Frauenquote für Krankenhäuser

Chefärztinnen in Bremen gesucht

Ärztinnen-Verbände fordern sie schon lange, jetzt auch der Ärzte-Präsident: eine Quote für Frauen in Führungspositionen in der Medizin. Auch in Bremer Kliniken gibt es nur wenige Chefärztinnen.
17.07.2019, 20:10
Lesedauer: 4 Min
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Chefärztinnen in Bremen gesucht
Von Sabine Doll
Chefärztinnen in Bremen gesucht

Nach Auskunft der Gesundheit Nord-Sprecherin Karen Matiszick, sind von 70 Chefarzt-Positionen drei von Frauen besetzt.

Weser Kurier Grafik

Die Medizin wird weiblich – und das seit Jahrzehnten. Immer mehr Frauen studieren Medizin, wie Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen: 1975 waren es danach noch knapp 30 Prozent, 1998 schon mehr als die Hälfte und 2017 mehr als 60 Prozent. Aber nur ein kleiner Teil der Ärztinnen schafft es nach oben in die Führungspositionen. Bei den Oberarzt-Stellen in den Krankenhäusern ist bundesweit im Schnitt jede dritte Position von einer Frau besetzt – neun von zehn Chefärzten sind jedoch Männer. Auch in den Bremer Krankenhäusern sind Chefärztinnen selten.

An den vier Standorten des größten Klinikverbunds der Stadt, der Gesundheit Nord (Geno), gibt es rund 70 Chefarzt-Positionen – drei von ihnen sind nach Auskunft von Geno-Sprecherin Karen Matiszick mit Frauen besetzt. „Wir sind ein Unternehmen, das definitiv kein Problem mit Frauen in Führungspositionen hat. Die vierköpfige Geschäftsführung besteht zu gleichen Teilen aus Frauen und Männern, alle vier Standorte werden von Frauen geleitet. Und wir hätten sehr gerne einen höheren Anteil an Chefärztinnen“, so die Sprecherin.

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Dies sei bisher daran gescheitert, dass sich fast ausschließlich Männer beworben hätten. Durch Frauenförderprogramme lasse sich dies offenbar nicht lösen. „Langfristig muss man überlegen, grundsätzlich etwas an den hierarchischen Strukturen zu ändern. Indem man etwa von der klassischen Spitzenposition wegkommt und auf Leitungsteams umschwenkt, in denen auch Ärztinnen und Ärzte in Teilzeit eine Chance hätten“, so Matiszick. Angesichts des Fachkräftemangels und höheren Ansprüchen von Ärztinnen und Ärzten an Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei dies künftig wohl unumgänglich.

Bewerberinnen-Mangel machen auch andere Kliniken für die männliche Dominanz verantwortlich: Im Diako wird laut Sprecher Ingo Hartel als einzige von acht Fachabteilungen die Frauenklinik von einer Chefärztin geleitet. Im St.-Joseph-Stift sind alle acht Chefarzt-Stellen der insgesamt neun Fachabteilungen von Männern besetzt, der Klinik für Naturheilverfahren stehen zwei leitende Ärztinnen vor. „Wir sind grundsätzlich für unterschiedliche Arbeitszeitmodelle und fördern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dabei können wir uns auch Tandem- und Job-Sharing-Modelle vorstellen, bei denen zwei Medizinerinnen die Chefarzt-Position als Team wahrnehmen. Es mangelt jedoch an Bewerberinnen“, sagt Sprecher Maurice Scharmer.

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Verbänden und Initiativen wie "Pro Quote Medizin", "Spitzenfrauen Gesundheit" und dem Deutschen Ärztinnenbund (DÄB) reichen Absichtserklärungen nicht mehr aus. Sie fordern seit vielen Jahren eine Frauenquote: „Persönlich habe ich mich sehr lange gegen eine Quote gewehrt, aber inzwischen bin ich der festen Überzeugung, dass sich ohne eine solche Regelung nichts ändert", sagt DÄB-Präsidentin Christiane Groß. Sie glaubt nicht, dass Krankenhäuser und auch Ärzte-Gremien ohne Druck von außen die starren Hierarchien, die Vollzeit-Männer begünstigten, verändern würden.

Im Mai hat der DÄB eine Studie zu Frauen in Führungspositionen in deutschen Unikliniken veröffentlicht: Danach hat sich die Quote in den vergangenen drei Jahren nur leicht erhöht und liegt bei 13 Prozent. „87 Prozent der Führungspositionen sind nach wie vor mit Männern besetzt. Bei unverändertem Tempo wird eine Parität zwischen Frauen und Männern erst in etwa 32 Jahren erreicht sein. Das bedeutet unter anderem, dass Ausbildung, Therapiekonzepte und die medizinische Meinungsbildung voraussichtlich bis zum Jahr 2051 durch Männer geprägt werden“, kommt die Studie zum Schluss.

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Neben geregelten Arbeitszeiten, Ausgleich von Überstunden, Sharing- und Teilzeitmodellen, mehr und zeitlich angepassten Kinderbetreuungsangebote in den Kliniken müssten auch die Auswahlkommissionen für Bewerber paritätisch besetzt sein. „Wenn dort nur oder überwiegend Männer sitzen, so wie es in vielen Kliniken der Fall ist, hat das Auswirkungen auf die Bewerberauswahl“, sagt Groß. Und auch in anderen Gremien gebe es nach wie vor ein deutliches Missverhältnis zwischen Frauen und Männern, das Beruf und Strukturen präge: Von den 17 Ärztekammern würden nur drei von Frauen geführt.

Eine dieser drei Frauen ist die Bremer Kammerpräsidentin Heidrun Gitter, leitende Oberärztin im Klinikum Mitte und seit Anfang Juni Vize-Präsidentin der Bundesärztekammer. Eine Frauenquote, wie sie der ebenfalls neu gewählte Ärztepräsident Klaus Reinhardt jetzt befürwortet, hält Gitter für schwierig. „Natürlich gehören Frauen in diese Positionen, sie führen weniger hierarchisch und mehr teamorientiert, das ist belegt und höchst effektiv für eine moderne Medizin. Weniger zeitgemäß ist dagegen die Fixierung auf die Position des einen Chefarztes.“ Auch Gitter fordert strukturelle Veränderungen in den Krankenhäusern wie Führungsteams, gerade auch verantwortliche Tätigkeiten müssten nicht immer Vollzeit sein.

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Bevor eine Quote scharf geschaltet wird, fordert sie: „Als Vorstufe müssen Kliniken bei der Besetzung einer Führungsposition aktiv nachweisen, was sie getan haben, um die Bewerbungsquote von Frauen zu befördern und diese dann bei der Vorauswahl auch bevorzugen.“

Was die Bremer Kammer-Chefin und die DÄB-Präsidentin aber auch beobachtet haben und nicht nur auf die Medizin zutreffe: „Frauen stellen ihr Licht im Gegensatz zu Männern eher unter den Scheffel, obwohl sie qualifiziert sind. Dem muss man als Klinik aktiv gegenübertreten, sie fördern und auffordern“, so Gitter. Groß: „Frauen müssen besser informiert und Ärztinnen-Netzwerke gestärkt werden. Und: Frauen brauchen mehr Vorbilder in diesen Positionen.“

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