von H&M: Es wird seine Filiale in der Sögestraße schließen, wie das Unternehmen bestätigt hat.

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Von der FDP-Bürgerschaftsfraktion gibt es angesichts dieser Entwicklung eine Große Anfrage an den Senat. An diesem Dienstag liegen die Antworten auf dem Tisch und werden von der Regierung beraten. So richtig weiß keiner, wohin die Reise für die Innenstadt geht, was wesentlich mit den Verwerfungen durch die Corona-Pandemie zu tun hat. Interessantes unter anderem zu Wohnen, Arbeiten, Handel und Tourismus enthält die Senatsantwort trotzdem.

Die FDP leitet ihre Fragen mit einem harschen Urteil ein: Zwar werde über die Ausrichtung der City auf vielen Ebenen breit diskutiert, schreiben die Liberalen in ihrer Einleitung – „ein klares Bekenntnis zur Bremer Innenstadt und ein nachhaltiges und zukunftsfähiges Konzept fehlen jedoch gänzlich.“ Der Senat sieht das naturgemäß anders und verweist auf diverse Programme und Pläne, die in den vergangenen Jahren aufgelegt worden seien. Strategien gebe es also sehr wohl. Und eine Praxis mit Licht und Schatten: „Manche Dinge, wie zum Beispiel die Schlachte, haben sich positiv verändert. Andere, zum Beispiel die Leerstände in Geschäfts- und Bürogebäuden, haben sich durch den Wettbewerb mit dem Onlinehandel und zuletzt auch bedingt durch Covid-19 negativ verändert.“

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Wohnen: „Der Wohnungsbestand in der zentralen Innenstadt ist in den vergangenen zehn Jahren überdurchschnittlich gewachsen“, stellt der Senat fest. Gemeint ist das Gebiet von Altstadt, Bahnhofsvorstadt und Alte Neustadt. Wer dort lebt, ist vergleichsweise jung und nutzt hauptsächlich Wohnungen mit einem oder zwei Zimmern. Trotz steigender Bewohnerzahlen sieht der Senat in diesem Bereich für die City einen großen Nachholbedarf. Helfen soll der neue Bebauungsplan 2440, der Wohnnutzung auch dort möglich macht, wo das bisher ausgeschlossen war.

Es sollte innerstädtischen Wohnraum in allen Preissegmenten geben – sowohl zur Miete, als auch im Eigentum, postuliert der Senat. Um eine Verdrängung des mittleren und niedrigen Einkommenssegments zu verhindern, müsse insbesondere für diese Einkommen Wohnraum vorgehalten beziehungsweise gefördert werden. Geeignete Flächen könnten Baulücken sein oder Areale, die bisher gewerblich genutzt wurden. Infrage kämen auch Bürogebäuden, die umgebaut oder für einen Wohnungsneubau abgerissen werden könnten.

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Arbeiten: „Die zentrale Innenstadt ist einer der wichtigsten Arbeitsorte in Bremen“, betont der Senat. In der Altstadt würden allein in der Privatwirtschaft fast 28.700 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte gezählt, dies seien elf Prozent aller Arbeitnehmer in Bremen. Sie seien vornehmlich in Banken und Versicherungen angestellt, in der Gastronomie, in Arztpraxen und Anwaltskanzleien und im Einzelhandel. Hinzu kämen die Beschäftigten im öffentlichen Dienst.

Als Nachteil für die Arbeitsplatzentwicklung erkennt der Senat, dass sich in der Innenstadt „viele ältere und teilweise nicht mehr marktgerechte Büroflächen“ befänden. Für das vergangene Jahr wird in einer Prognose angenommen, dass etwa 36.000 Quadratmeter leer standen. Das entspreche einem knappen Drittel des gesamten Büroflächenleerstandes. Moderne Büroflächen seien in der City dagegen sehr begehrt und teuer: Die Spitzenmieten würden bei 13,10 Euro pro Quadratmeter liegen. Zum Vergleich: Stadtweit liege der Durchschnitt bei 8,70 Euro.

