Galeria Kaufhof

Das Kaufhaus dankt ab

Eine geradezu gespenstische Stimmung herrschte am Montag in den Räumen von Galeria Kaufhof. Voraussichtlich am 31. Oktober wird das Unternehmen in Bremen seine Pforten schließen.
23.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Das Kaufhaus dankt ab
Von Jürgen Hinrichs
Das Kaufhaus dankt ab

Die Fassade von Galeria Kaufhof mit den sogenannten "Hortenkacheln". Horten war an der Stelle der Vorläufer von Kaufhof.

Christina Kuhaupt

Am Montagmittag ist es sehr ruhig bei Galeria Kaufhof. In der Herrenabteilung verlieren sich gerade einmal zwei Kunden, die ein wenig stöbern, aber trotz der vielen Sonderangebote partout nicht das Richtige finden. Schilder, die schreien: 50 Prozent! So viel Nachlass, ein Wahnsinn. Gekauft wird trotzdem nicht oder nur wenig. Keine Stimmung im Laden, schlechte Stimmung, was nicht nur mit Galeria Kaufhof zu tun hat und der Entscheidung vom Freitag, das Warenhaus zu schließen. Sie schwingt mit, sicher, denn jeder von den Kunden weiß davon, und die Verkäufer wissen es sowieso. Mehr noch stören aber die Umstände. Einkaufen? Mit Mund- und Nasenschutz und den vielen Absperrungen? Wer will das schon, wer hat Lust dazu?

Die Rolltreppen hoch und wieder hinunter. Ein Erlebnis, immer noch, weil der Blick auf das Highlight fällt: Vom Untergeschoss bis hinauf zur Decke hängt eine Lichtinstallation, die ihresgleichen sucht. 30 Meter misst sie und ist mit ihren 4800 Glühlampen so filigran gestaltet, dass selbst Stammkunden das Staunen darüber nicht verlernt haben. Der Kick im Kaufhaus, ein Alleinstellungsmerkmal, doch was nützt das, wenn auf den Etagen das ewige Einerlei an Angebot und Präsentation herrscht? Klamotten, die in Massen öde an Stangen hängen oder sich in den Tiefen der Grabbeltische verlieren. Ein Konzept von gestern, zum Misserfolg verdammt. Corona ist nur noch oben drauf gekommen.

Lesen Sie auch

In den beiden oberen Etagen sitzt Saturn. Dort ist an diesem Tag etwas mehr los. Die Kunden stehen Schlange vor Kasse 2. Sie ärgern sich über die Wartezeit, können nicht verstehen, dass die anderen Kassen geschlossen und mit Flatterband abgesperrt sind. Wieder so eine Spaßbremse. Saturn war in den vergangenen Jahren enorm wichtig für Galeria Kaufhof. Der Elektronikriese brachte Frequenz. Wer die Rolltreppen hoch fährt, so das Kalkül, bleibt vielleicht auch mal in den Abteilungen des Warenhauses hängen oder unternimmt einen Abstecher ins Restaurant.

Der WESER-KURIER hat am Montag bei Saturn nachgefragt, wie das Unternehmen mit der neuen Lage umgehen will. Oben im Gebäude der Markt, unten möglicherweise gar nichts mehr, weil der Kaufhof auszieht – wie soll das gehen? „Aktuell prüfen und bewerten wir die Situation und befinden uns hierzu auch in Gesprächen mit allen Beteiligten“, erklärt eine Sprecherin von Saturn, „der Standort des Saturn-Marktes in der Papenstraße ist für unsere Kunden absolut relevant und damit auch für uns weiterhin interessant.“ Verhandelt wird jetzt mit dem Eigentümer des Gebäudes. Das ist nicht Galeria Kaufhof, sondern die Frankfurter DIC-Gruppe, eine Investmentgesellschaft für Gewerbeimmobilien.

Lesen Sie auch

Der Kaufhof wird in Bremen voraussichtlich am 31. Oktober seine Pforten schließen. Das ist aus sicherer Quelle zu erfahren. Beschlossen sei aber noch nichts, heißt es. Rund 150 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Viele Angestellte darunter, die dem Haus lange die Treue gehalten haben. Der Mietvertrag mit DIC wäre normalerweise noch einige Jahre weitergelaufen – wie bei den Untermietern in dem Komplex, bei Saturn und den anderen.

