Interview mit Ernährungsforscherin

„Die Politik muss stärker regulieren“

Die Bremer Ernährungsforscherin Antje Hebestreit über den immer größer werdenden Anteil übergewichtiger Kinder, schädlichen Zucker und das Einknicken vor der Lebensmittelindustrie.
27.12.2018, 20:19
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
„Die Politik muss stärker regulieren“
Von Sabine Doll
„Die Politik muss stärker regulieren“

„Der größte Teil des Zuckers kommt aus gesüßten Getränken“, sagt Ernährungswissenschaftlerin Antje Hebestreit.

Monika Skolimowska /dpa

In der IDEFICS-Studie haben Sie mehr als 16 000 Kinder aus acht europäischen Ländern über viele Jahre begleitet. Was ist das Ergebnis zum Zuckerkonsum und seinen Folgen?

Antje Hebestreit: Die Ergebnisse waren ziemlich eindeutig: Die deutschen Kinder sind Spitzenreiter. Mit umgerechnet 114 Gramm pro Tag ist ihre Gesamtzuckeraufnahme unter den acht Ländern am höchsten, und das entspricht 30 Prozent der täglichen Energieaufnahme. Estland war mit 77 Gramm im Übrigen das Land mit der geringsten Zuckerzufuhr pro Tag.

Das ist ein deutlicher Unterschied, worin ist der Zucker denn vor allem enthalten?

Der größte Teil des Zuckers kommt aus gesüßten Getränken, Softdrinks wie Limonade oder Eistee, gesüßten Milchprodukten wie Kakao oder Fruchtjoghurt und gesüßten Frühstücksflocken. Offenbar wird diese Form von Zucker Kindern in Deutschland stärker angeboten. Und das ist genau der Zucker, der vor allem im Übermaß zugesetzt, mit gesundheitlichen Problemen und Übergewicht bei Kindern in Zusammenhang steht.

Lesen Sie auch

Obst und Gemüse enthalten auch Zucker, sie werden als tägliche Lebensmittel empfohlen.

Die Zucker, die wir mit natürlichen Lebensmitteln wie Obst, Gemüse und Milch zu uns nehmen, sind laut der Weltgesundheitsorganisation WHO unbedenklich – solange sie in den Empfehlungen bleiben. Das wird etwa in der Fünf-Portionen-am-Tag-Regel für Obst und Gemüse ausgedrückt. Sie enthalten zusätzlich Ballaststoffe und einen hohen Wasseranteil, das ist Bestandteil einer gesunden Ernährungsweise.

Anders sieht das bei freiem Zucker aus: Das sind alle Zucker, die zusätzlich vom Hersteller oder Verbraucher einem Lebensmittel zugefügt werden. Ganz besonders gilt das für Fructose, die in vielen fertigen Lebensmitteln und vor allem in den gesüßten Getränken enthalten ist.

Was macht Fructose so schädlich?

Fructose wird über die Leber verstoffwechselt und belastet das Organ stark: Wenn man Fructose in größeren Mengen über einen längeren Zeitraum konsumiert, steigt das Risiko für eine nicht-alkoholische Fettleber. Ärzte schlagen Alarm, dass sie diese Form der Fettleber und Übergewicht vermehrt bei Kindern feststellen.

Durch den erhöhten Zuckerkonsum steigt auch das Risiko für Karies und Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck. Studien zeigen auch, dass sich das Verhältnis von übergewichtigen und adipösen, also fettleiben Kindern verschiebt. Es werden mehr adipöse Kinder, und sie werden schneller fettleibig.

Die Lebensmittelindustrie bezweifelt die Zusammenhänge. Es gebe keine Beweise dafür, dass häufiger Zuckerkonsum zu Übergewicht und Diabetes bei Kindern führe. Der Grund könne auch Bewegungsmangel sein.

Natürlich spielen andere Lebensstil-Faktoren eine Rolle: Wie oft bewegt sich ein Kind, wie sieht die Ernährung ansonsten aus, werden zum Beispiel auch Vollkornprodukte gegessen, gibt es eine genetische Veranlagung. Wenn wir in unserer Studien jedoch den Bewegungsmangel herausrechnen und trotzdem der Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum oder stark gezuckerten Lebensmitteln und Übergewicht bleibt, ist dieser Effekt einfach nicht wegzudiskutieren.