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Handel: Die Gesamtverkaufsfläche in der zentralen Innenstadt betrug nach Angaben des Senats vor vier Jahren 144.000 Quadratmetern, was einem Anteil von rund 15 Prozent an der Gesamtverkaufsfläche der Stadt Bremen entspreche. Das ist deutlich weniger als zum Beispiel in Hannover, wo der Wert bei mehr als 30 Prozent liegt. Nahezu die Hälfte des Einzelhandelsbesatzes machten in Bremens City bis zur Schließung von Galeria Kaufhof die Warenhäuser aus. „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie werden, zusammen mit dem seit Jahren wachsenden Onlinehandel, den stationären Einzelhandel auch in Bremen weiter unter Druck setzen – besonders in der Bekleidungsbranche", schreibt der Senat.

Neben der Krise der Warenhäuser zeige sich aktuell, dass auch die Formate der Einkaufszentren, Fachmarktzentren und Shopping-Center zunehmend an Bedeutung verlören. Aktuell sei in keiner großen deutschen Innenstadt ein Shopping-Center im Bau. „Die Zukunft des Einzelhandels ist kleinteiliger, lebendiger und von einem breiten Branchenmix getragen.“

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Tourismus: „Der Tourismus hat für Bremen sowohl als Wirtschafts- und Imagefaktor als auch unter Gesichtspunkten der Lebensqualität eine sehr hohe Bedeutung“, erklärt der Senat. Rund 1,795 Milliarden Euro seien im Jahr 2019 als Brutto-Umsatz durch Tages- und Übernachtungstourismus erwirtschaftet worden. Es gebe dabei große direkte und indirekte Auswirkungen auf den stationären Einzelhandel in der Innenstadt. „Die touristischen Brutto-Umsätze verteilten sich im Jahr 2019 auf den Einzelhandel mit 747,4 Millionen Euro (42 Prozent), auf das Gastgewerbe mit 702,3 Millionen Euro (39 Prozent) und auf sonstige Dienstleistungsbereiche mit 345,5 Millionen Euro (19 Prozent).“

Vom Ausbruch der Pandemie und den Corona-Beschränkungen sei die Bremer Innenstadt und die gesamte Freizeit- und Tourismusbranche massiv betroffen. Von Januar bis November vergangenen Jahres hätten die Beherbergungsstätten ein Minus von 50 Prozent bei den Gästen und Ankünften hinnehmen müssen. Nach dem Lockdown sei nur ein langsamer Anstieg der Übernachtungszahlen zu erwarten.

Ablesbar sei diese Entwicklung auch durch einen starken Rückgang der Passantenfrequenz. Nach Zählungen der City-Initiative waren es jeweils im Vergleich zum Monat des Vorjahres im Mai 2020 in der Sögestraße 51 Prozent weniger Passanten. In der Obernstraße verringerte sich die Frequenz um 34 Prozent, im Schnoor um 57 Prozent und am Wall um 36 Prozent.

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Zur Sache

Ein Gebäude und seine Geschichte

Eigentümerin des C & A-Gebäudes ist die AIK-Immobilien-Investmentgesellschaft, ein Tochterunternehmen der Deutschen Apotheker- und Ärztebank. Beim Kauf vor gut zehn Jahren sollen gut 35 Millionen Euro über den Tisch gegangen sein. Ein enormer Wertzuwachs – zwei Kaufleute aus Münster hatten einige Monate vorher noch 27 Millionen Euro gezahlt und die Immobilie dann gegen Aufpreis schnell weitergereicht. Zuvor hatte sie einem luxemburgischen Fonds gehört. Das Geschäftshaus wurde 1987 erbaut und war 2003 umfangreich saniert worden. Es hat eine Gesamtfläche von etwa 16.500 Quadratmetern, fünf Etagen im Ganzen.

Die AIK hat sich seit der Gründung 1999 als Immobilien-Investmenthaus für berufsständische Versorgungswerke und Pensionskassen etabliert. Der Bestand umfasst Büro- und Geschäftshäuser in Innenstadtlagen europäischer Metropolen. In Bremen ist die AIK mit Häusern in der Obernstraße, der Sögestraße, der Hutfilterstraße und der Museumsstraße vertreten.

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