Ein Blick zur Wahlparty

Der Bürgermeister im Regen

Die Niederlage ist kapital, sagt Punkt 18 Uhr die erste Prognose. Das Ergebnis ist so schlecht wie für die SPD noch nie in der Bremer Nachkriegsgeschichte.
26.05.2019, 21:59
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Der Bürgermeister im Regen
Von Jürgen Hinrichs
Der Bürgermeister im Regen

Carsten Sieling spricht in der Ständigen Vertretung zu seinen Anhängern.

Frank Thomas Koch

Der Bürgermeister steht im Regen. „Haben wir einen Schirm?“, fragt sein Sprecher die Sicherheitsbeamten. Haben sie nicht. Carsten Sieling harrt trotzdem aus, er hat auf dem Weg in die Bürgerschaft jemanden getroffen, wichtig, es ist der Fraktionsvorsitzende. Björn Tschöpe und Sieling stimmen sich in der Böttcherstraße kurz ab, wie das Wahlergebnis zu bewerten und vor allem zu kommunizieren ist.

Sie sprechen im Flüsterton, damit die Journalisten nichts mitbekommen. Dann bewegt sich der Tross mit dem Bürgermeister weiter. ARD und ZDF warten. Interviews in den provisorischen Studios im Parlamentsgebäude. Stellungnahmen eines Wahlverlierers. Zwei Stunden vorher versammeln sich in der Ständigen Vertretung die ersten Gäste der SPD. Die Partei hat zur Wahlparty eingeladen und wieder diesen speziellen Ort ausgesucht. Die Wände in dem Lokal hängen voll mit Bildern aus dem politischen Betrieb der damals noch jungen Republik.

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Viel Willy – Willy Brandt, die Ikone der SPD, in allen möglichen Posen. Man sieht Johannes Rau, Klaus Bölling, Helmut Schmidt, Hans Koschnick und Henning Scherf, mal zwei Bremer, und Helmut Kohl natürlich, jede Menge Kohl. Ein Potpourrie von Politikern mit leicht sozialdemokratischem Übergewicht. Ein guter Ort für die Bremer SPD, um zu feiern, auch wenn es an diesem Abend nichts zu feiern gibt.

Die Niederlage ist kapital, sagt Punkt 18 Uhr die erste Prognose. Das Ergebnis ist so schlecht wie für die SPD noch nie in der Bremer Nachkriegsgeschichte. Grottenschlecht. Und doch ist unter den Genossen zunächst nichts von tiefer Enttäuschung oder gar Verzweiflung zu spüren. Kein Aufstöhnen und Raunen, als die ersten Skalen mit den Prozentzahlen über die Bildschirme flimmern. Die Reaktion ist im Gegenteil eher flau. Warum noch aufregen? Es ist passiert, was nach den Umfragen zu erwarten war. Traurig, bitter, aber keine Überraschung.

Mit dem Nimbus des Verlierers

Wer klug ist, hat vor dem großen Ansturm ein ordentliches Quantum Bier geordert. Einen halben Liter Kölsch, das normalerweise nur in kleinen Gläsern ausgeschenkt wird. Wer noch klüger ist, bekommt auch zu essen, wenn er früh bestellt hat. Gerne genommen wird das Altkanzler-Filet: Currywurst mit Pommes, Gerhard Schröders Leibspeise in früheren Jahren. Zum Nachtisch gibt es Rote Grütze.

Rote Grütze, das ist in diesen Stunden die richtige Beschreibung für eine SPD, die möglicherweise das erste Mal in ihrer Geschichte bei Bürgerschaftswahlen nicht als stärkste Fraktion abschneidet. Ein Reporter von Radio Bremen, der live aus der Ständigen Vertretung berichtet, nimmt den Namen des Lokals, um darauf hinzuweisen, dass die Sozialdemokraten seit 73 Jahren im Rathaus regieren. Ein Omen, sagt er: „Ständig dabei, ständig in der Regierung, ständig den Bürgermeister gestellt.“ Könnte so weitergehen, wer weiß, dann aber mit dem Nimbus des Verlierers.

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Als im Fernsehen nach der ersten Prognose die Sitzverteilung ausgerechnet wird und klar ist, welche Mehrheiten zustandekommen könnten, stimmen die Genossen das erste Mal über eine Koalition ab. Sie tun es mit Applaus. Rot-Rot-Grün – das soll's sein, und so hatten sich die SPD und ihr Bürgermeister kurz vor der Wahl ja auch festgelegt. Nichts mit der CDU, noch nicht einmal Gespräche. Alles stattdessen für eine linke Mehrheit.

