Erkenntnisse aus Bremen und Niedersachsen

Corona-Studie: Jeder zweite Beatmete stirbt

Wer infolge einer Covid-19-Erkrankung beatmet werden muss, überlebt verhältnismäßig selten. Diese und viele weitere Erkenntnisse gehen jetzt aus einer deutschlandweit repräsentativen Studie hervor.
30.07.2020, 07:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Felix Wendler und Gisela Gross
Corona-Studie: Jeder zweite Beatmete stirbt

Gerade ältere Patienten, die infolge einer Covid-19-Erkrankung beatmet wurden, überlebten verhältnismäßig selten.

Christophe Gateau/dpa

Gut ein Fünftel der Corona-Patienten, die im Frühjahr in deutschen Kliniken aufgenommen wurden, hat laut einer Studie nicht überlebt. Besonders hoch war die Sterblichkeit mit 53 Prozent bei Patienten, die beatmet wurden. Das geht aus einer Analyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido), der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) und der Technischen Universität Berlin hervor. Insgesamt lagen der Untersuchung Daten von rund 10 000 Patienten zugrunde, von denen etwa 1700 beatmet wurden. Von den Krankenhauspatienten, die nicht beatmet wurden, starben 16 Prozent.

Die Analyse, die im Fachblatt „The Lancet Respiratory Medicine“ erschienen ist, liefert laut Mitteilung der Autoren vom Mittwoch erstmals bundesweite und bevölkerungsrepräsentative Ergebnisse zur Behandlung von Covid-19-Patienten in Deutschland. Quelle waren Abrechnungsdaten der Krankenkasse AOK. Diese bildeten knapp ein Drittel der deutschen Bevölkerung ab, hieß es. Die untersuchten Daten betreffen Patienten, die zwischen dem 26. Februar und dem 19. April in 920 deutschen Krankenhäusern stationär aufgenommen wurden.
Das Wido hat dem WESER-KURIER auf Anfrage gesonderte Zahlen für Bremen und Niedersachsen zur Verfügung gestellt. Denen zufolge liegt die Sterberate dort im Vergleich zur bundesweiten Studie leicht höher. Von den 711 Patienten, die im besagten Zeitraum in Bremer und niedersächsische Krankenhäuser eingeliefert wurden, starben demnach 22 Prozent. Bei den beatmeten Patienten lag der Anteil der Todesfälle bei 59 Prozent.

„Die hohen Sterblichkeitsraten machen deutlich, dass in den Kliniken relativ viele Patienten mit einem sehr schweren Krankheitsverlauf behandelt wurden. Diese schweren Verläufe betreffen eher ältere und gesundheitlich bereits beeinträchtigte Menschen, kommen aber auch bei jüngeren Patienten vor“, so Wido-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Ähnliches ist auch aus Bremen zu vernehmen. Rolf Dembinski leitet die Klinik für Intensivmedizin und Notfallmedizin am Klinikum Bremen-Mitte. Dass die Krankheitsverläufe bei älteren Patienten durchschnittlich schwerwiegender seien und die Sterberate bei dieser Gruppe höher als bei jüngeren Erkrankten liege, kann er bestätigen. „Es gibt aber durchaus auch schwere Verläufe bei jüngeren Leuten“, sagt er. Zwar sei die Anzahl der bisher eingelieferten Covid-19-Patienten für eine repräsentative Aussage zu klein, grundsätzlich decken sich seine Beobachtungen aber mit den Ergebnissen der deutschlandweiten Studie. 16 Patienten habe er seit Beginn der Pandemie behandelt, vier davon seien gestorben, zwölf mittlerweile entlassen worden. Aktuell befänden sich weitere vier Personen bei ihm in Behandlung, sagt Dembinski.

Dass Kliniken wie die von Rolf Dembinski auf eine zweite Pandemie-Welle optimal vorbereitet sind, formulieren die Macher der Studie als wichtiges Ziel. „Mit unserer Auswertung liegen hilfreiche Zahlen für Projektionen zur Nutzung von Krankenhaus- und Beatmungskapazitäten vor. So fallen pro 100 stationäre Patienten durchschnittlich 240 Beatmungstage an“, so Reinhard Busse, Professor für Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin.

