Kommentar zur Gleichstellung

Die geöffnete geschlossene Gesellschaft

In vier Wochen werden erstmals Frauen am Stiftungsfest der Eiswette teilnehmen. Das wird nicht viel ändern, nicht für die Eiswettgenossen und ihre Gäste, aber auch nicht für die Frauen, meint Silke Hellwig.
16.12.2019, 05:00
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Die geöffnete geschlossene Gesellschaft
Von Silke Hellwig
Die geöffnete geschlossene Gesellschaft

Dieses Jahr werden erstmals Frauen an dem Stiftungsfest der Eiswette teilnehmen.

Frank Thomas Koch

Ein neues Zeitalter bricht an: Die Eiswette bleibt eine geschlossene Gesellschaft, öffnet Frauen ihr Stiftungsfest im Januar jedoch – erstmals in ihrer Geschichte seit 1829. Das ist für die Eiswettgenossen und ihre Gäste nicht das Ende der Welt. Es wird sicher wieder eine erfolgreiche und glanzvolle Veranstaltung. Weiterhin werden die Einladungen begehrt und die Gäste hochkarätig sein. Aber es ist auch kein Meilenstein in der Geschichte der Frauenbewegung. An diesem einen Tag werden sich fortan auch Frauen an die Eisschollen-Tische setzen, Konversation treiben, sich den Regularien beugen und netzwerken, was die Tischnachbarn hergeben.

Tradition aus Prinzip

Dass Frauen nun auch die vermeintlich letzte Bastion der Bremer erobert haben, legt einen gesellschaftspolitischen Zwist mit unnötig hohem Erregungspotenzial bei, der einer ganzen Reihe von Bürgerinnen und Bürgern herzlich egal gewesen sein dürfte. Begründet wurde der Wunsch, den Herrenabend als Herrenabend zu konservieren, seitens des Eiswettpräsidiums mit der über viele Jahrzehnte bewahrten Tradition, mit der man nicht so mir nichts, dir nichts brechen wolle. Tatsächlich ging es vor allem ums Prinzip: Das Präsidium wollte öffentlichem, vor allem aber politischem Druck widerstehen und sich keine Entscheidung aufnötigen lassen. Schließlich handelt es sich um eine betont private Vereinigung, die sich selbst organisiert sowie finanziert und nicht nur, aber auch zusammenkommt, um der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger eine außerordentlich hohe Spende zufließen zu lassen.

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Nun kann man sich fragen, warum Frauen überhaupt für deplatziert gehalten werden können bei einer solchen Veranstaltung. Sie stören nicht, sie verändern. Es macht einen Unterschied, ob man unter Seinesgleichen ist oder nicht, selbst bei 800 Personen. Ein Unter-sich-sein ist gekennzeichnet durch den Ausschluss anderer. Die Familie grenzt auf diese Weise ab, die Religion, die Herkunft, die Altersgenossenschaft, die Fußball-Fanschaft, beim sogenannten Mädelsabend oder beim Kirmesburschenverein eben auch das Geschlecht.

Wenn man unter sich ist, verhält man sich anders, setzt anderes voraus. Es herrscht eine eigene Atmosphäre. Dazu kann gehören, dass man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legt, weil man weiß, dass ein politisch unkorrekter Witz nicht falsch verstanden wird, sondern als das, was er ist: ein politisch unkorrekter Witz und kein Anzeichen einer grundsätzlichen Haltung oder Gesinnung. Witze über Frauenparkplätze können ziemlich komisch sein, man erzählt sie aber da, wo sie zu keinen falschen Schlüssen führen.

Keine Beschwerde bei Veranstaltungen bestimmter Gruppen

Geschlossene Gesellschaften werden weithin akzeptiert, obgleich es sich naturgemäß um buchstäblich erlesene Zirkel handelt. Niemand protestiert, wenn sich Kulturvereine oder Kaffeehäuser nach orientalischem Vorbild nach außen abschotten und Frauen dort nicht willkommen sind. Niemand käme auf die Idee, mit Mitte 30 eine Seniorenveranstaltung als altersdiskriminierend anzuprangern, weil er oder sie mehr oder weniger ausdrücklich davon ausgeschlossen ist, wenn dort kostenlos Stollen und Kaffee kredenzt werden. Niemand macht sich bei einer Veranstaltung oder in einer Einrichtung breit, die einer bestimmten gesellschaftlichen Gruppe ein geschlossenes Forum bietet, wenn er dieser Gruppe nicht angehört.

Dass die Toleranz gegenüber Veranstaltungen und Einrichtungen endet, die Männer ausschließlich für sich reklamieren, hat nicht nur etwas mit Gleichberechtigung zu tun. Es hängt auch mit einer gezielten Gleichsetzung zusammen, die über Geschlechterfragen hinausgeht. Sie gilt auch für das Leistungsvermögen und die Intelligenz, für Erfahrungen, Fähig- und Fertigkeiten aller Art. Exklusivität und Eliten gelten als suspekt, jeder soll ein möglichst gleicher Teil des großen Ganzen sein. Und so verstehen sich Alte als jung geblieben, Anfänger als Fortgeschrittene, Eltern als beste Freunde ihrer Kinder. Dahinter steckt die ehrenwerte und große Sehnsucht nach sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit. Das Problem ist nur, dass nicht automatischer gleicher wird, was man als gleich bezeichnet oder behandelt, als wäre es gleich.

Das Streben nach Gleichstellung hört übrigens in der Politik jäh auf, wenn es gilt, unangenehme Ergebnisse zu rechtfertigen. Wenn Bremen in Bildungstests miserabel abschneidet, wenn die Zahl der Langzeitarbeitslosen und der Berg an Schulden höher ist als anderswo, heißt es, der Zwei-Städte-Staat könne beim besten Willen nicht gleichgesetzt werden mit anderen Bundesländern oder Stadtstaaten. Hoch lebe der Unterschied.

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