Weniger Infarktpatienten

„Corona-Delle“ in Bremen kleiner als im deutschen Durchschnitt

Menschen mit Herzinfarkten, Schlaganfällen und psychischen Erkrankungen wurden im Frühjahr seltener in den Kliniken aufgenommen. In Bremen sank die Zahl nicht so stark wie im Bundesdurchschnitt.
02.09.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Corona-Delle“ in Bremen kleiner als im deutschen Durchschnitt
Von Joerg Helge Wagner
„Corona-Delle“ in Bremen kleiner als im deutschen Durchschnitt

Auch in Bremer Kliniken wurden weniger Infarkt- und Schlaganfall-Patienten behandelt. Die sogenannte "Corona-Delle" fällt im Bundesvergleich aber kleiner aus.

Sven Hoppe/dpa

Von einer „Corona-Delle“ spricht die Deutsche Angestellten-Krankenkasse (DAK) in ihrer jüngst veröffentlichten Analyse: Danach sind wegen der Corona-Pandemie in den Kliniken die Einweisungszahlen anderer Schwerkranker deutlich gesunken. In den Monaten März bis Mai betraf dies vor allem Menschen mit Herzinfarkten, Schlaganfällen und psychischen Erkrankungen. In Bremen sind die Rückgänge bei diesen Krankheitsfällen zwar ebenfalls deutlich, aber doch nicht so stark wie im Bundesdurchschnitt.

„Generell gab es in den Corona-Monaten bei den Krankheiten und Störungen des Kreislaufsystems einen Fallzahlrückgang von rund zehn Prozent in den hiesigen Kliniken“, berichtet Jörn Hons, Sprecher der AOK Bremen/Bremerhaven. „Darunter fallen Herzinfarkte, aber eben auch andere Herz-Kreislauf-Krankheiten.“

Die Handelskrankenkasse (HKK) verzeichnete hingegen im März und April nur einstellige Rückgänge bei den Herzinfarkten, im Mai waren es dann gegen den Trend mehr als 20 Prozent – allerdings bei einer „insgesamt sehr geringen Fallzahl“, wie Sprecher Ilja Mertens betont. Nach der DAK-Analyse wurden bundesweit allein im März 26,6 Prozent weniger Infarkt-Patienten aufgenommen als im Jahr zuvor. Im Mai waren es immer noch 13,8 Prozent weniger.

Für den Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) nennt Sprecherin Karen Matiszick keine Prozente, sondern beispielhaft absolute Zahlen. Im Klinikum Links der Weser habe man im Januar noch 161 Infarktpatienten behandelt, im März dann nur noch 134, im Juli wieder 149. Ähnlich, aber es etwas flacher, sei die Entwicklung der Fallzahlen bei den Schlaganfällen im Klinikum Mitte verlaufen.

„Durchaus besorgniserregend“

"Bei Notfällen wie Herzinfarkt und Schlaganfall ist ein Nachholen der Behandlung natürlich nicht möglich", räumt Matiszick ein. Insofern sei der Rückgang der Fallzahlen „Durchaus besorgniserregend“. Es gebe aber noch keine verlässlichen Zahlen, ob es tatsächlich viele Patienten gibt, deren Langzeitprognose sich verschlechtert hat, weil sie trotz ihrer Symptome nicht ins Krankenhaus gekommen sind.

Mit mehr als 267.000 Versicherten ist die AOK Marktführer unter den Krankenkassen im Land Bremen, entsprechend aussagekräftig sind die jetzt von ihr genannten Zahlen. Auch bei den Krankheiten des Nervensystems – unter anderem Schlaganfälle – gab es laut Hons einen Rückgang von rund zehn Prozent. Das liegt ebenfalls unter den von der DAK ermittelten bundesweiten Werten.

Schon Ende Juni hatte das Wissenschaftliche Institut der AOK eine erste Auswertung zur Veränderung der Krankenhaus-Fallzahlen durch die Corona-Krise veröffentlicht. Danach gingen in der Lockdown-Phase vom 16. März bis zum 5. April die Behandlungszahlen von Herzinfarkten bundesweit sogar um 31 Prozent zurück. Doch Institutsleiter Jürgen Klauber wies auch darauf hin, dass dies nicht ausschließlich an der Angst der Patienten vor einer Infektion im Krankenhaus liegen müsse: „Denkbar ist beispielsweise ein Absinken des allgemeinen Stresslevels durch Homeoffice und Kurzarbeit.“ Das könnte auch erklären, warum seit Juni dramatische Steigerungen bei den Infarktbehandlungen ausbleiben.

Lesen Sie auch

Während auch Hons bei Infarkten und Schlaganfällen keinen Nachholeffekt erwartet, sieht es bei den seelischen Erkrankungen anders aus: „In der Psychiatrie gingen die Behandlungen von März bis Mai ebenfalls stark zurück. Im Juni hatten wir minus vier Prozent im Vergleich zu 2019, im Juli aber plus ein Prozent. Hier rechnen wir damit, dass es einen gewissen Nachholeffekt gibt.“ Die einschlägigen Kliniken seien inzwischen wieder ausgelastet. Und die AOK erwartet, dass es im August und September deutlich mehr Behandlungen gibt als 2019. HKK-Sprecher Mertens hingegen rechnet nicht damit: „Hier pendeln sich die Aufnahmezahlen langsam wieder auf dem Vorjahresniveau ein.“

Zwölf Betten reserviert

Einen Nachholbedarf sieht Geno-Sprecherin Matiszick eher bei den planbaren Operationen, die wegen der Corona-Krise verschoben wurden. „Notfälle – auch solche, die nichts mit Covid-19 zu tun hatten – wurden natürlich immer behandelt“, betont sie. Allerdings könne man die Operationssäle auch jetzt maximal zu 90 Prozent auslasten, da man immer noch Kapazitäten für Covid-19-Patienten freihalten müsse. Ausschließlich für sie seien auch weiterhin zwölf Intensivbetten reserviert. Für jedes dieser Betten zahlt der Bund den Kliniken eine Tagespauschale von 560 Euro.

Bei den stationären Behandlungszahlen, welche die AOK Ende Juni für die Lockdown-Phase ermittelt hat, fällt noch der Ländervergleich auf. Danach war der Rückgang in Bremen mit 35 Prozent deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 39 Prozent. Auch Niedersachsen blieb knapp darunter (38). Am stärksten war der Rückgang laut AOK-Studie in Rheinland-Pfalz (43), am niedrigsten in Sachsen (34).

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+