Interview mit Renke Brahms

„Die religiöse Sozialisation nimmt ab“

Renke Brahms ist seit 2007 Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche. Im Interview spricht er über die Kirche in Bremen, Religionsunterricht und Luthers Erbe.
28.01.2019, 20:24
Lesedauer: 7 Min
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„Die religiöse Sozialisation nimmt ab“
Von Joerg Helge Wagner
„Die religiöse Sozialisation nimmt ab“

"Wir sind ja eine bunte Kirche mit sehr unterschiedlichen Strömungen" – der scheidende Schriftführer Renke Brahms zieht nach zwölf Jahren Bilanz.

Frank Thomas Koch

Herr Brahms, nach zwölf Jahren hören Sie als Schriftführer der BEK auf. Gab es einen Moment, der Sie ganz besonders berührt hat?

Renke Brahms: Natürlich die beiden Großereignisse, die für Bremen und die evangelische Kirche hier wichtig waren. Zum ersten der Kirchentag 2009. Ich erinnere mich gut an den Abschlussgottesdienst auf der vollen Bürgerweide bei super Wetter. Das war ein ganz toller Moment, als so viele Bremerinnen und Bremer dieses Fest mitgefeiert haben. Dann natürlich das Reformationsjubiläum 2017. Beide Ereignisse haben ja in die Stadt hineingewirkt.

Und an was möchten Sie sich möglichst nicht mehr erinnern?

Vielleicht an manche Auseinandersetzungen innerhalb der Kirche. Solche, wo es schwierig war, Prozesse voranzubringen. Wir sind ja eine bunte Kirche mit sehr unterschiedlichen Strömungen. Da bin ich zum Teil an meine Grenzen gekommen, aber ich möchte da jetzt nicht einzelne Ereignisse aufzählen.

Sie sagen „bunt“, man könnte die Evangelische Kirche in Bremen auch tief gespalten nennen. Es gibt eine sehr liberale Mehrheit, die mit allen und über alles redet, und eine sehr konservative Minderheit, in der ernsthaft bezweifelt wird, dass auch Frauen predigen dürfen. Wie versöhnt man die als führender Theologe?

Ich würde nicht von Spaltung sprechen. Aber meine Rolle in der Kirchenleitung kann immer nur eine moderierende sein, denn wir haben in den Gemeinden kein Durchgriffsrecht. Wir haben aber mit den Gemeinden, die Frauen auf der Kanzel ablehnen, Gespräche geführt. Die würden vielleicht keine Pastorin wählen, aber das Kanzelrecht für Frauen gilt inzwischen in allen 61 Gemeinden.

Das ist ja eher positiv, dass Sie diese Debatte beenden konnten.

Ja, das ist auch das Ergebnis intensiver Gespräche und der Kraft der Argumente. Die Bandbreite bleibt groß, entsprechende Unterschiede, die auch mal zu Spannungen führen, bleiben auch bestehen.

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Auch während Ihrer Amtszeit ist die Mitgliederzahl der Kirche in Bremen geschrumpft. Mitte 2017 waren es noch knapp 199.000 Mitglieder, zehn Jahre zuvor immerhin 236.000. Woran lag es?

Es liegt nicht an schlechter Arbeit in den Gemeinden. Die demografische Entwicklung ist ein starker Faktor. Wir werden eine ältere Gesellschaft, die Jüngeren sind sehr unterschiedlich.

Aber die Stadt wächst doch.

Ja, aber die Zuwanderer haben ganz unterschiedliche kulturelle und religiöse Wurzeln und sind nicht unbedingt evangelische Christen. Mich freut, dass die Zahl derjenigen, die aktiv in der Kirche mitmachen, stabil ist. Doch leider steigt die Zahl derjenigen, die jahrelang nichts mehr mit ihrer Gemeinde zu tun haben. Die nehmen dann plötzlich die Kirchensteuer auf ihrem Gehaltszettel wahr und treten dann irgendwann aus. Das ist unsere Erfahrung. Und es sterben eben jedes Jahr mehr Mitglieder weg als neue durch Taufe oder Konfirmation dazukommen.

Was also tun?

Wir müssen uns immer fragen: Wie erreichen wir die Menschen, gerade die Jungen zwischen 20 und 30 Jahren? Und wie erreichen wir Familien mit Kindern? Denn wir merken, dass die religiöse Sozialisation abnimmt. Deshalb engagieren wir uns besonders im Kindergartenbereich, um da immer wieder die Brücken herzustellen. Jugendarbeit, auch über Social Media, ist ein weiteres Feld. Entscheidend ist die dauerhafte Bindung, aber das gilt ja nicht nur für die Kirchen, sondern für viele gesellschaftliche Bereiche.

