Wahlkampfstrategie der Bremer Linken

Die Entdeckung der Mittelschicht

Im Bürgerschaftswahlkampf will die Bremer Linke als lebensnahe Kümmerer-Partei wahrgenommen werden und auch jenseits ihrer Stammklientel punkten. Dafür gibt es Unterstützung aus Berlin.
14.01.2019, 06:00
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Die Entdeckung der Mittelschicht
Von Jürgen Theiner
Die Entdeckung der Mittelschicht

Der Berliner Kommunikationsexperte Volker Ludwig berät die Linken um Spitzenkandidatin Kristina Vogt.

Christina Kuhaupt

Ist Wahlkampf überflüssig? Man fragt sich das unwillkürlich, wenn man Volker Ludwig einen erstaunlichen Satz sagen hört: „Wahlen werden zwischen den Wahlkämpfen gewonnen.“ Gemeint ist, dass eine Partei auf der Langstrecke durch Substanz und gute Sacharbeit überzeugen muss. Fehlt diese Grundlage, wird auch eine dröhnende Kampagne kurz vor dem Urnengang nichts retten.

Ludwig ist Geschäftsführer der Berliner Kommunikationsagentur DiG/Plus, die Bremens Linke für den Bürgerschaftswahlkampf engagiert haben. Welcher Job bleibt den PR-Profis noch, wenn Ludwigs Prämisse stimmt? Schließlich bescheinigt selbst die politische Konkurrenz der Linken-Fraktion im Landesparlament, gute Arbeit zu machen und über kompetentes Personal zu verfügen – Leute wie den Finanzpolitiker Klaus-Rainer Rupp, die jungen Talente Miriam Strunge und Sofia Leonidakis oder die rhetorische Allzweckwaffe Nelson Janßen. Die Linke hat Qualität im Kader, um es in der Sprache der Fußballer zu sagen, und sie versteht es im politischen Alltagsgeschäft, diese Qualität auch auszuspielen.

Die zentrale Fiigur

„Im Wahlkampf geht es darum, die Ernte dieser Arbeit einzufahren“, beschreibt Volker Ludwig seine Aufgabe. Es gehe darum, die Wahrnehmung des Geleisteten zu verstärken und das Image der Partei gewissermaßen mit den Erwartungen der Wähler in Deckung zu bringen. „Wir wollen den Leuten sagen: Schau, wir sind so, wie du uns siehst.“

Spitzenkandidatin Kristina Vogt ist die zentrale Figur, die für diese Botschaft stehen soll. Sie genießt einen hohen Bekanntheitsgrad und wird als glaubwürdig wahrgenommen. „Die ist für uns als Werber ein Geschenk“, sagt PR-Stratege Ludwig. Er begrüßt Vogts Absicht, einen Wahlkampf zu führen, der nicht über die Abgrenzung zur Konkurrenz im linken Lager funktioniert. „Wir werden keine Anti-SPD-Kampagne machen. Das Draufdreschen auf andere Parteien nervt die Leute nur ab“, bezieht die 53-Jährige Position.

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Vogt führt ihre Partei zum dritten Mal in eine Landtagswahl. Sie setzt auf eine positive Botschaft, auf das „Zusammenhalten“ der Stadtgesellschaft. Die Linke will sich als Kümmerer-Partei in Szene setzen, die jene Probleme aufgreift, die den Leuten wirklich auf den Nägeln brennen. Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum beispielsweise. „Es drehen sich ja tatsächlich viele Kräne in den Baugebieten, aber was die private Bauwirtschaft da hochzieht, ist oft hochpreisig“, konstatiert Vogt. Kommunale Unternehmen wie Gewoba und Brebau müssten sich deshalb in noch stärkerem Maße als bisher bei der Schaffung von Wohnraum engagieren, der für Gering- und Normalverdiener erschwinglich ist.

Der Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs ist ein weiterer Schwerpunkt. Die Linken sprechen sich dafür aus, den Zuschuss an die BSAG um rund 20 Millionen Euro pro Jahr anzuheben und sie dadurch in die Lage zu versetzen, eine attraktivere Tarifstruktur anbieten zu können. Auch der Kreis der Anspruchsberechtigten für das kostengünstige Stadtticket ließe sich auf diese Weise deutlich ausweiten, sagt Vogt. Für Kitas und Schulen fordert sie eine „aufholende Entwicklung“ und eine deutliche Verbesserung der Personalausstattung insbesondere für Schulen in ärmeren Quartieren.

Die Arbeitsgesellschaft von morgen

In der Arbeitsmarktpolitik besteht aus Vogts Sicht eine der größten Herausforderungen darin, die verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit aufzubrechen und Menschen in Lohn und Brot zu bringen, die schon lange nicht mehr im Erwerbsleben Fuß fassen konnten. Mit passgenauen Landesprogrammen für die Qualifizierung dieser Zielgruppe und einer Ausweitung des sozialen Arbeitsmarktes nennt Vogt zwei Instrumente aus dem Werkzeugkasten der Linken.

Gerade in der Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik nehme ihre Partei aber keineswegs ausschließlich die Geringqualifizierten und sozial Ausgegrenzten in den Blick. „Wir wollen uns nicht nur in Gröpelingen oder Blumenthal zeigen, sondern auch in Schwachhausen“, kündigt Kristina Vogt an. In den besser situierten Stadtteilen gebe es durchaus Menschen, die für die Linken ansprechbar seien.

„Teile der Mittelschicht sind durch den rasanten technischen Wandel und durch die damit verbundenen unsicheren beruflichen Perspektiven verunsichert“, ist die Spitzenkandidatin überzeugt. Die Arbeitsgesellschaft von morgen brauche Konzepte, wie Arbeitnehmer durch lebenslange berufsbegleitende Weiterbildung am Fortschritt teilhaben können, statt ständig um ihre Zukunft bangen zu müssen. Über diese Frage hofft Vogt mit den Etablierten aus der Mitte der Gesellschaft ins Gespräch zu kommen.

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Ein sinnvoller Ansatz, wie Volker Ludwig findet. Er berücksichtige den Wandel in der Wählerschaft der Linken, der sich über die Jahre kontinuierlich vollzogen hat. Zuletzt zeigte eine Untersuchung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung nach der Bundestagswahl 2017 erneut, dass ein wachsender Teil der Linken-Wählerschaft der sogenannten „kritischen Bildungselite“ entstammt.

Mit 125000 Euro ist der Kampagnenetat der Linken knapp bemessen. Die Partei wird sich also wieder auf die Einsatzbereitschaft der Basis verlassen müssen in einem Wahlkampf, der sehr nah am Bürger ausgefochten werden. Nicht zuletzt mit Haustürgesprächen, die ja bundesweit wieder schwer in Mode gekommen sind, seit die saarländische CDU im Frühjahr 2017 mit dieser Strategie einen schon verloren geglaubten Wahlkampf drehte.

„Das haben wir aber eigentlich immer schon gemacht“, reklamiert Kristina Vogt für ihre Partei. Der Erfolg gab den Linken recht. Bremen war 2007 das erste westdeutsche Bundesland, in dem ihnen der Einzug ins Parlament gelang. Nach dem 26. Mai könnten sie erneut Geschichte schreiben – mit der ersten Regierungsbeteiligung im Westen. Das im November beschlossene Wahlprogramm richtet da keine unüberwindlichen Hürden auf, das Profil des Spitzenpersonals ist ebenfalls bündniskompatibel. Regierungsbereitschaft, aber nicht um jeden Preis: Das wird die Botschaft der kommenden Monate sein.

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