Fleischer-Verbandspräsident zum Tönnies-Skandal

„Das ist nicht die Welt der Handwerker“

Herbert Dohrmann ist nicht nur Fleischermeister, sondern auch die Stimme seiner Zunft auf Bundesebene. Im Interview schildert er, welche Folge die Vorgänge in der Firma Tönnies für die gesamte Branche haben.
25.06.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Das ist nicht die Welt der Handwerker“
Von Silke Hellwig
„Das ist nicht die Welt der Handwerker“

Fleischermeister Herbert Dohrmann führt den Familienbetrieb in zweiter Generation. Er ist seit 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands.

Kosak

Herr Dohrmann, was sagen Sie als Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands zu den Ereignissen in Rheda-Wiedenbrück bei der Firma Tönnies?

Herbert Dohrmann: Wenn man in der Branche tätig ist, ist man schon erschrocken, dass es möglich ist, dass ein Fünftel der Schweineschlachtung ausfallen kann, wenn so ein Betrieb stillgelegt wird. Das sind beängstigende Dimensionen für jemanden, der aus dem Handwerk kommt.

Apropos Branche: Man neigt dazu, alles in einen Topf werfen, aber Sie und Ihre Kollegen Fleischer vertreten nicht denselben Berufsstand wie Herr Tönnies, oder?

Nein. Bei Tönnies handelt es sich um einen industriellen Betrieb der Fleischwirtschaft. Unser Verband vertritt die Interessen eines Handwerks und der selbstständigen Fleischermeisterinnen und -meister, mit etwa zehn bis 25 Mitarbeitern. Aber für viele Verbraucher ist das ein und dasselbe. Die Fleischwirtschaft insgesamt scheint ein besonderes Talent zu haben, es sich selbst schwer zu machen, indem einige wenige schwarze Schafe für eine bundesweite Diskussion sorgen und Fleisch als hochwertiges Lebensmittel in Misskredit bringen. Die beste PR-Abteilung für Veganer und Vegetarier befindet sich zurzeit in Rheda-Wiedenbrück.

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Eigentlich müsste Ihr Handwerk durch die Vorgänge in Rheda-Wiedenbrück gewinnen. Wer etwas gegen die industrielle Produktion von Fleisch hat, wendet sich seinem Metzger um die Ecke zu, auch wenn das Pfund Hack etwas mehr kostet als beim Discounter.

Das ist richtig. Im Handwerk ist man in den allerbesten Händen. Wir haben vor zwei Wochen eine Umfrage gemacht, an der bundesweit ein Fünftel unserer Mitglieder teilgenommen hat. Danach schlachten noch rund 30 Prozent der Betriebe selbst. Das ist viel, denn die Auflagen sind hoch. In Bremen darf beispielsweise nicht geschlachtet werden, seit 1968 ist das innerstädtisch verboten. Die, die das nicht können, wie wir, arbeiten meist mit Partnern in der Region zusammen, sowohl in der Landwirtschaft als auch bei den Schlachtbetrieben. Da kennt man sich gut, da weiß man, wie die Tiere und die Mitarbeiter behandelt werden. Und dafür bezahlt man auch gerne etwas mehr Geld.

Warum schlachten Sie nicht selbst?

Meine Eltern haben sich 1961 in Vegesack selbstständig gemacht und bis 1968 selbst geschlachtet, bis die Fleischhygieneverordnung das untersagt hat. Das war der erste Schritt der Entfremdung. Zuvor gab es in Bremen etwa 400 Fleischereien, die Bremer haben mitbekommen, dass geschlachtet wurde, dass Tiere lebend in einen Hof geführt wurden und später ein schöner Braten in der Auslage lag. Das hat zu einer anderen Wertschätzung geführt. Die Strukturen, die sich ab etwa Ende der 1970er-Jahre gebildet haben, haben die Fleischproduktion anonymisiert: Die Ställe und die Schlachtbetriebe wurden immer größer, die Branche hat sich mehr und mehr spezialisiert, und keiner will mehr so richtig wissen, wo das Fleisch eigentlich herkommt.

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Dabei wissen Sie es ganz genau ...

Das ist uns sehr wichtig. Ich unterstütze es ausdrücklich, dass die Kunden bei uns an der Theke Fragen stellen. Wir haben kompetente Mitarbeiter, die diese Fragen beantworten können. Das ist im Discounter anders.

Sie könnten aber auch Tiere verarbeiten, die in Rheda-Wiedenbrück geschlachtet wurden, oder?

