Veranstaltungsreihe „Nach den Rechten sehen“

Dennis Leiffels vom Y-Kollektiv über Meinungsmache im Netz

Der Bremer Journalist Dennis Leiffels spricht über seine Erfahrungen über Meinungsmache im Netz. Die Recherche führt in eine demokratiefeindliche Parallelwelt.
06.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Chantal Moll
Dennis Leiffels vom Y-Kollektiv über Meinungsmache im Netz

Der Bremer Journalist Dennis Leiffels sprach in der Reihe „Nach den Rechten sehen“ über as, was sich im Netz abspielt.

Roland Scheitz

Trotz Regen verließ kein Zuschauer seinen Platz auf dem St. Petri Hof vor dem kleinen Haus am Theater Bremen, bevor Dennis Leiffels seinen Vortrag beendet hatte. Ausgerüstet mit ausgegebenen Regenponchos hörte das Publikum – unter den eingehaltenen Abstandsregeln – dem Journalisten gespannt zu, der über „Rechte Meinungsmache im Netz“ sprach. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Nach den Rechten sehen“ des Theater Bremen in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung war Leiffels zu Gast. Mit dem Publikum sprach der Bremer über sogenannte alternative Quellen, Hassreden und seinen Beruf als Journalist.

Sieben Jahren lang arbeitete Leiffels als freier Journalist unter anderem für Radio Bremen. Bevor er sich dem Journalismus-Studium in Bremen und Australien zuwandte, absolvierte er eine IT-Ausbildung. Mit seiner Firma „Sendefähig“ produziert er gemeinsam mit Manuel Möglich in Bremen und Berlin die Reportage-Reihe „Y-Kollektiv“. Seit 2016 leitet Leiffels das Kollektiv als Chefredakteur.

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Ausgehend von dem Dokumentarfilm „Infokrieger – die neuen rechten Medienmacher“ klärt Leiffels über rechte Strukturen im Netz auf. Der Film entstand gemeinsam mit einem Autoren-Team aus fünf Journalisten im Y-Kollektiv und ist seit Mai unter anderem in der ARD-Mediathek zu sehen.

Recherche 2018 begonnen

Begonnen hat die Recherche im Jahr 2018 zu den Landtagswahlen in Bayern und Hessen. Die Journalisten stellten sich die Frage, wer in Wahlkampfzeiten politische Meinungen im Netz verbreitet. Grundlage dafür war eine Datenanalyse bei Twitter. Die Recherche führte sie in eine demokratiefeindliche Parallelwelt, mit der Leiffels und sein Team zu Beginn des Projekts nicht gerechnet hatten, wie es in dem Film heißt.

Dabei stießen sie auf besonders auffällig aktive Profile. Eines davon teilte 52.000 Tweets innerhalb eines Jahres, das sind durchschnittlich 140 am Tag. Tweets sind Einträge auf der Medienplattform Twitter. Meist handelt es sich dabei um Retweets, also Mitteilungen, die Nachrichten von anderen Menschen weiterverbreiten, die sie verlinken. Die Inhalte dieses einen Profils waren einseitig und richteten sich meist gegen Flüchtlinge. Neben diesem Profil stieß das Team auf viele weitere auffällig aktive Profile. Die Journalisten fanden heraus, dass hinter den von ihnen geprüften Profilen echte Menschen steckten und keine Computerprogramme, die ein Benutzerverhalten simulieren. Das Recherche-Team konnte sechs der Twitternden ausfindig machen, keiner wollte ihnen Auskunft über ihre Twitter-Aktivitäten geben.

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Eines der größten Probleme sei laut Journalist Leiffels, die „politische Blase“, in der sich die Nutzer irgendwann befinden. „Die Leute vertrauen dann auf sogenannte alternative Medienmacher, die von sich behaupten, die Wahrheit zu berichten“, erklärt Leiffels. Dazu gehören Blogs, Twitter-Accounts oder Youtube-Kanäle, die oft rechtspopulistisch und meinungsmachend sind. So entwickle sich eine parallele Welt mit eigenen Quellen. Alles andere, wie die Tagesschau, würden diese Menschen als Lügenpresse sehen.

Die Welt in Schwarz und Weiß

Während der Journalist sich mit seinem Team jeden Tag über mehrere Stunden diese Posts auf Twitter und anderen sozialen Netzwerken anschaute, berichtet er, wie sein Team und er sich selber an ihre eigenen journalistischen Standards erinnern mussten. „Während der Recherche fängst du an, die Welt in Schwarz und Weiß zu sehen“, berichtet Leiffels. Ihr Weltbild hätte sich durch diese Recherchen nicht geändert, weil sie dafür schon zu diesem Zeitpunkt viel zu gefestigt waren. Die sogenannten alternativen Quellen seien nicht vertrauenswürdig, weil sie schlecht recherchiert seien, nicht im richtigen Kontext stünden oder nicht belegbar seien. „Für Nicht-Journalisten ist es schwierig herauszufinden, wie vertrauensvoll Medien sind“, sagt Leiffels dazu. Leser sollten sich immer fragen, wer dahinter steckt, welche Interessen der Absender verfolgt und wie er finanziert wird, empfiehlt der Journalist.

Während der Recherche und nach der Ausstrahlung des Films erreichten Leiffels und sein Team nicht nur Kritik, sondern auch Drohungen und Hassreden. „Wenn ich einen Shitstorm von Rechts bekomme, kann ich sagen, dass sind die Blöden, weil ich nicht auf der rechten Seite stehe“, sagt der Chefredakteur. Aber auch Hassreden aus der linken Szene ignoriert Leiffels. Er habe gelernt damit umzugehen. Mit Kritik sehe das anders aus, die hält der Kopf des Y-Kollektivs für wichtig und sie sei „immer herzlich willkommen“.

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Kritik sei häufig gerechtfertigt und bringe ihn in seiner Arbeit als Journalist weiter. Dann geht er mit den Menschen ins Gespräch. „Wenn man kritisch berichtet, muss man damit rechnen“, so seine Einstellung. Jedoch handle es sich bei Rassismus, Sexismus oder Homophobie nicht um Kritik, wie der Bremer betont.

Über seine Dokumentation sagt der Journalist: „Wir haben viel herausgefunden, aber auch ganz viel nicht. Ich habe noch sehr viele offene Fragen zu dem Thema.“

Weitere Informationen

Der nächste Vortrag der Veranstaltungsreihe am Mittwoch, 8. Juli, ab 19 Uhr in der Arena des Schlachthofs, Findorffstraße 51, steht unter dem Titel „Kultur unter Druck – Angriffe von rechts“. Dieses Mal bietet die Kesselhalle eine Ausweichmöglichkeit bei Regen. Zu Gast sind Torsten Reitler von der Moritzbastei Leipzig, Politikwissenschaftlerin Carina Book aus Hamburg und der Vorsitzende der Dramaturgischen Gesellschaft, Harald Wolff.

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