Neue Führung zu Bremens Renaissance

Die Weserrenaissance machte Bremen zum Kleinod

Die Epoche der sogenannten Weserrenaissance war eine der wirtschaftlichen und in der Folge kulturellen Prosperität in Bremen. Eine neu konzipierte Führung begibt sich auf ihre Spuren.
06.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Die Weserrenaissance machte Bremen zum Kleinod
Von Sigrid Schuer
Die Weserrenaissance machte Bremen zum Kleinod

Heinrich Lintze erläutert die historische Bedeutung der Langenstraße.

Roland Scheitz

Es muss ein imposanter Anblick gewesen sein, den die Langenstraße bot, bevor sie im Feuersturm des Zweiten Weltkriegs ausgelöscht wurde. Eine Vielzahl von Häusern im prächtigen Stil der Weserrenaissance erbaut, reihten sich dicht an dicht. Übrig geblieben sind davon nur wenige, die Stadtwaage und der seit Kurzem leer stehende Sitz des Lack- und Farben-Händlers Suding und Soeken, Bremens einzigem Dielenhaus aus der Periode der Weserrenaissance. Von dem historischen Essighaus sind gerade einmal die sogenannten Utluchten, eine Sonderform von Erkern, in der unteren Gebäudehälfte erhalten geblieben.

Es wurde dann in nicht historischem Stil aufgestockt. Erklärtes Ziel des heimatverbundenen Unternehmers Christian Jacobs ist es nun, das rekonstruierte Essighaus in altem Glanz wieder erstrahlen zu lassen. Die Geschichte der Weserrenaissance, jenes Stils, der die Hansestadt vor rund 500 Jahren zum Kleinod werden ließ, bringen der promovierte Kunsthistoriker Detlef Stein aus der Neustadt und der pensionierte Studienrat Heinrich Lintze aus dem Viertel Wissbegierigen in ihrer neu konzipierten Führung zu Bremens Renaissance nahe.

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Auch die reich verzierte Giebel-Fassade der Stadtwaage war nach Bombenangriffen ausgebrannt. Sie konnte gerade noch vor dem Abriss gerettet werden. Ursprünglich hätten hier schnöde Parkplätze entstehen sollen. Quasi in letzter Minute einigte sich der damalige Landesdenkmalpfleger mit Bürgermeister Wilhelm Kaisen und der Sparkasse darauf, dass das Geldinstitut das aus dem Jahr 1527 stammende historische Gebäude erwerben und lange Jahre betreiben sollte. Die Diskussion um die Zukunft des Hauses war von Kontroversen geprägt: Rekonstruktion historischer Bausubstanz oder Schaffung dringend benötigten Wohnraums? Eine der repräsentativen Bauten in der Langenstraße, das Kornhaus, ein Lüder-von-Bentheim-Bau, zog wie beispielsweise auch das allerdings erst 1843 erbaute große Stadttheater auf dem Theaterberg, im Zuge dieser Abwägung den Kürzeren. Beide wurden nicht wieder aufgebaut.

„Neben der Obernstaße war einst die Langen­straße eine der wichtigsten Magistralen, also Hauptstraßen, der Hansestadt, auch dank ihrer damals direkten Lage an der Weser“, erläutert Lintze. „Durch sie hindurch wurden die angelandeten Waren bis zum Marktplatz transportiert“. Detlef Stein fügt hinzu: „Vorher wurden sie in der Stadtwaage auf verschiedenen Waagen gewogen. Während gotische Bauten wie die Kathedralen von Notre-­Dame und Chartres vertikal zum Himmel streben, ist der Stil der Weserrenaissance von der Horizontalen geprägt“.

MIT Neues Stadtführungs-Format mit Heinrich Lintze und Detlef Stein mit Hintergründen zur Bremer Weser-Renaissance

Blick auf die von Obelisken gekrönte Schmuckgiebel-­Fassade der ­Stadtwaage. Im ­einstigen Kulturhaus Langenstraße hatte bis vor Kurzem noch die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen ihren ­Geschäftssitz.

Foto: Roland Scheitz

Symbol von Macht und Reichtum

Stein verweist auf die rekonstruierte Fassade der Stadtwaage mit ihren Schmuckgiebeln, auf deren Ende jeweils ein kleiner Obelisk, wie etwa in Paris oder Rom Symbol von Macht und Reichtum, thront. Einen Hauch von Musikalität erhält die Front durch die sogenannten Voluten, verspielte Einrollungen, die die Fassade als dekorative Elemente zieren. Die Torbogen, mit sogenannten Bossenquadern in filigranem Kerbschnitt verziert, sind so groß, dass einst sogar Pferdewagen hindurch fahren konnten.

Heute ist von der einzigen Hauptstraße nur noch ein kümmerlicher Rest übrig geblieben. Die Planungen für die vierspurige Martinistraße zogen sich über fast zwei Jahrzehnte bis zur endgültigen Vollendung 1968 hin. Bis heute wird die damalige Entscheidung kontrovers diskutiert. Genauso, das zeigen die an den WESER-KURIER gerichteten Leserbriefe, wie die nicht wieder errichtete Ansgarii-­Kirche gegenüber der heutigen Handwerkskammer. Der Kirchturm überragte einst den Dom um 20 Meter und war damals das Wahrzeichen Bremens.