Fleischereien würden lügen, wenn sie bestritten, dass sie sich in Spitzenzeiten nicht auch des Zukaufs bedienten, weil sie es nicht schaffen, den Bedarf ausschließlich aus eigener Zerlegung zu decken. Das gilt auch für uns. In aller Regel beziehen wir solche Zukäufe von Fleischereigenossenschaften, so verfahren auch viele Bremer Kollegen. Aber die Betriebe, von denen wir kaufen, sind im Vergleich zu Tönnies Tante-Emma-Läden. Wir achten schon darauf, dass wir auch dieses Geschäft in der Region halten. Wissen Sie, wie in sehr großen Schlachtbetrieben mit Menschen umgegangen wird, das trifft mich schon sehr, obwohl mir die Zwänge bekannt sind. Das ist nicht die Welt der Handwerker. Bei uns kommen die Mitarbeiter mit dem Fahrrad und dem Bus. Wir pflegen einen anderen Umgang, die Wertschätzung ist eine ganz andere.

Mit Zwängen meinen Sie, dass es kaum noch Schlachter gibt?

Das ist ein riesiges Problem. Ohne Mitarbeiter aus Südosteuropa geht es nicht, ähnlich wie bei Erntehelfern. Aber das heißt noch lange nicht, dass man sie nur für sich schuften lässt, ihre Lage ausbeutet und sie in Sammelunterkünfte zwängt. Betriebe, die sie beschäftigen, müssen selbst die Fürsorgepflicht für ihre Mitarbeiter übernehmen. Das Subunternehmertum muss unterbunden werden.

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Welchen Einfluss hat der Verbraucher?

Verbraucher haben großen Einfluss. Die veränderten Essgewohnheiten haben dazu geführt, dass nur ungefähr die Hälfte eines Schweins überhaupt in den Verkauf gelangt. Wer isst denn heute noch Schweinepfötchen oder -schwanz?

Es gibt die Nose-to-tail-Bewegung, die sich zum Ziel setzt, ein geschlachtetes Schwein oder Rind ganz zu verwerten – aus Respekt vor dem Tier.

Das ist richtig, aber dabei handelt es sich um eine winzige Nische in einem großen Markt. Der Alltag sieht anders aus. Der Lebensmittelhandel ist ein großer Treiber der Strukturen, die sich bis heute entwickelt haben. Da muss alles billig sein, die Milch, die Butter, das Fleisch. Man muss nur eines der Prospekte der Discounter in die Hand nehmen, da kann man den Preiskampf jede Woche mitverfolgen.

Wer Fleisch aus einer anderen Art von Produktion möchte, muss für die Kinder-Wurst mit Gesicht etwas mehr ausgeben.

Verbraucher müssen vor allem wieder ein Bewusstsein dafür entwickeln, was sie sich da eigentlich aufs Brot oder auf den Grill legen – wo es herkommt, woraus es besteht und was es ihnen wert ist.

Und was muss die Politik?

Die Politik, die Vertreter aller Parteien, muss sich nicht nur den Schuh, sondern den Schnürstiefel anziehen, dass sie ihren Beitrag zu den heutigen Strukturen geleistet hat. Seit den 1970er-Jahren wurde gefördert, was wir heute vorfinden. Die Devise war lange: groß und überschaubar. Die ländlichen Strukturen wurden dabei weitgehend zerstört. Ich rede als Verbandspräsident und Innungsobermeister viel mit Politikern, in Bremen, in Niedersachsen und bundesweit. Oft wird auf die Gesetzgebung der EU verwiesen. Das mag so sein, aber ich erwarte, dass sich unsere Vertreter in der EU dafür einsetzen, dass diese Gesetze verändert werden. Man kann den ländlichen Raum nicht preisen, wenn die Sonne so schön auf ihn scheint, und ihn dann wieder links liegen lassen. Wenn die Politik die Rahmenbedingungen verändern will, muss sie sich jetzt klar bekennen, ob sie wiederbeleben will, was lange gut funktioniert hat. Und dann muss sie auch etwas dafür tun.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Herbert Dohrmann ist seit 2016 Präsident des Deutschen Fleischer-Verbands und seit einigen Jahren Obermeister der Fleischerinnung Bremen. Seit 1983 ist er Fleischermeister, zwei Jahre zuvor stieg er in den elterlichen Betrieb ein. Heute gehören fünf Filialen mit rund 70 Mitarbeitern zu seiner Firma. Dohrmann wohnt in Bremen-Grohn.

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