Lesen Sie auch

Können Sie ein Beispiel für diesen Zusammenhang geben?

Wir haben letztens eine Studie publiziert, in der es um einen oft angewendeten Trick von Eltern geht, um ihre Kinder zu einer gesünderen Ernährung zu animieren. Da wird ein bisschen Zucker auf die frischen Erdbeeren oder den Naturjoghurt gestreut. Bei der Analyse zeigte sich: Die Kinder, die zum Zeitpunkt der ersten Untersuchung mehr gezuckerte Früchte, Smoothies und Milchprodukte konsumierten, zeigten zwei Jahre später deutlich häufiger Anzeichen für Übergewicht und Fettleibigkeit als die Vergleichsgruppe. Und: Das Risiko für eine schlechtere Ernährungsqualität stieg an.

Das hört man in der Lebensmittel- und explizit Zuckerindustrie sicher nicht so gerne.

Das ist so. Es gibt sogar Studien, die nachgewiesen haben, dass sich die Zuckerindustrie in diese Art von Untersuchungen aktiv einmischt.

In welcher Form?

Eine Studie aus dem Jahr 2016 hat nachgewiesen, dass sich die amerikanische Zuckerindustrie Ergebnisse manipuliert hat, bevor sie publiziert wurden – um den gesundheitsgefährdenden Einfluss von Zucker nicht öffentlich werden zu lassen. Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung in Potsdam hat vor einigen Jahren herausgefunden, dass Studien, die durch die Zuckerindustrie gefördert wurden, fünfmal häufiger zu dem Ergebnis kamen, dass es keinen Zusammenhang zwischen zuckerhaltigen Getränken und Übergewicht gibt als Studien ohne Förderung durch die Zuckerindustrie.

In einer freiwilligen Selbstverpflichtung haben die weltgrößten Lebensmittelhersteller versprochen, Werbung an Kinder verantwortungsvoll zu gestalten. Klappt das?

Nein, ganz im Gegenteil sogar: Zurzeit gibt es einen neuen perfiden Trend, um Kinder und Jugendliche für ihre Produkte anzufixen. Dafür werden sogenannte Influencer in Online-Videos genutzt, die ganz bestimmte Lebensmittel hypen: „Voll lecker und cremig auf der Zunge, sowas hab' ich noch nie gegessen.“

Studien der Universität Liverpool dazu haben herausgefunden, dass die Kinder und Jugendliche durch diesen Einfluss ihrer Vorbilder tatsächlich mehr Fettes und Süßes essen. Weil das offiziell nicht als Werbung gilt, umgeht die Lebensmittelindustrie damit die Selbstverpflichtung. Es gibt keine Einsicht, sondern immer nochmal Wege und Kanäle, den Absatz zu steigern. Ich finde das pervers.

Muss die Politik stärker regulieren, um Kinder besser zu schützen und Verbraucher besser über Folgen ungesunder Ernährung aufzuklären – etwa in Form einer Nährwertampel für verarbeitete Lebensmittel, die durch Farben eine Orientierung bieten kann?

Ja. Eine ganz simple und für alle verständliche Ampel ist absolut sinnvoll. Das fordern Verbände schon seit Langem, aber die Lebensmittelindustrie hat es immer hinbekommen, das in Deutschland zu umgehen. Weil sie eine große Lobby hat.

Die Gegner sprechen von staatlicher Bevormundung. Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hat sich gegen eine Kennzeichnung ungesunder Lebensmittel ausgesprochen. Sie wolle „keine Ernährungspolizei“. Das schränke Verbraucherrechte und im weitesten Sinne die persönliche Freiheit ein. Was sagen Sie als Ernährungsforscherin dazu?

Es geht nicht um die Einschränkung der persönlichen Freiheit, sondern um einen machbaren und wirkungsvollen Public-Health-Ansatz – also um die Gesundheit der Bevölkerung. Viele Menschen, die in Studien gefragt werden, möchten sich gesünder ernähren, kein Übergewicht und den ganzen Zucker in ihrer Ernährung haben. Sie können ihm aber gar nicht entgehen, weil er so gut wie überall enthalten ist.

Was ist unter einem wirkungsvollen Public-Health-Ansatz zu verstehen?