Hier predigte ab 1522 Heinrich von Zütphen Martin Luthers revolutionäre Ideen, die er in Wittenberg beim Reformator studiert hatte. Angefeindet von dem katholischen Erzbischof im Dom. Aber von Zütphen hatte mächtige Fürsprecher im Senat. Noch 20 Jahre zuvor waren in Bremen von dem päpstlichen Legaten Kardinal Reinoldus Ablassbriefe verkauft worden. „Das war damals schon ein unglaublicher Sinneswandel“, betont Lintze. Mit der Reformation habe in Bremen die Renaissance, die Wiedergeburt des antiken Geistes und antiker Ideale Einzug gehalten, betont Stein.

MIT Neues Stadtführungs-Format mit Heinrich Lintze und Detlef Stein mit Hintergründen zur Bremer Weser-Renaissance

Detlef Stein mit einem Bild der im Zweiten Weltkrieg ausgebombten Stadtwaage.

Foto: Roland Scheitz

Wirtschaftliche Prosperität

„Bis dahin war der Nordwesten ein Armenhaus“, erläutert Heinrich Lintze. Darauf folgte eine boomende Zeit wirtschaftlicher Prosperität bedingt durch Rekord-Getreideernten, die in den damals darbenden Süden Europas exportiert wurden. Ohne die Relikte der Weserrenaissance, deren unangefochtener Star das Weltkulturerbe des Rathauses ist, wäre die Hansestadt für Touristen nur halb so interessant. In den Jahren 1405 bis 1409 wurde es zunächst im gotischen Stil erbaut. 1608 erhielt es mit der verspielten Renaissance-Fassade durch Senatsbaumeister Lüder von Bentheim sein heutiges Gesicht.

Wie alle Führungen des aufeinander eingespielten Duos läuft auch die neueste Erfindung aus ihrer Denkfabrik wie geschnitten Brot. In der Woche sind es bereits ein Dutzend, eine weitere Serie folgt Ende August. „Während des Corona-Shutdowns haben wir Streifzüge durch die Stadt unternommen, um unsere neue Führung zu konzipieren“, erzählt Detlef Stein. Und Heinrich Lintze fügt, an die Teilnehmenden gerichtet, hinzu: „Wir möchten, dass sie sich auch in Zeiten wie diesen sicher fühlen“.

Dementsprechend ist die Führung eine reine Freiluft-Veranstaltung. Außerdem wird das Tragen von Mund-Nase-Bedeckungen empfohlen. Die Zahl der Teilnehmenden ist auf ein Dutzend begrenzt. Eine der Teilnehmenden ist Gerty Weber, seit anderthalb Jahren Neubremerin. Die Hansestadt könne durchaus mit der Kulturstadt Stuttgart konkurrieren, findet sie. Weil sie von Detlef Steins Führungen in der Kunsthalle und der Graphothek immer wieder angetan ist, nimmt sie auch an dieser Stadtführung teil.

MIT Neues Stadtführungs-Format mit Heinrich Lintze und Detlef Stein mit Hintergründen zur Bremer Weser-Renaissance

Ein prosaischerer Anblick: Die Rückfront der Stadtwaage.

Foto: Roland Scheitz

Größer als das Rathaus

Wer gern alle Geschichten rund um die Weserrenaissance hören möchte, der sollte schon selbst an einer Führung teilnehmen. Das Duo gibt Antworten darauf, was den einstigen Direktor der Bremer Kunsthalle, Gustav Pauli, so besonders an der Westfassade des Rathauses faszinierte, die von Touristen oft nur wegen der Stadtmusikanten wahrgenommen wird. Erläutert wird auch, weshalb die Fassade des Schütting von italienischen Elementen geprägt ist und weshalb er auf alten Stichen größer als das Rathaus dargestellt wird.

Wissbegierige können ebenfalls erfahren, was es mit der Konstruktion der Wallanlagen auf sich hat. Und, zurück zum Ausgangspunkt der Bremer Renaissance-Tour, dem Ansgarikirchhof: Dort schildert Detlef Stein die bewegte Geschichte des schmucken Hauses, das die Gewandschneider, also Tuchhändler, einst als Ausdruck ihres Selbstbewusstseins 1619 bis 1621 als Hochzeitshaus errichten ließen.

Weitere Informationen

Weitere Termine zur Führung „Bremens Renaissance“ von Dienstag, 25., bis Freitag, 28. August, um 17.30 Uhr, Sonntag, 30. August, um 11 und 13 Uhr, sowie Montag, 31. August, um 11, 13 und 14.30 Uhr. Treffpunkt ist jeweils der Ansgarikirchhof vor dem Gewerbehaus. Die Führungen dauern maximal 80 Minuten und kosten zehn Euro pro Person. Anmeldung obligatorisch an schweizer7@t-online.de.

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