Folgen der Corona-Pandemie

Wie die Pandemie nicht zur psychischen Belastung wird

Sich an die sogenannte neue Normalität anzupassen, ist für viele Menschen eine Herausforderung. Telefonseelsorger und Psychotherapeuten geben Tipps, wie die Pandemie nicht zur psychischen Belastung wird.
03.09.2020, 04:55
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Helke Diers
Wie die Pandemie nicht zur psychischen Belastung wird

Während der Corona-Pandemie haben sich viele Menschen das erste mal an eine telefonische Seelensorge gewandt.

Nicolas Armer

Sich an die sogenannte neue Normalität anzupassen, ist für viele Menschen derzeit eine Herausforderung. „Ich merke eine gewisse Erschöpfung, sowohl bei den Anrufenden als auch bei den Ehrenamtlichen“, sagt Peter Brockmann, Leiter der Telefonseelsorge der Bremischen Evangelischen Kirche. Auch Amelie Thobaben, Präsidentin der Psychotherapeutenkammer, hört aus ihrer Kollegenschaft von einem Anstieg der Beratungsanfragen.

Vor allem zu Beginn der Corona-Pandemie habe sich dies bemerkbar gemacht, sagt Brockmann. Deutlich mehr Menschen hätten sich beispielsweise bei der Telefonseelsorge gemeldet – viele von ihnen auch zum ersten Mal. Inzwischen habe sich die Lage beruhigt, etwa 1000 Gespräche würden im Monat geführt. Dennoch: „Ich nehme eine starke Beanspruchung als Hintergrundgeräusch wahr, Corona ist als Grundrauschen immer vorhanden“, betont Brockmann. Die sich verändernden Verhaltensregeln und die täglich neuen Infektionszahlen seien anstrengend für viele Menschen.

Lesen Sie auch

„Aber“, das sei ihm wichtig, „niemand kann etwas dafür. Die Regeln sind aus Infektionsschutzgründen und Vorsicht einfach umzusetzen.“ Psychotherapeutin Thobaben erklärt, die Verhaltensregeln erforderten Disziplin, gleichzeitig sei die Belohnung für viele schwer greifbar. Der Einzelne wisse eben nicht, ob er durch seine Vorsicht tatsächlich Infektionen verhindert habe.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie treffen die Menschen laut Thobaben auf ganz unterschiedliche Weise: "Einige leiden unter Einschränkungen im sozialen Leben, Belastungen am Arbeitsplatz oder Problemen bei der Kinderbetreuung sowie finanziellen Sorgen.

Andere haben sich an die Situation gut angepasst und erleben wenige Einschränkungen oder sogar Entlastung. Zum Beispiel durch Kurzarbeit und Homeoffice oder den Wegfall sozialer Verpflichtungen und Reisen", sagt die Psychotherapeutin. Zwar gebe es mehr Therapieanfragen, wie viele aber direkt auf die Pandemie und ihre Folgen zurückzuführen seien, könne sie nicht sagen.

Lesen Sie auch

Von der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB) gibt es aktuell noch keine Zahlen dazu, ob im Vergleich zu anderen Jahren mehr Psychotherapien begonnen wurden. Die Suche nach einer zeitnahen Behandlung sei ohnehin schwierig und erfordere viel Durchhaltevermögen, sagt Thobaben. „Die psychotherapeutische Versorgung in Bremen ist ein grundsätzliches Problem.“

Eine im Zusammenhang mit der Pandemie oft geäußerte Sorge sei der Verlust sozialer Beziehungen zu Bekannten, Kollegen oder Vereinsfreunden. Seelsorger Brockmann berichtet von Anrufern, die Angst hätten, Verbindungen zu verlieren, wenn etwa Sportverein-Termine im Winter nicht mehr möglich sein sollten. Andere befürchteten, Angehörige im Krankenhaus nicht besuchen zu können.

Lesen Sie auch

Brockmann und Thobaben stellen die Schutzvorkehrungen nicht infrage, wie sie betonen. „Infektionsvermeidung ist das Beste, was wir derzeit tun können. Wenn wir jetzt Infektionen verhindern, dann vermeiden wir, dass wieder strengere Einschränkungen eingeführt werden müssen.“ Es gehe darum, kreativ zu experimentieren, wie Kontakte mit geringem Infektionsrisiko trotzdem gepflegt werden könnten. „Die Herausforderung ist, unsere Routine zu verändern.“ Zwar müsse auf Reisen, große Veranstaltungen und manche Feiern verzichtet werden, Kontakte könnten aber in veränderter Form gepflegt werden.

„Mir tut es zum Beispiel gut, mich viel draußen aufzuhalten und mich zu bewegen, spazieren zu gehen oder Rad zu fahren“, sagt Brockmann. Jeder könne für sich selbst herausfinden, was ihr oder ihm gut bekomme. Der Aufenthalt in der Natur, Kultur-Veranstaltungen oder etwas ganz anderes. „Es kommt darauf an, sich für andere Eindrücke zu öffnen, sich berühren zu lassen von der Schönheit des Lebens“, so der Seelsorger. Thobaben empfiehlt: Es tue Menschen gut, sich als handlungsfähig und gestaltend zu erleben.

Info

Zur Sache

Weiterführende Angebote

Für Menschen aus medizinischen und psychosozialen Berufen gibt es seit Juni einen erleichterten Zugang zu psychotherapeutischen Sprechstunden. Unter dem Motto „Hilfe für die Helfenden, damit die Hilfe weiter gelingt“ soll diese besonders belastete Gruppe unterstützt werden. Der Kontakt wird über die Terminservicestelle der KVHB vermittelt. Der Fachbereich „Human- und Gesundheitswissenschaften“ der Universität Bremen stellt auf seiner Website Tipps zu „Psychosozialen Hilfen und Krisenbewältigung“ zusammen. Dort können Hilfestellungen für Erwachsene, Familien und Paare abgerufen werden, um die psychische Gesundheit zu erhalten und zu verbessern.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+