Spielstätten in der Corona-Krise

Angst vor Clubsterben in Bremen

Clubbetreiber aus Bremen kritisieren das Konjunkturprogramm des Bundes. Das Wirtschaftspaket reiche nicht aus, so drohen Insolvenzen und der Ruin für zahlreiche Spielstätten.
09.06.2020, 05:00
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Angst vor Clubsterben in Bremen
Von Pascal Faltermann
Angst vor Clubsterben in Bremen

Auf Abstand in der Lila Eule (v.l.): Sebastian Syeren (Römer), Robert Woltersdorff (Modernes), Michael Pietsch (Lila Eule), Julia von Wild (Clubverstärker), Gero Stubbe (Koopmann Concerts) und Olli Brock (Tower, Pier 2).

Christina Kuhaupt

Die Discokugel dreht sich nicht mehr, die Lautsprecherboxen bleiben stumm. Bremer Clubs und Musikspielstätten sind spätestens seit dem Corona-Lockdown Mitte März geschlossen. Seitdem strahlte kein Licht mehr auf der Bühne, unterm Zapfhahn liegt höchstens ein trockenes Handtuch.

Insolvenzen und der finanzielle Ruin drohen. Auch wenn jetzt das Konjunkturprogramm des Bundes den Lokalitäten helfen soll, sind sich zahlreiche Bremer Clubbetreiber einig, dass das Wirtschaftspaket nicht reicht. „Drei Monate sind vergangen und die Soforthilfe ist aufgebraucht. Alleine werden wir es nicht schaffen“, sagt Olli Brock, Geschäftsführer des Pier 2 und des Tower Musikclubs.

„Es hat sich keiner richtig Gedanken gemacht“, kritisiert Gero Stubbe, Konzertveranstalter von Koopmann Concerts, die Regeln und definierten Parameter des Hilfspakets. Er kann nicht verstehen, warum nur bis zu 80 Prozent der Fixkosten übernommen werden. Durch die Schließung der Clubs brechen 100 Prozent der Einnahmen weg, sagt er. Das gelte dann auch für zahlreiche Veranstalter und Agenturen. Hier sei eine individuelle Betrachtung der jeweiligen Unternehmen notwendig.

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Insgesamt fühlen sich die Clubbetreiber beim Bremer Wirtschaftsressort gut aufgehoben. Mit Senatorin Kristina Vogt (Linke) habe man bei einer Experten-Anhörung herausgearbeitet, dass die Spielstätten und Veranstalter in der Livemusikbranche ein Konjunkturpaket benötigten, das mindestens in das erste Halbjahr 2021 hinein reiche. Der für das Konjunkturprogramm des Bundes definierte Zeitraum von drei Monaten sei viel zu kurz, betont Brock.

Im Pier 2 in der Überseestadt habe er monatliche Fixkosten von 18 000 bis 20 000 Euro, im Tower Musikclub etwa 6000 Euro pro Monat. Unter die Fixkosten fallen die Ausgaben für Miete, Versicherung, Nebenkosten wie Strom und Wasser oder Telefon und Internet. Diese sollten für zwölf besser noch für 18 Monate garantiert werden, also so lange kein normaler Betrieb möglich ist, so die Forderung.

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Eine langfristige Planungssicherheit sei notwendig, ergänzt Julia von Wild vom Clubverstärker. Um 100 Prozent der Fixkosten zu decken, solle vom Senat geprüft werden, ob die Programme des Bundeswirtschaftsministeriums und des neuen Kulturhilfspakets der Bundesregierung kombiniert werden könnten. Die Clubs werden von der Wirtschaft unterstützt, wollen aber bundesweit als Kultureinrichtungen und nicht nur als Vergnügungstempel anerkannt werden.

"Unter den derzeitigen Bedingungen der Corona-Pandemie ist ein Normalbetrieb nicht möglich", sagt Sebastian Syeren, Programmchef im Römer. Mit den Abstandsregeln gehe das nicht, ein Club lebe vom Livegefühl, vom dicht gedrängten Publikum. "Es ist großer Quatsch zu öffnen“, sagt Stubbe. Das bestätigen auch die anderen Clubchefs, die alle Verständnis haben für die Maßnahmen. Doch durch die behördlichen Verfügungen könnte beispielsweise das Pier 2 nur für 268 statt 2800 Besucher öffnen, der Schlachthof für 95 statt 950 Gäste, die Lila Eule für 25 statt 200 Personen.

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"Damit kann niemand wirtschaftlich rentabel arbeiten", sagt Robert Woltersdorff, Betriebsleiter im Modernes in der Bremer Neustadt. Das funktioniere nur mit einer Auslastung der Läden. "Abstandsregeln bei Veranstaltungen bedeuten ein Veranstaltungsverbot", heißt es vom Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft. Wenn es bei den derzeitigen Hilfen bleibe, werde die Lila Eule nur noch für Disco und Party öffnen können.

„Dann werden wir keine Konzerte mehr veranstalten, die sind oft ein Minusgeschäft“, sagt Eule-Betreiber Michael Pietsch. Wenn die kleinen Clubs der Stadt verloren gingen, mache das auch den großen Betreibern zu schaffen, sagt Brock. Viele der angesagten, überregional bekannten Musiker und Künstler hätten in kleinen Spielstätten ihre ersten Auftritte. „Clubs sind ein wichtiger Standortfaktor für die Stadt, der gefördert werden muss“, sagt Woltersdorff.

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Weitere Aspekte nennt Pietsch: „Wir brauchen Lösungen für Minijobber. Löhne für Betreiber und Mitarbeiter, die betriebsrelevant sind, müssen gedeckt werden, und Stundungen müssen unkompliziert laufen.“ Nun lege die Bremer Szene ihre Clubs vertrauensvoll in die Hände der Politik, sagt Brock. Und was sagt die Politik?

„Der Bereich der Konzerte und Bühnen ist nicht nur für die dort arbeitenden Menschen wichtig, sondern trägt erheblich zur Attraktivität der Stadt bei", sagt Senatorin Vogt. Für die Veranstaltungs- und Konzertbranche sei es zwingend notwendig, dass die Überbrückungshilfen des Bundes auch über den 31. August hinaus zur Verfügung stehen. "Wir werden uns im Rahmen der Wirtschaftsministerkonferenz weiterhin dafür einsetzen.

Ob die 80 Prozent ausreichen oder gegebenenfalls noch aufgestockt werden müssen, werden wir uns anschauen müssen", betont Vogt. Auch wenn die ersten Konzerte wieder stattfinden könnten, sei aufgrund der Abstandsregelungen ein wirtschaftlicher Betrieb noch lange nicht gewährleistet. "Wir müssen uns auch darüber Gedanken machen, wie wir der Veranstaltungsbranche in der Zeit nach Corona zu einem Neustart verhelfen können.“

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