Er unterstützt die Menschen, sich gesünder zu ernähren und gesünder alt zu werden. Beispiel Rauchen: Was gab es für ein Theater, als das Rauchen in vielen öffentlichen Gebäuden und Lokalen verboten wurde. Heute sind viele Menschen froh darüber, dass sie über die staatliche Regelung eine Unterstützung beim Rauchentwöhnen hatten. Es gibt viele Beispiele für Public-Health-Ansätze aus anderen Ländern, wo der Staat das in Bezug auf eine gesunde Ernährung erfolgreich umsetzt.

Und zwar?

Das gute Beispiel in unserer IDEFICS-Studie sind die Schweden. Da sind übrigens nur circa neun von 100 Kindern übergewichtig, zwei sind fettleibig; in Deutschland sind es elf und fünf der Zwei- bis Neunjährigen.

Was machen die Schweden?

Ganz einfache Dinge: In Restaurants, Kantinen und Uni-Mensen gibt es kostenlos Trinkwasser, soviel man möchte. Man muss also keine Softdrinks oder Bier bestellen. In Finnland und Norwegen ist Salat in Schul- und Unikantinen kostenlos. In den Kindergärten wird zum Frühstück immer gesunder Haferporridge gegessen, mit Nüssen, Obst oder Körnern. Das heißt: Es gibt ein staatliches Regulativ, und das wird nach einer gewissen Zeit auch gar nicht mehr infrage gestellt.

Warum ist es erfolgreich?

Es ist effektiv, weil die Menschen in einer gesunden Lebensweise unterstützt werden – weil die gesunde Wahl meistens die einfachste Wahl ist. Dahin müssen wir grundsätzlich beim Thema gesunder Lebensstil kommen: dass ich immer sicher Fahrradfahren kann, dass ich gut zu Fuß gehen kann, dass Kinder einen sicheren Schulweg haben und sie nicht mit dem Auto gefahren werden müssen. Und das gilt natürlich auch für die Ernährung, zum Beispiel auch bei der Verpackung oder Positionierung der Ware im Supermarkt. Die gesunde Wahl muss immer die einfachste sein.

In Deutschland ist das umgekehrt: Der gesunde Lebensstil ist der aufwendige – und teure.

Vor allem für Menschen mit einem sozial schwachen Hintergrund – die sich teurere gesündere Produkte nicht leisten können und vielleicht auch nicht den Bildungshintergrund haben, komplexe Zutatenlisten zu verstehen. Gerade diese Gruppen, die das höchste Risiko für Übergewicht haben und den höchsten Anteil adipöser Kinder, profitieren von staatlichen Regulierungen.

Weil die Eltern es zu Hause einfach ganz schwer haben, weil sie schon genug zu kämpfen haben und dann noch diese Benachteiligung. Wenn wir staatlich gegenregulieren, haben gerade diese Familien eine unglaublich gute Chance, das zu verbessern. Ich glaube, dass diese Familien das als Unterstützung empfinden würden.

Das Gespräch führte Sabine Doll.

Info

Zur Person

Dr. Antje Hebestreit ist Ernährungswissenschaftlerin und leitet am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS die Fachgruppe Lebensstilbedingte Erkrankungen.

Info

Zur Sache

Europäische Studie unter Bremer Leitung

Die IDEFICS-Studie ist die größte europäische Studie zur Erforschung von Übergewicht bei Kindern im Alter von zwei bis zehn Jahren. IDEFICS steht für "Identification and prevention of Dietary- and lifestyle-induced health EFfects In Children and infantS” (Identifikation und Prävention von ernährungs- und lebensstilbedingten Gesundheitsfaktoren bei Kindern und Kleinkindern). An der internationalen Studie beteiligten sich 23 Forschungsinstitute und Unternehmen aus elf europäischen Ländern. Koordiniert und geleitet wurde die Studie vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS. Untersuchungsstart war im September 2007. Die Laufzeit betrug fünf Jahre. Die Europäische Kommission finanzierte die Studie mit insgesamt 13 Millionen Euro. Die ebenfalls von der Europäische Kommission finanzierte Folgestudie I.Family (2012-2017) begleitete die Entwicklung der IDEFICS-Kinder beim Übergang von der Kindheit ins Jugendalter und erforschte, wie die Gesundheit der Kinder und Jugendlichen verbessert und Erkrankungen wie Adipositas vermieden werden können.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+