Deutschkurse für Geflüchte

Corona-Krise: Integration muss pausieren

Deutschkurse für Geflüchtete des Bamfs finden wegen der Corona-Pandemie aktuell nur als freiwillige Online-Tutorien statt – das liegt auch an der Finanzierung.
27.05.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Corona-Krise: Integration muss pausieren
Von Carolin Henkenberens
Corona-Krise: Integration muss pausieren

Integrationskurse fallen bundesweit wegen der Corona-Pandemie aus.

Waltraud Grubitzsch/dpa

Wer schon einmal im Urlaub wegen seiner eingerosteten Fremdsprachenkenntnisse ins Schwitzen geraten ist, wird bestätigen können: Wer eine neue Sprache lernt, braucht stetige Übung, besonders am Anfang. Für bundesweit 220 000 Einwanderer und Geflüchtete ist das Deutschlernen aktuell noch schwieriger. Nicht nur, weil Freizeitkontakte eingeschränkt sind. Sondern vor allem, weil deutschlandweit Integrationskurse, die zu einem Großteil aus einem Deutschkurs bestehen, seit Mitte März pausieren.

Allerdings gibt es ein digitales Angebot. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) finanziert seit April freiwillige Online-Tutorien mit 40 Millionen Euro. „Pro Tag werden den Lehrern zwei Stunden für die Korrekturen bezahlt, und innerhalb von vier Wochen kann man 40 Stunden abrechnen“, erklärt Ricarda Knabe, Fachbereichsleiterin bei der Bremer Volkshochschule (VHS) für Deutsch als Fremdsprache. Alle Sprachschulen können dazu das kostenlose Lernportal des Volkshochschulverbands nutzen, das mit Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung entwickelt wurde.

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Das VHS-Lernportal gibt es schon länger. Es umfasst digitale Deutschkurse für alle Sprachniveaus eines Integrationskurses. Mit Hilfe von Audio-Dateien und Multiple-Choice-Fragen oder auch Eingabefeldern für selbst geschriebene Texte können Nutzerinnen und Nutzer Deutsch lernen. Lehrkräfte können dort eine Gruppe für einen bestimmten Kreis an Menschen einrichten. Das Praktische: Das Portal ist in 18 Sprachen übersetzt, sodass auch Menschen ohne Deutschkenntnisse es bedienen können. Sogar über einen Gastzugang ohne Anmeldung können Aufgaben gelöst werden.

Auf die Integrationskurse mit 600 Stunden Deutsch und 100 Stunden Politik und Geschichte haben Zuwanderer und Geflüchtete Anspruch, die eine auf Dauer ausgerichtete Aufenthaltserlaubnis haben und noch kein Deutsch können. Die Online-Tutorien sollen den Unterricht nicht ersetzen. „Die virtuellen Stunden im Online-Tutorium werden daher nicht auf das Stundenkontingent der Teilnehmenden angerechnet“, betont das Bamf. Es finanziert die Kurse, wenn Lehrkräfte belegen, dass mindestens vier Teilnehmende zehn Übungen pro Woche machen. Bei der VHS sind aktuell 20 solcher Lerngruppen eingerichtet, beim Paritätischen Bildungswerk Bremen sind es eigenen Angaben zufolge 24.

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Die digitalen Angebote seien besser als nichts, aber trotzdem nur ein Tropfen auf den heißen Stein, findet Deutschlehrerin Paola de la Rosa, die als freie Dozentin sowohl bei der Volkshochschule Bremen als auch beim Paritätischen Bildungswerk Bremen Integrationskurse unterrichtet. „Wenigstens bleibt man in Kontakt“, sagt sie. „Wir müssen die Teilnehmer ja motivieren, wir dürfen sie nicht alleine lassen.“ Wenn sie einige ihrer Schüler frage, mit wem sie zurzeit Deutsch sprechen, laute die Antwort häufig: mit niemandem. Manche Zuwanderer hätten keine deutschen Kontakte.

Die Dozentin hat sich, sobald die Corona-Zwangspause einsetzte, freiwillig fortgebildet in Sachen E-Learning. Es muss doch weitergehen, habe sie sich gedacht – und aus eigener Initiative ihre Schülerinnen und Schüler per Chat zu einer Online-Lerngruppe eingeladen. Einige der Kursteilnehmer seien hoch motiviert, erzählt die Dozentin. Eine Frau aus Russland habe online selbstständig das A2-Sprachniveau abgeschlossen. Andere wiederum hätten sich nicht zurückgemeldet oder täten sich schwer, die Aufgaben eigenständig zu erledigen. Allein die Anmeldung auf dem Lernportal sei für viele eine Herausforderung. „Ich habe ein Video dazu gemacht und es allen per Whatsapp geschickt“, berichtet sie.

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In freien Deutschkursen, die etwa von Studierenden oder Menschen, die wegen des Jobs nach Deutschland gezogen sind, gebucht werden, finde Unterricht per Videokonferenz statt. Für Integrationskurse sei das wenig praktikabel. „Das ist einfach ein anderes Lernniveau“, erklärt de la Rosa. Hinzu komme, dass dafür ein Laptop oder Computer notwendig sei. „Das kann man in den Integrationskursen nicht voraussetzen“, sagt Martin Fischer, der bei der VHS Bremen derzeit Konzepte für das digitale Lernen mitentwickelt und Kollegen im Umgang mit Technik schult. Das Lernportal des Volkshochschulverbands lasse sich auch mit dem Smartphone benutzen.

Aber wann finden Integrationskurse wieder statt? Einzelne Kurse könnten bereits jetzt wieder starten, schreibt das Bamf, das entscheiden allerdings die Länder. Der Senat hatte Anfang Mai Kurse in Sprachschulen mit Abständen wieder erlaubt. Sowohl an der VHS als auch beim Paritätischen Bildungswerk werden zwar aktuell Deutschkurse ermöglicht, allerdings sind das entweder kommunal finanzierte Angebote oder Selbstzahlerkurse, deren Teilnehmer zum Beispiel extra für den Kurs nach Deutschland gekommen sind. Integrationskurse finden bei beiden Anbietern noch nicht wieder statt.

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Das liegt Ricarda Knabe zufolge auch an der Finanzierung. „Um einigermaßen kostendeckend zu arbeiten, müssten mindestens zehn Personen teilnehmen“, berichtet die Fachbereichsleiterin. Das Bamf müsste also mehr zahlen, damit kleine Klassen kein Verlustgeschäft sind. Das Bamf will bis Ende Juni die Abrechnung so verändern, dass die Durchführung von Kursen unter Pandemie-Bedingungen erleichtert wird, teilt ein Sprecher mit. Daraufhin bräuchte es aber einen zeitlichen Vorlauf, weil Teilnehmer angeschrieben werden müssten, sagt Knabe. Sie geht daher nicht davon aus, dass die Integrationskurse vor den Sommerferien wieder starten. Die beginnen in Bremen Mitte Juli.

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