Interreligiöser Dialog

„Der stetige Austausch ist wichtig“

Martina Höhns hat als Referentin für interkulturelle und interreligiöse Angelegenheiten 2018 ihre Arbeit im Bremer Rathaus aufgenommen nund zieht im Interview mit dem WESER-KURIER eine erste Bilanz.
01.02.2019, 16:00
Lesedauer: 4 Min
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„Der stetige Austausch ist wichtig“
Von Detlev Scheil

Frau Höhns, Sie waren lange Sprecherin der Katholiken in Bremen und sind im vergangenen Jahr ins Rathaus gewechselt. Was ist für Sie der größte Unterschied zwischen diesen Arbeitsbereichen?

Martina Höhns: Das kann man kaum miteinander vergleichen. Hier im Rathaus ist es ein viel weiterer Horizont und ein vielfältigerer Arbeitsbereich. Es geht auch nicht nur um Kontakte zu Religionsgemeinschaften, sondern auch zu Weltanschauungen. Eines meiner ersten Gespräche habe ich mit der Humanistischen Union, dem Humanistischen Verband und der Giordano-Bruno-Stiftung geführt, die religionskritische Positionen vertreten. Bremen ist schließlich eine sehr bunte Stadt, in der auch viele Menschen leben, die nicht religiös sind.

Auch die Erinnerungskultur und der Opferschutz gehören zu Ihren Arbeitsbereichen, nicht wahr?

An beiden Themen arbeite ich zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ressorts. Eines meiner ersten Projekte betraf das Thema „30 Jahre Gladbecker Geiseldrama“ und die geplante Erinnerungsstele dazu in Huckelriede. Beim Opferschutz geht es darum, ihn in Bremen weiter zu verbessern. Daneben arbeite ich an Großprojekten wie dem Konzept gegen Antisemitismus mit. Insgesamt ist es ein sehr weites Aufgabenfeld.

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Ein ständiges Arbeitsfeld ist sicherlich die Pflege des interreligiösen Dialogs in Bremen?

Richtig. Es ist wichtig, dass der interreligiöse Dialog stetig weitergeführt wird und die Religionsgemeinschaften untereinander sowie mit der Politik so gut im Gespräch bleiben, wie sie das in Bremen bisher waren. Das trägt ja zum sozialen Zusammenhalt wesentlich mit bei.

Wie beschreiben Sie das Miteinander der Religionsgemeinschaften in Bremen?

Sowohl zwischen den Religionsgemeinschaften als auch mit den verschiedenen staatlichen Stellen gibt es in Bremen eine gute, von Respekt getragene Dialogkultur. Ich möchte das so fortführen und weiterentwickeln. Natürlich wird es auch mal Irritationen in bestimmten Fragen geben. Dann muss das direkte Gespräch gesucht werden. Miteinander statt übereinander reden ist das Gebot.

Inwieweit tragen die fünf Verträge des Landes Bremen mit den großen Religionsgemeinschaften Katholische und Evangelische Kirche, Jüdische Gemeinde, Islamische Religionsgemeinschaften und Aleviten zum guten Verhältnis bei?

Sie haben eine verstärkende und unterstützende Rolle. Bei dem Prozess hin zu den Verträgen hat man sich gut kennengelernt und Vertrauen gefasst. Jetzt sind die Verträge ein Bezugspunkt, um die Gespräche zu verstetigen und auszubauen. Im Staatsvertrag mit der Jüdischen Gemeinde zum Beispiel sind Landesleistungen geregelt, die mit dazu beitragen sollen, das jüdische Leben in Bremen sichtbar zu machen, zu erhalten und zu fördern.

Kürzlich ist bundesweit eine Diskussion über eine Kirchensteuer für Muslime vor allem zur Finanzierung der Imame entbrannt. Wie schätzen Sie die Intensität dieser Diskussion in Bremen ein?

In Bremen ist die Diskussion nach meinem Eindruck moderat geführt worden, zumal schnell klar war, dass die Entscheidung bei den muslimischen Gemeinschaften getroffen werden muss und nirgendwo sonst.

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Gibt es aktuell Gespräche mit den muslimischen Verbänden?

Im Februar stehen wieder Gespräche mit der Ditib und der Schura an.

Wozu besteht momentan Gesprächsbedarf?

Wir setzen, wie schon gesagt, auf kontinuierliche Gespräche. Ein Thema wird sein: Wie bewerten wir die bisherige Zusammenarbeit auf Grundlage des Vertrags, der vor sechs Jahren mit den Islamischen Religionsgemeinschaften geschlossen wurde?

Eine große Veranstaltung, an der Sie maßgeblich mitwirken, ist die Nacht der Jugend, die alljährlich im November an die Verbrechen des Nationalsozialismus erinnert. Planen Sie dafür Veränderungen?

Die Nacht der Jugend im Rathaus ist ein großartiges Projekt, das von sehr vielen engagierten Menschen getragen wird. Ich bin schwer beeindruckt, wie viele Schülerinnen und Schüler, Initiativen, Vereine und Religionsgemeinschaften dort zusammenkommen. Es wird darum gehen, dieses Projekt gemeinsam mit allen Beteiligten weiterzuentwickeln und lebendig zu erhalten. Die Zeitzeugen werden immer weniger, wir müssen uns neue Formen überlegen, wie man die Erinnerung wach hält. Auch die Kinder- und Enkel der Zeitzeugen sind Zeugen, weil sich die Traumata über Generationen fortsetzen. Es ist spannend, mit der zweiten und dritten Generation ins Gespräch zu kommen. Ebenso geht es beim „Tag des Gedenkens“ darum, wie man Formen der Erinnerungskultur lebendig erhält und weiterentwickelt. In jeder Generation muss begriffen werden, dass es wichtig ist, sich an diese Zeit zu erinnern – auch weil es sensibel macht für Gefährdungen der Demokratie heutzutage.

Welche anderen interreligiösen Projekte sind Ihnen wichtig?

Es sind sehr viele, das Feld ist gut bestellt. Hier Beispiele zu nennen, könnte dazu führen, dass sich die nicht Genannten nicht wertgeschätzt fühlen.

Konkrete Veränderungsideen hat man von Ihnen in Ihrem Arbeitsfeld noch nicht vernommen. Warum nicht?

Ich habe mir vorgenommen, ein Jahr lang alles einmal zu erleben und gut zuzuhören, von Mai bis Mai. Danach werden sicherlich Vorschläge für neue Aufschläge kommen. Aber das entscheide ich nicht allein. Ich erlebe den Öffentlichen Dienst als Schatzkammer und treffe auf viele verschiedene Leute mit großen Kompetenzen, vielen Ideen und Perspektiven. Das zusammenzuführen hat für mich einen großen Reiz.

Die Fragen stellte Detlev Scheil.

Info

Zur Person

Martina Höhns

1964 in Bremen geboren, ist seit Mai 2018 in der Bremer Senatskanzlei für interkulturelle und interreligiöse Angelegenheiten zuständig. Nach dem Theologie– und Psychologiestudium und der Promotion in Politikwissenschaft in Münster und Rom arbeitete sie ab 1994 bei der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn, seit 2002 als Leiterin der Pressestelle von Kardinal Karl Lehmann, 2008 wurde sie Sprecherin der Katholiken in Bremen sowie Senderbeauftragte der Katholischen Kirche bei Radio Bremen.

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