Bremer Bau im Frühjahr fertig

City-Gate steht vor Öffnung

Nachdem die meisten Gerüste entfernt wurden, entfalten die beiden umstrittenen Neubauten vor dem Bahnhof jetzt ihre volle Wirkung.
19.12.2018, 19:50
Lesedauer: 4 Min
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City-Gate steht vor Öffnung
Von Jürgen Hinrichs
City-Gate steht vor Öffnung

Am City-Gate sind die letzten Gerüste abgebaut worden.

Frank Thomas Koch

Nun stehen sie da, die beiden Häuser. Manche sagen, in ihrer ganzen Monumentalität, zu groß, zu mächtig, und überhaupt: Musste man an der Stelle unbedingt bauen? Andere fühlen sich bestätigt, loben die Geste der Gebäude, das Großstädtische, etwas, was Bremen sonst eher abgeht. Wieder andere, die vorher kritisch waren, sind überrascht: Sieht doch ganz gut aus, gar nicht so schlimm. Das City-Gate vor dem Bahnhof ist zwar noch nicht fertig, in dieser Woche sind aber endgültig die Hüllen gefallen und die letzten Gerüste abgebaut worden.

Max Dudler, der Architekt, hat sich für eine streng gerasterte Fassade aus hellem Naturstein und schmalen Fenstern entschieden. So wie beim Gebäude, das auf der Ecke Bahnhofstraße/Herdentorsteinweg steht und ebenfalls von Dudler stammt. Kritiker sprechen von „Schießschartenarchitektur“. Die Zunft der Planer lobt dagegen die Klarheit, den hohen Wert und die Zeitlosigkeit der Bauten.

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Sind sie erst einmal bezogen, was nach und nach im Frühjahr und Sommer geschehen wird, dürfte sich der Pulverrauch einer teilweise erbittert geführten Debatte über das 100-Millionen-Projekt endgültig verzogen haben. Dann rücken solche Fragen in den Vordergrund, wie die 60 Meter lange Passage von den Menschen angenommen wird und ob der Druck wächst, die Hochstraße abzureißen, diese hässliche Tangente auf Stelzen.

Das Übel aus der Grube

Einmal hat sie bereits einen mitbekommen, die Hochstraße in Schräglage, minimal, aber gravierend genug, sie für die Reparatur einen Tag sperren zu müssen. Zu tun hatte das mit einem Übel, das aus der Grube kam. Sie war nicht stabil, die Erde an den Rändern sackte weg, mit Folgen für die Hochstraße, aber auch für die Schienen der Straßenbahn. Eines der Gleise konnte nicht mehr befahren werden, zu groß die Gefahr, dass etwas passiert und die Fahrgäste Schaden nehmen.

Die Baustelle wurde stillgelegt, so lange, viele Monate, dass bald vom „Bremer Loch“ die Rede war. Nichts tat sich, und an manchen Stellen wuchs in der Grube sogar Gras über die Sache. Bis heute liegen der Bauherr, die Hamburger Achim-Griese-Treuhandgesellschaft, und das Tiefbauunternehmen Implenia im Streit miteinander, wer für das Malheur verantwortlich ist. Die Argumente werden vor Gericht ausgetauscht, es geht um Schadensersatz in Millionenhöhe.

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Als die 18 Meter tiefe Grube hinreichend gesichert war und endlich weitergebaut werden konnte, geriet das Projekt in ruhigeres Fahrwasser. Es bleibt freilich der Ärger, dass dort, wo Bremen seine Gäste empfängt, und das Entree mit der Hochstraße und den in die Jahre gekommenen Bauten drumherum ohnehin kein Willkommensgruß ist, so lange zunächst Brache und dann Baustelle war. Vom Kauf der 5555 Quadratmeter großen Fläche bis zum symbolischen ersten Spatenstich, für den unter anderem Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) posierte, vergingen dreieinhalb Jahre. Rechnet man die Bauzeit hinzu, hing das Tor zur Stadt mehr als sieben Jahre lang aus den Angeln.

Blick auf den Bahnhof ist versperrt

Seit die beiden Gebäude gewachsen sind und am Ende mit 27,5 Metern ihre volle Höhe erreicht haben, ist der Blick von der Hochstraße zum Bahnhof versperrt. Der 130 Jahre alte Bau im Stil der Neorenaissance wird von der neuen Umgebung erdrückt, beklagen die Kritiker des City-Gate. Die Bremer Architektenschaft hält dagegen und betont, dass der Bahnhof jetzt erst richtig zur Geltung kommt. Er verliert sich mit dem Platz davor nicht länger in der weiten Fläche, wie es vorher war. Das Bild bekommt einen Rahmen, so das Argument.

Genau betrachtet, weichen die neuen Häuser sogar vor dem Bahnhof zurück. Die Etagen rücken nach oben hin immer weiter ein, jedes Mal um 40 Zentimeter, was dem City-Gate ein wenig die Wucht nimmt. Es sind nicht gleich Pyramiden, die dort hingepflanzt wurden, so stark ist der Effekt nicht, subtil teilt er sich aber doch mit.

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Der Bauherr lässt sich diesen architektonischen Kniff einiges kosten, vor allem weil er Geschossfläche verliert. Unterm Strich sind es jetzt 35 230 Quadratmeter, die vermietet werden – an zwei Hotels, den Einzelhandel und das Dienstleistungsgewerbe. Neben Rewe und Woolworth nehmen die Drogeriekette DM, eine Filiale der Backfactory, ein Kiosk und eine Eisdiele im City-Gate Platz. Außerdem verschiedene medizinische Dienstleister.

Es wird einen Schlüsseldienst geben und einen Ticketverkauf der Bremer Straßenbahn AG. Die gastronomische Seite decken das Pizza-Pasta-Restaurant Vapiano und die Burgerkette Hans im Glück ab. Das Parkhaus im zweiten und dritten Untergeschoss wird von den Brepark betrieben. Es umfasst 290 Stellplätze.

Deckel drauf und gut

Das „Bremer Loch“ ist Geschichte. Wo 6000 Tonnen Stahl verarbeitet wurden und 31 000 Kubikmeter Beton, kann kein Loch mehr sein. Drei Untergeschosse und ein halbes stecken in der Erde. Das Grundwasser kann ihnen nichts mehr anhaben. Nachdem das dritte Obergeschoss seine Decke bekommen hatte, drohte keine Gefahr mehr. Deckel drauf und gut.

Welche Dimension die Probleme hatten, kam erst spät heraus. „Wir wussten manchmal nicht mehr, ob die Grube zu retten ist oder ob die Prüfingenieure sagen, dass sie geflutet werden muss“, erklärte vor einem Jahr ein Vertreter des Bauherrn. Das Szenario mochte man sich nicht vorstellen: vorm Bahnhof keine Bauten, sondern ein großer See. Die bittere Ironie wäre gewesen, dass an der Stelle mal eine Badeanstalt stand. Nun aber steht fest, dass der große Plan, das City-Gate, kein Schlag ins Wasser ist.

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