Einer darunter, der nicht sang- und klanglos aufgeben will. Michael Bredow, Betreiber des Edeka-Marktes im Untergeschoss, lässt nach eigenen Angaben gerade prüfen, was juristisch möglich ist. „Wir nehmen das nicht kampflos hin“, kündigt der Lebensmittelhändler an. Er überlegt, zu klagen: „Ich bin mit dem Markt ja nicht in irgendeinen Keller gezogen. Das Kaufhaus gehört dazu und bringt mir die Kunden.“

Aus Bredows Sicht und der seines Anwalts muss Galeria Kaufhof Schadensersatz zahlen, sobald es zur Schließung kommt. „Ich habe mit denen einen Vertrag bis zum Jahr 2024 und die Option, zweimal für jeweils fünf Jahre zu verlängern“, erklärt der Händler. Vor Corona sei sein Markt sehr gut gelaufen. Bredow ist seit acht Jahren an dem Standort und hat 35 Beschäftigte.

Lesen Sie auch

Es gibt noch einige Untermieter mehr – Frisöre, ein Eiscafé, ein Kiosk, sie alle sind mindestens mittelbar von der Schließung betroffen, weil rund um das Gebäude deutlich weniger Betrieb sein wird und die Laufkundschaft fehlt. Rajab Ibrahim betreibt seit 1998 ein Restaurant in dem Haus. Es liegt auf der Ecke von Lloydpassage und Hanseatenhof und heißt heute Per Noi. Anders als Bredow will Ibrahim nicht gegen seinen Vermieter vorgehen. „Das bringt doch nichts“, sagt er, „hier geht es um Größeres als ein Restaurant.“

Selbst wenn er an dem Ort weitermachen könnte, er würde es nicht tun, erklärt der Gastronom: „Ich sehe hier keine Chance mehr.“ Zu tun habe das nicht allein mit dem Ende von Galeria Kaufhof in Bremen. Es sei auch das Parkhaus Mitte an der Lloydpassage, die Ungewissheit, ob es abgerissen wird oder nicht. „Die Passage wird irgendwann leer sein“, prophezeit Ibrahim. Bei ihm gegenüber, wo früher Esprit war, wird nun Billigware verkauft. Ein Stück weiter gähnen die ausgeräumten Schaufenster von Gerry Weber.

Karstadt bleibt, das ist am Freitag ebenfalls mitgeteilt worden. In welcher Form, ist aber noch unklar. Das Warenhaus steckt in einem denkmalgeschützten Gebäude, das dem Bremer Unternehmer Kurt Zech gehört. Er will die Bremer City umkrempeln und hat von der Stadt das Parkhaus Mitte erworben, um es abreißen zu lassen. Mit dazu nehmen will Zech auch die Kaufhof-Immobilie.

Lesen Sie auch

Der Unternehmer verhandelt zu diesem Zweck seit Längerem mit DIC. Die Investmentgesellschaft hatte früh zu erkennen gegeben, dass sie sich an der Entwicklung beteiligen wolle, es blieb bislang aber vage, ob damit ein Verkauf des Gebäudes an Zech oder eine Kooperation mit ihm gemeint ist. Nachdem DIC mit Kaufhof jetzt seinen Ankermieter verloren hat, könnte Bewegung in die Angelegenheit kommen. Der Druck ist größer geworden, etwas zu tun. Parallel entwickelt die Stadt gerade einen neuen Bebauungsplan für die Innenstadt, unter anderem mit dem Ziel, mehr Wohnungen zu schaffen.

Sollte Kaufhof tatsächlich noch in diesem Jahr schließen und Platz für die Zech-Pläne machen, ginge auf dem Grundstück, wo früher die Zentrale des Norddeutschen Lloyd stand, eine fast 50-Jährige Kaufhausgeschichte zu Ende. Sie fing mit Horten an. Danach war es Galeria Horten und schließlich Galeria Kaufhof. Geblieben ist in all der Zeit die Fassade mit den sogenannten „Hortenkacheln“. Ein Relikt aus der Vergangenheit, als die Bevölkerung über Fassade und Lichthof begeistert war. So viel Modernität, doch irgendwann ist sie steckengeblieben, so wie das Kaufhaus selbst.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+