„Erhebliche Hygienemängel“

Coronavirus-Ausbruch in Bremer Pflegeheim

Mindestens zwölf Bewohner und ein Mitarbeiter sind in einer Pflegeeinrichtung in Bremen-Osterholz mit dem Coronavirus infiziert. Die Behörde hat einen Belegungsstopp wegen „erheblicher Hygienemängel“ verhängt.
08.05.2020, 16:32
Lesedauer: 3 Min
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Coronavirus-Ausbruch in Bremer Pflegeheim
Von Sabine Doll
Coronavirus-Ausbruch in Bremer Pflegeheim

In einer Pflegeeinrichtung in Bremen-Osterholz gibt es einen Ausbruch von Coronavirus-Infektionen.

Tom Weller/dpa

Die Bremer Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob ein strafrechtliches Verfahren gegen eine Seniorenresidenz in Bremen-Osterholz eingeleitet wird: Anlass ist ein Ausbruch von Corona-Infektionen in der Pflegeeinrichtung. Zwölf Bewohnerinnen und Bewohner sowie ein Mitarbeiter wurden positiv auf Sars-CoV-2 getestet. Das teilte Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) am Freitag mit. Die Seniorenresidenz steht den Angaben zufolge unter Quarantäne, außerdem wurden ein Belegungsstopp und zahlreiche Auflagen zur Basishygiene verhängt. Anlass für die Maßnahmen sind „erhebliche Hygienemängel“. Die Anordnungen sollen „eine dringlichst angezeigte Abwendung der Gefahr für Leib und Leben“ herbeiführen.

Wegen der festgestellten Hygienemängel und angesichts der demenziell erkrankten Bewohnerinnen und Bewohner geht die Behörde von einer hohen Anzahl an Folgefällen aus. Die Einrichtung habe über das lange Maiwochenende mehrere Tage verstreichen lassen, bevor sie Betroffene mit Symptomen an die Behörde gemeldet habe. „Damit ist wertvolle Zeit verstrichen, die Ausbreitung frühzeitig zu verhindern“, sagte Stahmann.

Am Donnerstag habe es eine ärztliche Begutachtung durch das Gesundheitsamt und den Rettungsdienst in der Einrichtung gegeben: „Insgesamt hatten beide Ärzte einen extrem schlechten Eindruck von der hygienischen Situation in der Einrichtung, teilweise auch vom Zustand er Bewohner“, heißt es laut Mitteilung in der Anordnung der Wohn- und Betreuungsaufsicht (WBA). Die bisher erfolgten Personalschulungen zu Basishygienemaßnahmen seien nicht wirkungsvoll gewesen. Außerdem würden in der Einrichtung nicht ausreichend Desinfektionsmöglichkeiten vorgehalten. Damit sei eine konsequente Umsetzung der Hygienemaßnahmen nicht möglich. Weiterer Kritikpunkt der Aufsichtsbehörde: Das vorhandene persönliche Schutzmaterial wie Masken und Kittel sei „nicht sachgerecht“ eingesetzt worden.

Die Einrichtung ist bereits seit Anfang April im Fokus der Wohn- und Betreuungsaufsicht: Es seien umfangreiche mündliche und schriftliche Empfehlungen zur Umsetzung hygienischer Schutzmaßnahmen ausgesprochen worden, heißt es in der Mitteilung. Mitarbeiter seien jedoch entgegen der Empfehlungen in der gesamten Einrichtung eingesetzt worden anstatt in abgegrenzten Wohnbereichen. Die Bewohner hätten sich zudem im gesamten Haus und im Garten aufgehalten. Stahmann: „Die Infektionskette kann daher nur schwer nachvollzogen werden.“

In einem Schreiben der WBA heiße es: „Die aufgetretenen Infektionen bestätigen, dass die Einrichtungsverantwortlichen sich (...) nicht ausreichend auf die Möglichkeit einer Covid-19-Infektion innerhalb der Einrichtung vorbereitet haben.“ Die Aufsicht habe die Einrichtung in den vergangenen Tagen mehrfach aufgesucht und eine Reihe von Anordnungen zum Schutz der Bewohner erlassen. „Der Betriebsablauf der Pflegeeinrichtung weist (...) eine Vielzahl von Missständen und Versäumnissen auf, welche gerade hinsichtlich der gegenwärtigen Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden Gefahren für die Gesundheit und das Leben dringend abzustellen sind.“

Neben Quarantäne und Belegungsstopp wurde die Einrichtung verpflichtet, ab Montag externe Qualitätsbeauftragte einzusetzen, teilt die Sozialbehörde mit. Darüber hinaus sei angeordnet worden, "ab sofort sicherzustellen, dass allen Mitarbeitenden (...) die sogenannten Basishygienemaßnahmen bekannt sind und konsequent eingehalten werden". Hygieneschulungen seien ab sofort "täglich durchzuführen, bis alle Mitarbeitenden aller Bereiche (einschließlich Personaldienstleister) geschult sind" - in Theorie und Praxis. Eine Leitungskraft müsse zudem "täglich sowie an Wochenenden und Feiertagen schichtübergreifend mindestens acht Stunden täglich" anwesend sein und zur Verfügung stehen", so die weiteren Auflagen.

Seit Ausbruch der Pandemie wurden nach Angaben der Bremer Gesundheitsbehörde 110 Corona-Infektionen in zwei aktuell betroffenen und sieben rehabilitierten Pflegeeinrichtungen registriert (Stand Freitagabend). Bei 70 Fällen handelt es sich um Bewohner, 33 von ihnen sind genesen, 19 Menschen sind gestorben. 40 Fälle betreffen Mitarbeiter, 21 sind inzwischen genesen.

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