Unternehmen in der Corona-Krise

Ab Herbst droht Bremer Firmen eine Insolvenzwelle

Trotz der Pandemie liegt die Zahl der Insolvenzanmeldungen in Bremen bislang kaum über dem Niveau des Vorjahres. Doch das dürfte sich ändern. Experten erwarten eine starke Zunahme von Corona-Pleiten ab Herbst.
05.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Ab Herbst droht Bremer Firmen eine Insolvenzwelle
Von Nico Schnurr
Ab Herbst droht Bremer Firmen eine Insolvenzwelle

In den kommenden Monaten wird die Anzahl der Insolvenzanmeldungen, laut Experten, steigen.

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Experten vermuten, dass die Zahl der Bremer Firmen, die Insolvenz anmelden müssen, in den kommenden Monaten deutlich steigt. Erwartet wird, dass ab Herbst eine bundesweite Pleitewelle infolge der Corona-Krise einsetzt. „Es wird nach unserer Einschätzung zu deutlich mehr Insolvenzen kommen als in normalen Jahren“, sagt Bremens Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke).

Zwischen Januar und Juli haben in diesem Jahr 141 Bremer Firmen Insolvenz beantragt. Im Vorjahr waren es im gleichen Zeitraum 36 Anmeldungen weniger. „Das drückt bei Weitem nicht die Tiefe der aktuellen Krise aus“, sagt Matthias Fonger, Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Bremen.

Unternehmen müssen zurzeit keine Insolvenz anmelden

Dass die Anzahl an Unternehmensinsolvenzen trotz der existenzgefährdenden Pandemie bislang nicht deutlicher über dem Niveau des Vorjahres liegt, hat mit einer Sonderregelung tun, die zu Beginn der Krise getroffen wurde. Derzeit müssen Unternehmen keine Insolvenz anmelden, wenn sie wegen der Pandemie in eine Notlage geraten sind. Das gilt für Firmen, denen coronabedingt das Geld ausgegangen ist, um Rechnungen zu begleichen, und auch für Betriebe, die wegen Corona von ihren Schulden erdrückt werden.

Die Ausnahmeregel läuft Ende September aus. Die Bundesregierung wird sie bis Jahresende verlängern, allerdings mit einer Änderung: Ab Oktober sind nur noch überschuldete Betriebe von der Pflicht ausgenommen, die Insolvenz anzumelden. Unternehmen, die zahlungsunfähig sind, müssen ihre Pleite dann anzeigen – selbst wenn Corona der Grund für ihre Probleme ist.

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Die meisten Insolvenzverfahren würden wegen Zahlungsunfähigkeit eingeleitet, sagt Malte Köster. Der Bremer Insolvenzverwalter betont: „Für einen Großteil der Unternehmen wird die neue Regelung nicht gelten.“ Viele Firmen, die so stark unter der Krise leiden, dass sie ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können, müssten daher in den nächsten Monaten ihren Bankrott bekannt machen, sagt Köster: „Ich rechne mit einem deutlichen Anstieg der Insolvenzanträge ab Herbst in Bremen.“

Es gibt Anzeichen, die dafür sprechen, dass sich Kösters Prognose bewahrheitet. Als Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform Bremen prüft Peter Dahlke die Kreditwürdigkeit von Unternehmen. Seit Monaten beobachtet er eine verschlechterte Zahlungsmoral in manchen Branchen. Besonders in der Gastronomie habe der Zahlungsverzug zugenommen. Der Rückstand bei Rechnungen habe sich im Juni im Durchschnitt um etwa zwei Wochen im Vergleich zum März verlängert. Im Einzelhandel seien ähnliche Tendenzen zu beobachten, sagt Dahlke: „Das muss man als Frühwarnsystem für eine drohende Insolvenzwelle ab Herbst verstehen.“

„Zuerst trifft es die kleinen, lokalen Dienstleistungsbetriebe wie die Gastronomie“

Sollte es zu einer Pleitewelle kommen, dürften einige Branchen besonders betroffen sein. „Zuerst trifft es die kleinen, lokalen Dienstleistungsbetriebe wie die Gastronomie“, sagt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel. Laut Senatorin Vogt gingen fast zwei Drittel aller Gastrobetriebe davon aus, dass ihnen mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes wegbreche. Auch wenn es noch zu früh sei, um konkrete Zahlen nennen, seien auch im Einzelhandel, in der Touristikbranche und der Veranstaltungswirtschaft viele Firmen gefährdet, so Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Fonger.

Die Zunahme der Insolvenzen sei nicht komplett zu verhindern, sagt Senatorin Vogt: „Es geht vielmehr darum, die Zahl so gering wie möglich zu halten.“ Es sei richtig gewesen, die Anmeldepflicht auszusetzen und eigentlich gesunden Unternehmen Luft zu verschaffen. „Wir hätten ohne die Aussetzung Insolvenzen von Firmen bekommen, die grundsätzlich überlebensfähig sind und lediglich massive Liquiditätsengpässe hatten“, betont Vogt. Sie habe sich dafür eingesetzt, dass die Sonderregel in Teilen verlängert werde.

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An der Verlängerung regt sich Kritik. Die akute Phase der Krise sei vorbei, sagt Lars Feld, Chef der „Wirtschaftsweisen“. Es mache keinen Sinn, „nicht überlebensfähige Firmen durchzuschleppen“. Durch die Corona-Krise könnte sich die Zahl der Zombie-Unternehmen gegenüber dem Vorjahr bundesweit fast verdoppeln, schätzt Creditreform. Dann wären etwa 15 Prozent aller Firmen sogenannte Zombies. Sie würden auf dem Papier noch existieren, wären aber nicht mehr in der Lage, ihre Zahlungen zu leisten. „Wenn jedes sechste Unternehmen in Deutschland durch Rettungsgelder und faktisch ausgesetzte Insolvenzmeldungen ein Zombie wird“, warnt Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing, „dann hat das gravierende Auswirkungen auf die Produktivität unserer Volkswirtschaft.“

Handelskammer-Hauptgeschäftsführer fürchtet Dominoeffekte

Die gelockerten Insolvenzregeln dürften im nächsten Jahr nicht mehr gelten, fordert Handelskammer-Hauptgeschäftsführer Fonger. Er befürchtet, dass Dominoeffekte eintreten könnten. Wenn viele Firmen gleichzeitig pleitegingen und Rechnungen offen ließen, könnten sie Zuliefererfirmen und auch die Banken gefährden. Auch Wirtschaftssenatorin Vogt sieht ein Risiko: „Wir müssen vermeiden, dass es zu einer ähnlichen Finanzblase kommt wie bei der Immobilienkrise.“

Absehbar ist, dass nicht nur die Firmeninsolvenzen zunehmen werden, sondern auch Privatpleiten. Denn in der Corona-Krise sind vielen die Einkommen weggebrochen. In der ersten Jahreshälfte hat es in Bremen mit 90 Fällen auf 100.000 Einwohner bundesweit die meisten Privatinsolvenzen gegeben.

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