Interview nach Aladin-Insolvenz in Bremen

"Clubs sind wichtig für Lebensqualität"

Olli Brock vom Vorstand der Interessensgemeinschaft Clubverstärker spricht über die Situation der Bremer Veranstaltungsstätten. Er wünscht sich mehr Hilfe von Politik und Stadt.
15.11.2018, 21:24
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Pascal Faltermann
"Clubs sind wichtig für Lebensqualität"

Die Dichte an Konzerten – hier der Auftritt von den Beatsteaks im Tower Musikclub – ist laut Olli Brock immens gestiegen.

Pascal Faltermann

Herr Brock, an der Discomeile schließen Clubs, nun hat das Aladin Insolvenz angemeldet. Stirbt Bremens Clublandschaft aus?

Olli Brock: Nein, auf gar keinen Fall. Außer dem Woodys und der Lightplanke hat kein einziger Club auf der Discomeile geschlossen. Für die Lightplanke ist längst ein Nachfolger gefunden. Auch das Aladin hat ja noch lange nicht geschlossen! Die nächsten drei Monate sind bereits gesichert, alle Veranstaltungen finden wie geplant statt. Das zeigt ja, dass auch der eingesetzte Insolvenzverwalter zuversichtlich und optimistisch ist, was eine Fortführung angeht. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die Kollegen vom Aladin innerhalb dieser drei Monate eine Lösung präsentieren können und der Stadt Bremen diese Spielstätte mit einer solch langen Tradition erhalten bleiben wird. Ein bisschen weniger Panikmache und Sensationsgier würde uns allen, übrigens auch der Presse, sehr gut zu Gesicht stehen.

Lesen Sie auch

Wie bewerten Sie die Situation der Clubs? Müssen Bremer Veranstaltungsstätten um ihre Existenz kämpfen?

Privat geführte Veranstaltungsstätten in der freien Wirtschaft haben zu kämpfen, seitdem es sie gibt. Das ist in Bremen so und auch in den meisten anderen Städten. Es gibt gute Jahre und weniger gute – wie in jedem Wirtschaftszweig. Wenn natürlich solch ein Jahrhundertsommer wie in diesem Jahr dazu kommt, wird es gerade für die Clubs erheblich schwieriger über die Runden zu kommen. Dazu kommt, dass die Anzahl der großen und kleinen Festivals massiv zugenommen hat, vor allem in unserer direkten Umgebung. Auch die ständig steigenden Kosten und Auflagen machen den Clubbesitzern das Leben schwer. Dazu kommt, dass der bürokratische Aufwand immer größer wird. Man muss schon sehr enthusiastisch sein und die Musik lieben, wenn man heutzutage einen Club betreibt.

Lesen Sie auch

Stimmt es, dass Bands nach Auftrittsorten suchen und die großen Rock- und Popstars nicht mehr in Bremen halt machen?

Diese Frage ist aus meiner Sicht Quatsch und macht mir echt schlechte Laune. Nennen Sie mir doch mal einen namhaften deutschsprachigen Künstler, der noch nicht in Bremen gespielt haben soll. Mir fällt absolut niemand ein. Machen Sie sich gerne mal die Mühe und zählen die Konzerte der vergangenen drei Jahre in der Stadt. Dann vergleicht man die Zahl mit Konzerten aus den Jahren 2000 bis 2003.

Zu welchem Ergebnis kommen Sie?

Die Dichte an Konzerten ist immens gestiegen, gerade auch die Anzahl an kleinen Clubkonzerten mit jungen, neuen, aufstrebenden und spannenden Bands. Schauen Sie doch mal auf die Programmpläne vom Lagerhaus, der Lila Eule, dem Tower oder dem Karton. So eine große Auswahl an Konzerten wie in den vergangenen zwei, drei Jahren gab es in Bremen noch nie. Wir als Veranstalter haben teilweise sogar schon Probleme, freie Termine zu bekommen. Versuchen Sie mal, einen Freitag oder Sonnabend im Herbst und Winter 2019 im Kulturzentrum Schlachthof für ein Konzert zu bekommen. Da wird es nicht mehr sehr viel Auswahl geben.

Lesen Sie auch

Was läuft falsch in der Wahrnehmung?

Die ziemlich ausgedünnte Bremer Presselandschaft ist mit ein Grund dafür, dass der eine oder andere große Name an uns vorbei geht. Wenn zum Beispiel eine Band wie Coldplay ein Konzert in Hamburg spielt und im Vorfeld eine Pressekonferenz abhält, sind gleich 50 bis 60 Medienvertreter vor Ort. In Bremen wären höchstens zehn am Start. Und eine starke Medienpräsenz ist den Managements der Weltstars natürlich extrem wichtig. Auch die lokale Clubszene wird aus meiner Sicht von der örtlichen Presse leider oft eher stiefmütterlich behandelt. Man sollte der neuen Musik und den frischen Bands viel mehr Platz einräumen.

Andere Städte sind also interessanter für die großen Bands?

Die absoluten Weltstars spielen einfach generell noch höchstens drei oder vier Termine in Deutschland, und dann sind Städte wie Hamburg, Berlin, Köln und München sehr viel interessanter. Einer Stadt wie Osnabrück oder Münster geht es da nicht viel anders als uns.

Lesen Sie auch

Müssten Clubs und Konzerträume staatlich unterstützt werden? Was läuft in anderen Städten besser?

Das wäre sehr wünschenswert. Es wird Zeit, dass die Politik umdenkt und erkennt, dass gerade auch die Clubs extrem wichtig für die Kultur und die Lebensqualität einer Stadt sind. Andere Städte wie zum Beispiel Groningen sind da viel weiter. Selbst in nächster Umgebung, nämlich in Hamburg, gibt es von der Stadt Unterstützung für private Clubs. Dort werden in einem Förderprogramm die anfallenden Gema-Gebühren für Konzerte, ein nicht unerheblicher Kostenfaktor, von der Stadt Hamburg übernommen. So etwas müsste sich unsere Kulturbehörde zum Vorbild nehmen. Statt immer nur auf einzelne Großprojekte zu setzen, sollte man sich auch endlich mal mit kleinen, nicht minder interessanten Projekten auseinandersetzen.

Wie kann der Clubverstärker einzelnen Spielstätten helfen?

Der Clubverstärker ist ein Verbund von Spielstätten, Clubs und Kneipen aus Bremen, Oldenburg und dem Umland. Unser Verein besteht also ausschließlich aus Mitgliedern, die sich in der hiesigen Kulturszene bewegen und auskennen. Wir organisieren für unsere Mitglieder Workshops zu Themen wie Gema, Künstlersozialkasse oder auch Social Media. Wir starten in Kürze mit einer eigenen App namens Clubverstärker, der als Veranstaltungskalender einen Überblick bieten wird, was in unseren Clubs passiert. Schon jetzt dient der Clubverstärker als Interessenvertretung gegenüber der Politik und Behörden, jedoch gerade an dieser Stelle hakt es zur Zeit aus unserer Sicht noch etwas. Wir würden uns wünschen, hier noch viel mehr mit einbezogen, gehört und von der Politik wahrgenommen zu werden.

Die Fragen stellte Pascal Faltermann.

Pier 2 - Neuer Betreiber

Olli Brock, Betreiber des Pier 2.

Foto: Christina Kuhaupt

Info

Zur Person

Olli Brock (46)

ist Mitglied im Vorstand des Clubverstärkers, einem Verbund von Bremer Musikspielstätten. Brock betreibt zudem das Pier 2 und ist Chef des
Tower Musikclub und der Kneipe Malenchen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+