Anlaufstellen und Toiletten fehlen

Coronakrise verschärft die Lage der Obdachlosen in Bremen

Ein besonderer Stadtrundgang führt vorbei an den „Schmerzpunkten der Obdachlosigkeit“. Durch die Einschränkungen wegen der Coronakrise habe sich die Lage der Obdachlosen verschlechtert.
22.03.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Matthias Holthaus
Coronakrise verschärft die Lage der Obdachlosen in Bremen

In der Knochenhauerstraße hat ein obdachloser Mann seinen Schlafplatz eingerichtet.

Christina Kuhaupt

„Corona ist für Arme und Obdachlose eine Katastrophe“, sagt Markus, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte. Er ist obdachlos und unternimmt regelmäßig Stadtrundgänge mit Interessierten, um mit ihnen „Achtsamkeitswege an Schmerzpunkten der Obdachlosigkeit“ zu beschreiten. Corona und Obdachlosigkeit, das ist ein solcher Schmerzpunkt, wie er sagt. Markus zählt einige der vielen Einschränkungen auf, unter denen besonders Obdachlose zu leiden haben. Ihre Lage werde dadurch verschärft.

„Es gibt beispielsweise keine Anlaufstellen mehr, wo man sich duschen kann“, sagt er. Auch die Winterkirche, ein Angebot der Gemeinde Unser Lieben Frauen, sei die nächsten zwei Wochen geschlossen. Bisher konnten Obdachlose, Bedürftige oder auch einsame Menschen dort jeden Montag zwischen Weihnachten und Ostern frühstücken und soziale Kontakte pflegen: „Frühstücks- und Kaffeeangebote gibt es aber nicht mehr. Alle Ehrenamtlichen gehören zur Risikogruppe, und sie haben Angst, dass etwas passiert. Es gibt ohnehin kaum Treffpunkte, doch seit Corona gibt es gar keine mehr", sagt Markus.

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An der Kirche Unser Lieben Frauen startet der Stadtrundgang. An der Straße Unser Lieben Frauen Kirchhof gibt es seit einiger Zeit eine Möglichkeit, Trinkwasser zu bekommen. Ein Wasserhahn ist am modernen Anbau angebracht, um Obdachlosen jederzeit den Zugang zu Trinkwasser zu ermöglichen. „Das ist ein wahnsinniges Problem. Obdachlose haben kaum die Möglichkeit, Trinkwasser zu bekommen", sagt Markus. Zwar biete die Kirche Unser Lieben Frauen solch einen dringend notwendigen Zugang: „Doch das Wasser ist gerade wegen Frost abgestellt.“ Weitere Wasserstellen gebe es an der Kirche St. Johann und im Nelson-Mandela-Park.

Die Einrichtung der Wasserstelle am Antikolonialdenkmal, dem Elefanten, habe allerdings sechs Jahre auf sich warten lassen. „Weil man das eigentlich gar nicht wollte“, ist Markus überzeugt und sieht das Maßnahmenpaket zur Verbesserung der Sicherheit am Hauptbahnhof als äußerst problematisch an. „Die Menschen, die man dort vertrieben hat, haben keinen Zugang zu Hilfsmaßnahmen mehr.“ Zum Beispiel könnten sie das Angebot der Suppenengel nicht mehr wie vorgesehen wahrnehmen.

Stadtrundgang „Achtsamkeitswege an Schmerzpunkten der Obdachlosigkeit“

Diese Bank sei eine der wenigen Sitzgelegenheiten in der Innenstadt, sagt Markus.

Foto: Christina Kuhaupt

Keinen Zugang zu kostenlosen Toiletten

Auch ein weiteres Angebot könnten Obdachlose nur unter großen Mühen nutzen: „Wir haben praktisch keinen Zugang zu kostenlosen Toiletten oder auch zu Waschbecken", sagt Markus und zeigt auf eine Tür im rückwärtigen Bereich des Nord-LB-Gebäudes am Domshof. Diese sei als öffentliche Toilette gekennzeichnet, doch sie sei verschlossen: „Wenn man sie öffnen will, kann schon mal der Alarm losgehen.“

Der Stadtrundgang führt weiter in die beheizte und überdachte Katharinenpassage: „Hier wärmen sich die Obdachlosen auf, das wird mal toleriert und mal nicht. Die Geschäftsleute wollen die Obdachlosen wegen möglicher Umsatzeinbußen hier nicht haben“, vermutet er.

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Vor einem Café in der Sögestraße zeigt Markus auf das Schild der „Netten Toilette“: Sie ist dafür gedacht, dass Passanten kostenlos die dortige Örtlichkeit aufsuchen können, im Gegenzug erhält der Gastronom einen Zuschuss. "Doch wenn Obdachlose das Angebot nutzen wollen, kommen sie häufig nicht rein", sagt Markus. Die nette Toilette sei grundsätzlich eine gute Idee, findet er, doch für Obdachlose sei kein Verlass darauf, dass sie das Angebot auch nutzen könnten. Zudem sitze trotz der "Netten Toilette" häufig Personal vor der Tür und nehme Geld für die WC-Nutzung. „Und Bremen zahlt auch noch dafür", kritisiert Markus.

