Atommülltransport nimmt Strecke über Bremen

Der Castor ist durch

Erstmals seit Jahren gibt es wieder einen größeren Rücktransport von Atommüll in Castoren nach Deutschland. Am Dienstag gegen 21 Uhr passierte der Zug den Bremer Hauptbahnhof.
03.11.2020, 21:54
Lesedauer: 3 Min
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Der Castor ist durch
Von Jürgen Hinrichs
Der Castor ist durch

Bewacht von Polizisten rollte der Castor-Transport am Abend durch den Bremer Hauptbahnhof.

Frank Thomas Koch

Der Castortransport hat am Dienstagabend Bremen passiert und ist vom Hauptbahnhof gen Süden gerollt. Zwischenfälle gab es nach Angaben der Polizei keine, wohl aber vereinzelte Proteste der Kernkraftgegner. Der mehrere Hundert Meter lange Zug mit der radioaktiven Fracht kam aus Nordenham, wo die sechs Stahlbehälter aus der britischen Wiederaufbereitungsanlage in Sellafield vom Schiff auf Waggons geladen wurden. Für Deutschland war es der erste große Rücktransport von Atommüll in Castoren seit neun Jahren.

Es gab drei Möglichkeiten, welche Strecke die Dieselloks nehmen: Von Nordenham nach Hude und dann Richtung Westen, über Oldenburg, Lingen und Münster. Von Hude nach Delmenhorst, um dort den Abzweig nach Osnabrück zu wählen. Und die Weiterfahrt von Delmenhorst nach Bremen. In den vergangenen Tagen hatten sich die Anzeichen verdichtet, dass die Bremer Variante den Vorzug erhält. Seit Tagen ist in der Stadt Polizei unterwegs, starke Kräfte von außerhalb, speziell aus Hamburg. Sie hatten sich in Hotels einquartiert, wegen der Corona-Pandemie in Einzelzimmern.

Auch die Bundespolizei zeigte massiv Präsenz und patrouillierte an den Gleisen und im Bahnhofsbereich. Die Eisenbahnbrücke über die Weser wurde seit dem Wochenende bewacht. Im Bereich des Güterbahnhofs, an der sogenannten Oldenburger Kurve, war der Zaun zusätzlich mit Stacheldraht gesichert worden.

Alles Vorkehrungen, um zu verhindern, dass die Gegner des Castortransports Aktionen starten, wie man sie aus dem Wendland kennt. Dort war in der Vergangenheit das Atomzwischenlager Gorleben Ziel der Strahlenfracht. Die Demonstranten hatten Gleise untergraben oder sich angekettet, um die Züge aufzuhalten. Es gab Straßenblockaden und harte, auch gewalttätige Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Castor-Transport

Der 600 Meter lange Zug mit den sechs Castoren verließ am Dienstag gegen 20 Uhr den Bahnhof in Nordenham.

Foto: Sina Schuldt/DPA

Der Protest von damals richtete sich einerseits gegen die Transporte, andererseits und stärker noch gegen den Plan der Bundesregierung, aus dem Zwischenlager in Gorleben ein zentrales Endlager für den deutschen Atommüll zu machen. Beim Widerstand gegen den Castortransport von Nordenham ins Zwischenlager am abgeschalteten Kernkraftwerk im südhessischen Biblis ist die Motivation etwas anders. „Wir müssen uns gemeinsam um eine Entsorgung kümmern“, argumentiert Kerstin Rudek vom Bündnis „Castor stoppen“. Solange es in Deutschland kein Endlager gebe, also die sicherstmögliche Lösung, müssten die Atommülltransporte ausfallen. „Nix rein, nix raus“, fordert Rudek.

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Die Bundesregierung sieht sich dagegen internationalem Recht verpflichtet. Deutschland müsse den eigenen Atommüll zurücknehmen, das sei vertraglich zugesichert worden, erklärten Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) und Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Hinzu komme, dass eine Verschiebung des Transports auch aus logistischen und genehmigungsrechtlichen Gründen nicht in Betracht gekommen sei. Das Land Niedersachsen hatte wegen der Corona-Pandemie um einen späteren Termin gebeten, weil klar war, dass Tausende Polizisten benötigt werden, um die Bahnstrecke und den Castorzug zu schützen. Außerdem bestehe die Gefahr von Zusammenstößen mit Demonstranten. Der Bund ließ sich davon aber nicht erweichen.

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Wie so oft bei Castortransporten war ein Katz-und-Maus-Spiel vorausgegangen. Weder die Polizei noch das Unternehmen Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS), das für die technische Abwicklung zuständig ist, wollten Details preisgeben. Auf der Seite der Castorgegner schossen deshalb die Spekulationen ins Kraut. Angefangen bei der Ankunft des Spezialschiffs „Pacific Grebe“ im Privathafen von Rhenus Midgard in Nordenham, die viel früher erwartet worden war. Bis hin zum Zeitpunkt der Abfahrt des Zuges und der Frage, welche Bahnroute gewählt wird.

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) kritisierte die Proteste gegen den Castortransport. In der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“ appellierte er mit Blick auf Corona an die Castorgegner, „doch einmal nachzudenken, ob es nicht sinnvoller wäre, auf mögliche Gegendemonstrationen zu verzichten – gerade weil wir eine pandemisch brenzlige Situation haben“. Lies betonte, der Atomausstieg sei beschlossen, deshalb mache es keinen Sinn, die alten ideologischen Kämpfe wieder aufleben zu lassen.

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