Hat sich die BEK womöglich auch auf Feldern verzettelt, die ihren Mitgliedern gar nicht so wichtig sind? Stichwort Bestattungsordnung, um die die Kirche hier lange gerungen hat.

Gerade bei diesem Thema nehmen wir wahr, dass auf der einen Seite sehr liberal gedacht wird und viele Möglichkeiten gewollt sind. Aber das Verstreuen der Asche etwa betrifft eine verschwindend geringe Zahl, das sind zwischen 50 und 80 Fälle im Jahr. Da haben wir als Kirche auch ein bisschen das Ohr bei den Hinterbliebenen. Wenn es Menschen schwerfällt, die Asche eines Verstorbenen zu verstreuen, bekommen wir das in der Seelsorge mit. Deshalb mischen wir uns dann auch ein im Sinne der Angehörigen.

Also muss der letzte Wille nicht unbedingt der letzte Wille sein?

Doch, aber er sollte abgesprochen sein. Es darf also nicht bloß der Ort festgelegt werden, an dem die Asche verstreut wird – es muss auch klar und schriftlich geregelt sein, wer das denn machen soll. Das finde ich noch wichtiger als den Ort, denn das kann ja auch eine Zumutung für einen Menschen sein.

Und mit der jetzt geltenden gesetzlichen Regelung können Sie leben?

Die akzeptieren wir und die sollte jetzt aber auch so bleiben.

Wegen der stetig sinkenden Mitgliederzahlen hat die BEK beschlossen, sich von einem knappen Drittel ihrer Gebäude zu trennen. Was ist inzwischen passiert? Und wurden tatsächlich auch Kirchen abgerissen?

Ja, leider mussten wir uns im Stadtteil Osterholz vom Gemeindezentrum Ellener Brok trennen, das inzwischen auch abgerissen wurde. Es war in einer Weise sanierungsbedürftig, dass die Kosten hierfür nicht vertretbar waren. Wir wollen den Gebäudebestand passend zu den Veränderungen in Kirche und Stadt entwickeln. Deshalb widmen wir Kirchen auch um. St. Stephani etwa ist der ideale Standort für eine Kulturkirche. In erster Linie geht es auch nicht darum, Kirchen abzureißen, sondern Gemeinderäume zu modernisieren und zu verkleinern. Viele Gemeinden sind da bereits aktiv, auf etwa ein Drittel müssen wir noch zugehen.

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Wie machen Sie das?

Weil durch die gute Konjunktur auch die Steuereinnahmen gestiegen sind, hatten wir die Chance, das auch durch Investitionen zu begleiten. So hat etwa die Gemeinde Unserer Lieben Frauen das alte Gemeindezentrum aufgegeben und konnte einen neuen Kindergarten und ein deutlich kleineres Zentrum bauen.

Es gebe bei diesem Prozess keine Deadline, haben Sie gesagt. Warum eigentlich nicht? Ist der Widerstand in den einzelnen Gemeinden zu groß?

Den merken wir natürlich schon, gerade bei Gemeinden, die jetzt gerade ein Jubiläum feiern. Die identifizieren sich sehr mit ihrer Kirche, auch wenn es noch eine junge Kirche ist. Manchmal müssen wir dann noch eine Schleife und noch eine Schleife machen, aber irgendwann ist die Deadline schlicht finanziell gesetzt.

Sie werden jetzt Direktor der Evangelischen Wittenbergstiftung. Die Stiftung widmet sich vor allem dem Andenken des großen Reformators. Was werden Ihre wichtigsten Projekte?

Den Geist der Reformation immer wieder wach zu halten. Also nicht nur das Erbe der Reformation historisch zu bewahren. Das fängt an bei den Konfi-Camps, den Zeltlagern für Konfirmanden aus ganz Deutschland. Zudem steht das Jubiläum des Gesangbuches an: Die Reformation war ja eine Sangesbewegung, Martin Luther hat unendlich viele Kirchenlieder geschrieben.

In den Debatten über den Reformationstag als gesetzlicher Feiertag zeigte sich, dass Luther keine unumstrittene Lichtgestalt der deutschen Geschichte ist. War der stete Hinweis auf seinen Antisemitismus und seine Haltung im Bauernkrieg kleinkariert?