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Eine wichtige Zahl, die dabei im Rahmen der Studie ermittelt wurde, ist die durchschnittliche Dauer eines Klinikaufenthalts von Covid-19-Patienten. Diese liegt der Analyse zufolge bei zwei Wochen. Patienten, die beatmet wurden, blieben allerdings durchschnittlich mehr als drei Wochen im Krankenhaus. Rolf Dembinski erklärt, bei diesem Aspekt habe er etwas abweichende Erfahrungen gemacht. „Die Spannweite ist sehr groß“, sagt er. Eine Patientin, die er aktuell behandle, sei erst seit drei Tagen auf der Station. Die anderen drei Erkrankten allerdings bereits seit sechs Wochen. Dembinski spricht in diesem Zusammenhang von einem wellenförmigen Verlauf der Erkrankung. „Oft geht es den Patienten kurz besser, bevor eine zweite Welle folgt und sich der Zustand wieder verschlechtert“, sagt Dembinski. In manchen Fällen sei das nicht auf einen erneuten Ausbruch des Virus zurückzuführen, sondern auf eine bakterielle Lungeninfektion. Erst vor drei Tagen habe er einem Patienten, Anfang 50, eine künstliche Lunge einsetzen müssen, nachdem dessen Zustand sich wieder dramatisch verschlechtert hatte. Rolf Dembinski betont aber deutlich, dass diese Fälle individuelle Beobachtungen im kleinen Maßstab seien.

Umfangreiche Daten bietet hingegen das deutschlandweite Divi-Intensiv-Register, demzufolge aktuell noch 258 Covid-19-Patienten in intensivmedizinischer Behandlung sind. Knapp die Hälfte davon werde beatmet (Stand 28. Juli). Insgesamt sind in dem Register mehr als 15 000 abgeschlossene Covid-19-Behandlungen erfasst, ein Viertel dieser Patienten starb.

Die Erkenntnisse, die aus der aktuellen Studie in dieser Form erstmals hervorgehen, bestätigen nun auch mit konkreten Zahlen einen weiteren Verdacht. Es wird deutlich, dass Patienten mit Vorerkrankungen überdurchschnittlich oft beatmet werden müssen – und dementsprechend auch unter den Todesfällen stark vertreten sind. So hatten beispielsweise 24 Prozent der Patienten ohne Beatmung Herzrhythmusstörungen; bei den Patienten mit Beatmung waren es fast doppelt so viele. Auch eine Diabetes-Vorerkrankung erhöhte das Risiko massiv.

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Zur Sache: Wie die Zahlen einzuordnen sind

Die Aussagekraft regionaler Fallzahlen sollte grundsätzlich angemessen eingeordnet werden. Darauf weist die AOK hin, auf deren Datengrundlage die aktuelle Studie basiert. Das gelte insbesondere dann, wenn es um Vergleiche zu bundesweiten Zahlen geht. „Gerade für kleine Bundesländer wie Bremen können einzelne Daten zu Sterberaten oder Krankheitsverläufen möglicherweise ganz anders aussehen als die Zahlen für Deutschland“, sagt Kai Behrens, Sprecher des AOK-Bundesverbands. Diese seien dann angesichts der häufig geringen Fallzahlen allerdings kaum für Vergleiche geeignet. So könnte zum Beispiel innerhalb einer kleinen Gruppe der AOK die Altersstruktur stark von der Gesamtmenge aller untersuchten Fälle abweichen.

„Davon ausgehend Aussagen zum Beispiel über die Funktionalität der Krankenhäuser zu treffen, ist nicht möglich“, erklärt Behrens weiter. Je kleiner die Fallzahl hinter einer Quote, umso wahrscheinlicher sei es, dass keine Vergleichbarkeit zum Bund besteht. Obwohl die Bremer Zahlen laut den vorliegenden Daten kaum von den bundesweiten Ergebnissen abweichen, sind die insgesamt 74 Fälle nur bedingt aussagekräftig. Deshalb fasst der WESER-KURIER diese in den zugehörigen Grafiken mit den Zahlen aus Niedersachsen zusammen. Allgemein gilt zudem zu beachten, dass die AOK-Datengrundlage, die etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung abbildet, sich eventuell auch insgesamt von der Struktur anderer Krankenkassen unterscheiden könnte.

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