Überhaupt sei die Sögestraße bis vor einiger Zeit die Heimat von 15 bis 20 Bettlern und Straßenkünstlern gewesen, durch das Bahnhofsprogramm habe es eine massive Verdrängung gegeben – mit täglichen Kontrollen, „auch Ausweiskontrollen", betont er. Das mit dem Ausweis sei so eine Sache: „Obdachlose verlieren den schon mal oder er ist abgelaufen. Einen neuen Ausweis zu beantragen kostet jedoch 29 Euro plus das Geld für ein Foto. Ohne Ausweis erhalte ich aber kein Hartz IV.“

Stadtrundgang „Achtsamkeitswege an Schmerzpunkten der Obdachlosigkeit“

Der Rundgang führt vorbei an diversen Geschäften in der Innenstadt.

Foto: Christina Kuhaupt

Lloydpassage ist überdacht und bietet offenes WLAN

Es geht weiter zum nächsten Schmerzpunkt, wie Markus sagt: „Die Lloydpassage ist privater Grund, da gibt es einen Sicherheitsdienst und die Anordnung, die Passage zu verlassen.“ Für Obdachlose sei die Passage jedoch interessant; nicht nur, weil sie überdacht sei, sondern auch, weil es dort ein offenes WLAN gebe. Und Sitzgelegenheiten: Die Bänke in der Knochenhauerstraße etwa seien eine der wenigen Möglichkeiten, sich niederzulassen. "Ansonsten gibt es kaum Angebote, ohne vertrieben zu werden.“

Gleich nebenan, wo sich die Ein- und Ausfahrt des Parkhauses Mitte befindet, habe es ebenfalls einen interessanten Standort für Obdachlose gegeben: Ebenfalls überdacht, sei dieser Bereich bis vor Kurzem zur Übernachtung aufgesucht oder als Gepäckversteck genutzt worden. Wobei die Übernachtung nicht ungefährlich gewesen sei: „Ein grauer Schlafsack auf grauem Boden, da kommt es zu Unfällen“, sagt Markus. 25 bis 30 obdachlose Menschen hätten sich hier aufgehalten. Die hat man gar nicht gesehen. Hier ist ein richtig soziales Leben entstanden. Doch die sind alle vertrieben worden.“

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Die Geschäftsleute hätten sogar von ihnen profitiert, da der Treffpunkt auch ein Schutz gegen Einbrüche gewesen sei. Nun wisse niemand mehr, wo die Obdachlosen geblieben seien. „Ein Platz, wo Nachrichten hinterlassen und gefunden werden konnten, ist verloren gegangen – und auch ein Schutzraum für weibliche Obdachlose.“ Und ein Platz zur Gepäckablage: „Es gibt keine Gepäckaufbewahrung. Man muss es entweder bei jemandem lagern, es verstecken oder es herumschleppen. Zuweilen wird das Gepäck auch von der Straßenreinigung abgeräumt“, sagt Markus.

Pfandsammler und Zeitungsverkäufer verdienen nichts mehr

Ein weiteres Problem, dass er vor allem in der Lloydpassage ausgemacht habe: „Durch Corona verdienen Pfandsammler und Zeitungsverkäufer nichts mehr. Das wird Folgen haben. Die Verelendung wird durch Corona zunehmen, auch deshalb, weil alles geschlossen ist.“ Zwar sei es absolut verständlich, dass das öffentliche Leben eingeschränkt werde, um Infektionsketten zu unterbrechen. „Doch dadurch gibt es keine Einnahmemöglichkeiten für Obdachlose und Pfandsammler.„ Mit den Stadtrundgängen, bei denen er an die Schmerzpunkte der Stadt aus der Sicht von Obdachlosen führt, verbindet Markus eine Hoffnung: „Dass die Leute achtsamer mit Menschen umgehen, die am Rande der Gesellschaft stehen“, sagt er.

Die nächsten Termine für „Achtsamkeitswege an Schmerzpunkten der Obdachlosigkeit“ sind zunächst für den 16. Juni, 16. September und 16. November – jeweils um 16 Uhr – angesetzt. Voraussichtlicher Treffpunkt ist bei den Bremer Stadtmusikanten. Weitere Termine für Stadtrundgänge sind nach Absprache über aktionsbuendnis@diakonie-bremen.de möglich.

Info

Zur Sache

Hilfe für arme Menschen

Die Diakonie Bremen fordert die Politik auf, angesichts der Corona-Pandemie besonders arme Menschen zu unterstützen: Energieversorger sollen demnach bis auf Weiteres keine Stromsperren mehr verhängen, heißt es in einer Mitteilung. Gerade arme und alte Menschen seien derzeit dringend darauf angewiesen, sich Mahlzeiten zuzubereiten, heißt es in einer Mitteilung. Tafeln, Kleiderkammern und Beratungsangebote seien geschlossen. So notwendig und richtig Schul- und Kita-Schließungen seien, so sehr seien vor allem Kinder und Jugendliche aus ärmeren Familien die Leidtragenden. „Wir fordern die bremische Landesregierung auf, diese Problematik mit in ihre Notfallpläne einzubeziehen und konkrete Hilfsmaßnahmen zu beschließen“, fordert Landesdiakoniepastor Manfred Meyer.

Wohnungslose Menschen gehörten zu den Corona-Risikogruppen, da sie keine Chance hätten, soziale Kontakte zu reduzieren. Besonders gefordert seien jetzt Streetworker, die Essenspakete verteilten, aber aufgrund der bereits an ihre Grenzen stießen. Die Diakonie Bremen und die Bremische Evangelische Kirche rufen zu Spenden auf. Infos unter: www.diakonie-bremen.de/spenden.

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