Sascha Aulepp sagt nichts davon. Keine Aussage zu möglichen Koalitionen, noch nicht einmal eine Andeutung. Die Landesvorsitzende der SPD steht im knallroten Kleid auf der Bühne, dankt den Wahlkämpfern ihrer Partei, beklagt unumwunden das schlechte Abschneiden und rettet sich ansonsten damit, dass ja noch nichts endgültig feststehe: „Das ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wir liegen in Schlagdistanz.“ Dann empfiehlt sie noch, erst einmal ein Bier zu trinken. Morgen mehr, verspricht Aulepp. „Dann beraten wir.“

"Eine schwere Niederlage"

Einer in der Menge, den man nicht suchen muss. Er sticht heraus, einfach, weil er so groß ist, ein baumlanger Kerl. Andreas Bovenschulte hat sich ein Kölsch geschnappt, er macht es richtig, stilecht und hat eines der kleinen Gläser genommen. „Eine schwere Niederlage“, kommentiert er das Ergebnis. Schlimm, aber nicht ganz so schlimm, wie schon mal vorhergesagt. „Das ist ein gewisser Lichtblick.“

Bovenschulte ist Bürgermeister von Weyhe, er war davor Landesvorsitzender der SPD und hat sich bei dieser Wahl um ein Mandat für die Bürgerschaft beworben. Seine Partei hat ihn auf der Landesliste so weit nach oben gesetzt, dass eigentlich nichts passieren kann, er dürfte es geschafft haben. Bovenschulte ist jetzt Abgeordneter, und nicht wenige, die ihm zutrauen, im kleinsten Bundesland höchste Ämter zu bekleiden, sollte die SPD in welcher Konstellation auch immer wieder in den Senat kommen.

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Doch warum eigentlich die SPD? Warum nicht die CDU? Die Christdemokraten werden in der Bürgerschaft wahrscheinlich die stärkste Fraktion stellen. Man könnte das als Auftrag interpretieren, die Regierung zu bilden. „Moment!“, sagt Bovenschulte, die Augen blitzen, „zum einen ist es ein Irrtum, das für eine parlamentarische Gepflogenheit zu halten, die gibt es nämlich nicht.“ Zum anderen, das sagt er auch noch, sei der Abstand zwischen SPD und CDU nur sehr klein.

Bewegung an der Tür. Sieling kommt und bringt seine Leute mit, engste Berater und Personenschützer. Gasse machen für den Bürgermeister, der ein Lächeln auf dem Gesicht trägt. „Der Chef ist da!“, ruft jemand aus dem Publikum. Und dann gibt es erst einmal viel Applaus. Sieling bedankt sich, wertet die Zustimmung als Beweis, wie geschlossen die SPD ist: „Das zeigt, mit welcher Kraft wir weitermachen können.“ Auch freut er sich über die „großartige Wahlbeteiligung“, das stärke die Demokratie.

Was macht Sieling?

Doch dann ist da ja noch das Ergebnis. Mehr verloren als beim vergangenen Mal. Noch mehr, denn vor vier Jahren war der Wahlausgang für die SPD auch schon ein Desaster. Jens Böhrnsen, Sielings Vorgänger, hatte damals die Konsequenzen gezogen und einen Tag später auf sein Amt verzichtet. Und Sieling? Was macht er? Was sagt er?

„Die Wahl stellt uns nicht zufrieden“, so der Bürgermeister. Der Aderlass an Stimmen sei „durchaus enttäuschend“. Stille im Lokal, so ruhig, dass die Theke sich bemerkbar macht. Gläser klirren, plötzlich hört man das.

Sieling kündigt nichts an. Er sagt nicht, dass er Bürgermeister bleiben will. Auch nicht, wie er sich die Regierungsbildung vorstellt. Zu früh, da ist er so vorsichtig wie Sascha Aulepp und hat den gleichen Instinkt: Eine krachende Niederlage, womöglich nur noch zweitstärkste Fraktion, und dann gleich wieder Machtansprüche stellen? So etwas würde übel genommen, von den Wählern allemal. Indirekt sagt es Sieling aber doch: „Wir schauen in die Zukunft und wollen gestalten.“

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