120 Jahre Ostasiatischer Verein Kein Curry wegen Corona

Geburtstag ohne Feier: Der Ostasiatische Verein in Bremen ist 120 Jahre alt geworden. Sein traditionelles Stiftungsfest in der Oberen Rathaushalle muss wegen Corona ausfallen.
25.02.2021, 21:04
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Kein Curry wegen Corona
Von Jürgen Hinrichs

Ein Gongschlag, und es geht los, das Startsignal um Punkt 18 Uhr zum festlichen Curry-Essen beim Stiftungsfest des Ostasiatischen Vereins in der Oberen Rathaushalle. So wäre das an diesem Freitag gewesen. Aber wie bereits bei der Schaffermahlzeit und der Eiswette, den anderen beiden großen Kaufmannsfesten, hat Corona den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Für den Verein ist das doppelt bitter, er feiert in diesem Jahr seinen 120. Geburtstag und kann nun nicht darauf anstoßen lassen. Kein Bier, helles Singha-Lager aus Thailand oder Tiger-Bier aus Singapur. Keinen Rotwein, immer ein Bordeaux, der per Blindverkostung ausgesucht wird und kräftig sein muss, um gegen die würzigen Speisen bestehen zu können. Weißwein hätte es noch gegeben, und vorweg einen Pink Gin. Genügend Auswahl, um Prost zu sagen und sich Glück zu wünschen. Aber das geht in diesem Jahr nicht.

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Das Essen verpassen die Vereinsmitglieder und ihre Gäste auch: Reis mit Curry vom Huhn, so pikant, dass es den Herren und Damen Schweißperlen auf die Stirn treibt. „Ich habe das Gefühl, dass mir gleich eine Flamme aus dem Hals schlägt“, hatte ein Teilnehmer in seiner Not in die Runde gerufen. Das ist zwar sehr lange her, ein Splitter aus der Chronik des Vereins, aber immer noch gibt es beim Essen die Empfehlung, es mit den Lemon Pickles, der Kashmir-Chilipaste und den anderen scharfen Zutaten, die auf den Tisch stehen, nicht zu übertreiben.

Es waren zwölf Männer, die vor 120 Jahren auf den Gedanken kamen, sich für die gemeinsamen Interessen zusammen zu tun. Alles Kaufleute und erfahrene Asienfahrer. Stammtisch, meinten sie, ist zu wenig. Gesellschaft zu akademisch. Also gründeten sie einen Verein. Es gab ein Vorbild, den Ostasiatischen Verein in Hamburg, der ein Jahr vorher aus der Taufe gehoben wurde und ebenfalls bis heute existiert.

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Die Bremer trafen sich damals im sogenannten Essighaus in der Langenstraße. Das Lokal war für seine guten Weine bekannt und konnte außerdem bieten, was die Männer als Essen wünschten: ein leckeres Curry-Mahl. Später wechselten die Orte, aber im Essighaus, in dem vor 400 Jahren die Patrizierfamilie Esich zu Hause war und das später eine Essigfabrikation beherbergte, liegt der Ursprung des Ostasiatischen Vereins.

Bremen unterhält seit Beginn des 19. Jahrhunderts mannigfache Handelsbeziehungen mit asiatischen Ländern. Die Klassiker unter den Einfuhren sind Tabak, Wolle, Baumwolle, Tee und Kaffee. Auch Reis natürlich. Früh und besonders stark in dem Geschäft war die Firma Melchers, ein Unternehmen, das mit 1500 Mitarbeitern bis heute von Bremen aus weltweit Handel betreibt und Dienstleistungen anbietet. Die Kaufleute lernten bei ihren Reisen und teilweise sehr langen Aufenthalten Land und Leute kennen, sie gewöhnten sich daran, scharf zu essen, ein kräftiges Curry zum Beispiel – und warum zu Hause auf etwas verzichten, was in der Ferne so gut geschmeckt hat?

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Die Kulinarik ist aber nur das eine. Wie bei Schaffermahlzeit und Eiswette geht es beim Ostasiatischen Verein um mehr, um ein Netzwerk, das beim Handel hilft. In diesem Fall kommt hinzu, dass die Kontakte zu einer bestimmten Region in der Welt gepflegt werden. Thomas Kriwat, Vorsitzender des Vereins, zählt auf, was das bedeutet: „Zum Stiftungsfest laden wir immer zehn bis 20 Botschafter aus asiatischen Ländern ein, es gibt einen Schüleraustausch, wir organisieren Vorträge und unterstützen Ausstellungen mit Asienbezug.“ Zur Finanzierung dieser Aktivitäten, darunter auch Katastrophenhilfe, wird beim Gelage in der Oberen Rathaushalle um Spenden gebeten.

Der Verein hat etwa 500 Mitglieder, seit fünf Jahren, sagt Kriwat, seien auch Frauen darunter, „mittlerweile zweistellig“. In früherer Zeit, Jahrzehnte her, hätten Frauen beim Stiftungsfest Männer erlebt, die komische Laute machten. Sie brüllten, brummten und quiekten, je nachdem, was gerade ausgerufen wurde: Tiger, Puma oder Baby. Töne aus dem Dschungel, sie nachzumachen, war ein alter Pflanzerbrauch, aber das ist längst vorbei. Eines aber nicht, die Hymne „Auld Lang Syne“, ein sentimentaler Schwur auf die Freundschaft. Alle erheben sich, wenn das Curry-Essen vorbei ist und die Reden gehalten sind. Sie kreuzen ihre Arme und singen Hand in Hand. Danach darf geraucht werden, Zigarre, und klar, das versteht sich: Es ist eine Sumatra.

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