Nein, das finde ich überhaupt nicht. Wir haben ja in der Dekade der zehn Themenjahre, die auf das Reformationsjubiläum hingearbeitet hat, diese Themen schon früh aufgegriffen. Beim 500-jährigen Jubiläum wurde anders als bei den 100er-Jubiläen zuvor erstmals sehr genau auf die Schattenseiten gesehen. Es gab darüber viele Gespräche mit jüdischen Gemeinden und Verbänden. Es ging natürlich um Fehler und um Schuld – vor allem derjenigen, die sich in den folgenden Jahrzehnten und Jahrhunderten bei der Weiterentwicklung des Antisemitismus auf Luther berufen haben.

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Was ist aus Ihrer persönlichen Sicht das Hauptverdienst von Luther, das seine Fehler und Schwächen aufwiegt?

Seine Betonung der Gewissensfreiheit: Ich habe mein eigenes, persönliches Verhältnis zu meinem Gott, und es ist nicht dadurch belastet, dass ich mich immer nur als Sünder begreife. Das ist damals eine ganz große Befreiung gewesen. Sie hat nicht direkt zu einer demokratischen Gesellschaft geführt, aber sie ist ein Grundimpuls gewesen, der später ganz stark dazu beigetragen hat. Vor allem hat er sich weiterverbreitet, weil die Reformation eine Bildungsbewegung gewesen ist.

In Ihre Amtszeit fällt auch die jahrelange Auseinandersetzung um die Reform des Schulfachs Biblischer Geschichtsunterricht. Sie waren skeptisch, ob man allen monotheistischen Religionen in einem gemeinsamen Unterricht gerecht werden könne. Sehen Sie Ihre Zweifel heute bestätigt?

Die fünfjährige Erprobungsphase für das Fach Religion, wie es jetzt heißt, endet in diesem Sommer. Dann wird ausgewertet und dann schauen wir noch einmal darauf. Einmal geht es ja darum, dieses Fach überhaupt mehr zu unterrichten. Zudem muss qualitativ so viel aufgebaut werden, dass Lehrkräfte auch in der Lage sind, diese drei Religionen auch angemessen zu vermitteln. An dieser Stelle bleibe ich noch skeptisch, bin aber froh, dass es überhaupt einen Bildungsplan dazu gibt.

Mit 62 Jahren denken viele an den vorgezogenen Ruhestand. Sie nehmen eine ganz neue Aufgabe, und das auch noch auswärts, an. Zudem bleiben Sie bis 2021 Friedensbeauftragter der EKD. Was gibt Ihnen die Kraft und die Zuversicht?

Es ist mein Interesse, meine Lust an Theologie, der Reiz, sich da noch einmal hinein zu vertiefen. Und natürlich mein Glaube, dass es Sinn macht, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Wir haben als Kirche eine Grundbotschaft der Gnade und befreienden Liebe Gottes. Das hat in Zeiten, in denen Unsicherheit und Ängste in der Bevölkerung zunehmen, eine gesellschaftliche Bedeutung. Ich betrachte es als eine wesentliche Aufgabe der Kirche, aus dem Glauben heraus aktiv an einem friedlichen Zusammenleben in unserer Gesellschaft mitzuwirken.

Die Fragen stellte Joerg Helge Wagner.

Info

Zur Person

Renke Brahms (62)

ist seit 2007 Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) und damit der führende Theologe und Repräsentant von rund 199.000 Gläubigen in 61 Gemeinden. Im August wird er Direktor der Evangelischen Wittenbergstiftung in der Lutherstadt.

Info

Zur Sache

Der Schriftführer der Bremischen Evangelischen Kirche ist ihr theologischer Repräsentant und leitender Geistlicher. Seine Amtszeit ist auf zwölf Jahre begrenzt; der 2007 gewählte und 2013 im Amt bestätigte Renke Brahms kann sich also nicht zu einer erneuten Wiederwahl stellen. Deshalb wird der Kirchentag der BEK an diesem Dienstag einen zwölfköpfigen Nominierungsausschuss wählen. Der soll dem Kirchentag zu dessen nächster Sitzung am 28. März Vorschläge machen zur Besetzung des elfköpfigen Vorstands des Kirchenausschusses. Auch Empfehlungen für einen neuen Schriftführer werden dabei sein, der als „Erster unter Gleichen“ Mitglied dieses Gremiums ist. Brahms‘ Amtszeit endet erst am 23. Mai, nachdem der Kirchenausschuss durch Vertreter aus den ständigen Ausschüssen der BEK komplettiert wurde.

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