Kommentar

Bremens Innenstadt ist abgehängt

So viele Probleme - dagegen wirkt das Aktionsprogramm für die Innenstadt wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Was jetzt hinzukommen muss, sind Mut und Tatkraft, findet Jürgen Hinrichs.
19.08.2020, 05:00
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Bremens Innenstadt ist abgehängt
Von Jürgen Hinrichs
Bremens Innenstadt ist abgehängt

Der Strukturwandel trifft Bremen hart: Es gibt immer mehr Leerstände.

Frank Thomas Koch

Dass es der Bremer Innenstadt nicht gut geht, ist hinlänglich bekannt. Sie leidet unter der Politik früherer Jahre. Mit Weserpark und Waterfront hat sich die Stadt Nattern an die Brust gesetzt, die Kaufkraft absaugen. Diese Entwicklung wurde mehr oder weniger laufen gelassen, statt steuernd einzugreifen.

Hinzu kommt, dass rund um den Roland zu wenig investiert wurde. Öffentliche Projekte wie die Erneuerung von Domshof und Domsheide stecken seit Jahren in der Warteschleife. Der Rückbau der Martinistraße genauso. Das sperrige Wort Aufenthaltsqualität wird von den Verantwortlichen gerne in den Mund genommen, sie tun aber zu wenig dafür. Sich gemütlich hinzusetzen, auszuruhen, ohne etwas konsumieren zu müssen, ist nur an wenigen Plätzen möglich. Kein Zauberwerk, das zu ändern. Doch es geschieht nicht.

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Eine Innenstadt, die so schlecht aufgestellt ist, trifft der Strukturwandel besonders hart. Er kommt gleich von drei Seiten: ein Einzelhandel, der nach den alten Mustern nicht mehr funktioniert. Die Digitalisierung als Treiber dieser Entwicklung. Und die Corona-Pandemie. Das ist zusammengenommen eine ungeheure Wucht, die in ihren Folgen unkalkulierbar ist. Die stark zunehmenden Leerstände geben dafür ein beredtes Bild ab. Ein trauriger Anblick, und doch nur der Anfang. Man muss kein Pessimist sein, um zu wissen, dass die eigentliche Welle von Insolvenzen noch kommt. Der Schutzdamm bricht, sobald den Unternehmen kein Aufschub mehr gewährt wird, ihre Zahlungsunfähigkeit zu erklären.

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Die Krise bringt für die privaten Investoren eine nie gekannte Ungewissheit. In welches Geschäftsmodell sollen sie in der Bremer Innenstadt ihr Geld stecken? Was trägt noch, wenn der Einzelhandel zwar nicht ausfällt, wohl aber starke Zurückhaltung übt? Es gibt Eigentümer, die für ihre Erdgeschossflächen in der Bremer Innenstadt partout keine neuen Mieter mehr finden. Mangelnde Nachfrage ist dabei aber nur das eine, hohen Mieten das andere. Es wird Zeit, dass zum Beispiel in der Sögestraße, der einzigen echten 1-A-Lage in der City, die Erwartungshaltungen zurückgeschraubt werden, um mit günstigeren Quadratmeterpreisen neue Interessenten anzulocken. Dass just in dieser Straße demnächst ein Drogeriemarkt einzieht, ist für den Vermieter sicherlich lukrativ, sendet für die Innenstadt aber das falsche Signal.

So viele Probleme, zwei weitere sind der stockende Zech-Plan und das Desaster mit dem Sparkassengelände. Dagegen wirkt das geplante Aktionsprogramm des Senats für die Innenstadt wie der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein. Was jetzt hinzukommen muss, sind Mut und Tatkraft. Einfach mal machen, ausprobieren, und nicht nur endlos darüber reden, wie es Bremer Tradition geworden ist. Früher war das anders, da galt, was über dem Eingang des Schüttings steht: wagen un winnen.

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