Lobbyaktion für Soziale Arbeit in Bremen

Der Kitt der Gesellschaft

Zum ersten Mal wird am 10. August auf dem Marktplatz die "Nacht der Sozialen Arbeit" veranstaltet. Ziel ist es, mit dieser Mischung aus "La Strada" und Fachtag die Soziale Arbeit sichtbar zu machen.
08.08.2018, 17:09
Lesedauer: 3 Min
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Der Kitt der Gesellschaft
Von Sigrid Schuer

Soziale Arbeit wird immer wichtiger in einer Gesellschaft, in der die Schere zwischen Arm und Reich zunehmend auseinandergeht und in der auch die Mittelschicht von existenziellen Ängsten geplagt ist, wie beispielsweise die Wohnung nicht mehr bezahlen zu können. Das sind auch die Erfahrungen des Bremer Bündnisses für Soziale Arbeit. "Mit unserer Arbeit halten wir ein großes Stück weit die Gesellschaft zusammen. Denn wir leisten für die Menschen intensiv und professionell Hilfe zur Selbsthilfe und wir wissen, wie es ihnen geht", betont Holger Kühl, an der Hochschule Bremen Dozent für Psychologie im Studiengang Soziale Arbeit.

Gerade deswegen würden sich die Akteure des Bremer Bündnisses für Soziale Arbeit, das 2011 gegründet wurde, über mehr Wertschätzung von Gesellschaft und Politik freuen. "Wir werden seitens der Politik mit unseren Ideen nur wenig wahrgenommen", bedauert Kühl. Das Bündnis ist ein freier Zusammenschluss von Betriebsräten, Gewerkschaften, der Hochschule Bremen und vielen anderen öffentlichen und nicht öffentlichen Trägern und Institutionen.

Nicht nur Beruf sondern Berufung

"Soziale Arbeit hat keine Lobby. Wir möchten aber, dass die Menschen zu ihrem Recht kommen", betont Kühl. "Und das, wo Prävention so wichtig und deutlich preiswerter ist, als Missstände erst im Nachhinein zu beseitigen", fügt Claudia Große-Lochtmann von der Jugendhilfe des Deutschen Roten Kreuzes hinzu. Der tragische Fall des zu Tode gequälten kleinen Kevin, der vor einigen Jahren bundesweit für Negativschlagzeilen sorgte, sei nur ein Beispiel dafür. Kühl und Große-Lochtmann sind Mitglieder des Organisationsteams der "Nacht für Soziale Arbeit", die am Freitag, 10. August auf dem Marktplatz erstmals über die Bühne geht. Ihr Mitstreiter Dirk Braun spricht ihnen aus dem Herzen, wenn er sagt: "Das ist für uns nicht nur ein Beruf, sondern vielmehr eine Berufung". Für ihn ist die Soziale Arbeit auch der gesellschaftspolitische Gegenentwurf zum neoliberalen Mantra: "Hilf' Dir selbst, dann hilft Dir Gott!"

Außerdem sei die Soziale Arbeit im Bundesland Bremen finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet. Viele Institutionen seien darauf angewiesen, Drittmittel anzuwerben. "Auf die 100 Studienplätze, die wir pro Semester zu vergeben haben, kommen rund 2000 Bewerbungen", schildert Dozent Holger Kühl. Gleichzeitig herrsche ein Fachkräfte-Mangel, trotzdem würden zu wenige Sozialarbeiter eingestellt werden, bedauert Alexander Wilgenroth vom Deutschen Roten Kreuz: "Das sind ganz ähnliche Defizite wie in der Pflege, dort mangelt es auch an Wertschätzung und vernünftiger Bezahlung".

Erschwerend käme hinzu, dass die durch den Personalmangel anfallende Mehrarbeit im Akkord ausgeglichen werden müsse. Es sei also höchste Zeit, "soziale Arbeit sichtbar und erlebbar machen", betont das Mitglied des Organisationsteams. Um auf sein wichtiges Arbeitsfeld aufmerksam zu machen, veranstaltet das Bremer Bündnis für Soziale Arbeit am Freitag, 10. August, daher zum ersten Mal die Nacht der Sozialen Arbeit auf dem Marktplatz. Sie beginnt allerdings schon um 15 Uhr und soll um 21 Uhr ausklingen. Pragmatische Gründe haben aus der urspünglichen Idee eine Tagesveranstaltung gemacht. Geboten werden ein buntes Programm und viele Informationen rund um das Thema Soziale Arbeit. "Es wird eine Mischung aus La Strada und Fachtag sein", erläutert Marie Seedorf vom Organisationsteam.

Viel ehrenamtliche Arbeit

Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) wird die Nacht der Sozialen Arbeit in Bremen um kurz nach 15 Uhr mit einem Grußwort eröffnen. Aufgelockert durch einen Akrobatik-Workshop, Tanz von "Tanzbar Bremen", Poetry Slam, einer Speakers Corner und kleinen Stücken vom Schuldenbremsentheater und vom Netzwerk Kinder psychisch kranker Eltern werden Talkrunden, Kurzpräsentationen und Vorträge etwa durch die Hans-Wendt-Stiftung, Vaja und den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt geboten. So wird Joachim Barloschky vom Aktionsbündnis Menschenrecht auf Wohnen über die Arbeit des Bündnisses sprechen. Musik kommt von den Bands Voidpack und First World Problems. Und, bei dem sommerlichen Wetter vielleicht gar nicht so schlecht: Es werden Entspannungsworkshops und Mitmachyoga angeboten.

Zu wuppen sei das Event nur mit viel ehrenamtlicher Arbeit gewesen. Ohne die Kooperation mit 20 Studierenden des Studiengangs Soziale Arbeit wäre es überhaupt nicht gegangen, sagen die Mitglieder des Organisationsteams rund um Marie Seedorf, die sowohl an der Hochschule Bremen tätig ist als auch beim Deutschen Berufsverband für Soziale Arbeit. Natalie Butler arbeitete daher als Studentin federführend im Organisationsteam mit.

"Die Arbeit war für die Studierenden auch wertvoll, weil sie Kontakt zu potenziellen Arbeitgebern bekommen und ganz nebenbei gelernt haben, ordentlich zu netzwerken", betont Große-Lochtmann. Die Soziale Arbeit hat in Bremen eine lange Tradition und kann bereits auf eine 100-jährige Geschichte zurückblicken. "Der Vorläufer des Studiengangs ist die soziale Frauenschule, die 1918 gegründet wurde", erläutert Holger Kühl. Und auch das soll im Rahmen der Nacht der Sozialen Arbeit mit einer kleinen Geburtstags-Party gefeiert werden.

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