St.-Petri-Dom

Ehrenamt made in Bremen

Cord Behrens und Marcel Linnemann sind die zwei neuen Diakone der Gemeinde. Dabei handelt es sich um ein Ehrenamt, das es in dieser Form nur in den fünf Innenstadtkirchen Bremens gibt.
16.03.2020, 05:36
Lesedauer: 3 Min
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Von Britta Kluth
Ehrenamt made in Bremen

Engagement für die Gemeinde: Cord Behrens (links) und Marcel Linnemann sind die neuen Diakone im St.-Petri-Dom.

PETRA STUBBE

Auch wenn Marcel Linnemann erst zehn Jahre alt war, hat er die Szene noch genau vor Augen. „Ich war mit meinen Eltern beim Sonntagsgottesdienst im Dom. Kurz vor Schluss steht mein Vater auf und entfernt sich leise. Ich erinnere mich noch, dass ich ganz erschrocken war, dass er nicht das Ende der Predigt abgewartet hat.“ Was er damals nicht wusste, sein Vater war Diakon in der Bremer Domgemeinde. Eine seiner Aufgaben bestand darin, am Ausgang die Kollekte, den sogenannten „Klingelbeutel“, einzusammeln. Heute übernimmt das sein Sohn. Denn seit Dezember letzten Jahres verstärkt Marcel Linnemann zusammen mit Cord Behrens die Diakonie des St.-Petri-Doms. Die 24 Mitglieder verpflichten sich jeweils für zwölf Jahre, für die Gemeinde tätig zu sein. Dabei handelt es sich um ein Ehrenamt, und zwar eines, das immer wieder zu Missverständnissen führt. Und eines, das es in dieser Form nur in den fünf Innenstadtkirchen Bremens gibt.

„Wenn ich erzähle, dass ich Diakon bin, denken die meisten Menschen, dass ich bei der Kirche angestellt bin und zum Beispiel den Pastor unterstütze oder in einer diakonischen Einrichtung arbeite“, berichtet Cord Behrens. „Viele kennen den Begriff nur aus diesem Bereich, dabei hat die Diakonie als Ehrenamt in Bremen eine lange Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Man vermutet, dass sie aus dem Schüsseldienst hervorging, wie das Einsammeln der Kollekte früher genannt wurde.“ Damals habe große wirtschaftliche Not geherrscht. Eine der Hauptaufgaben der Diakone sei gewesen, Gelder für Arme, Alte, Kranke und Waisen zu sammeln und zu verteilen. Später wurde diese Aufgabe durch die Verwaltung von Stiftungen und Erbschaften zugunsten der Gemeinde erweitert. Die Organisation der Wohltätigkeit wurde zur damaligen Zeit ausschließlich von den bremischen Kirchgemeinden übernommen. „Das Tätigkeitsfeld hat sich natürlich extrem verändert“, sagt Linnemann. „Heute engagieren wir uns hauptsächlich innerhalb der kaufmännischen und administrativen Verwaltung aller Einrichtungen, die zur St.-Petri-Gemeinde gehören. Geblieben ist der Kollektendienst, der immer noch von uns übernommen wird.“

Cord Behrens sitzt derzeit im Verwaltungsgremium der Egestorff-Stiftung. Regelmäßig trifft er sich mit der Geschäftsführung, verschafft sich einen Überblick über die betriebswirtschaftlichen Zahlen und setzt sich mit strukturellen Aspekten auseinander. „Unsere Einrichtungen müssen sich alle komplett selbst tragen. Wir übernehmen eine Art Kontrollfunktion und stellen als außenstehende Personen unsere Sichtweise zur Verfügung“, erklärt der 37-Jährige. Auch das St.-Petri-Waisenhaus, Kindergärten, Kindertagesstätten und die Mädchenkantorei gehören zu den kircheneigenen Einrichtungen und werden jeweils von zwei bis drei Diakonen betreut. Ebenso die Domnachrichten, die in das Aufgabengebiet von Marcel Linnemann fallen. „Am Anfang musste ich mich da ganz schön reinfuchsen,“ erzählt er. „Ich arbeite als Projektentwickler in der Immobilienbranche und hatte mit Druckereien und Anzeigenakquise bislang wenig zu tun.“ Das sei aber gleichzeitig der Reiz an dem Ehrenamt, hat der 32-Jährige festgestellt. „Wir lernen neue Bereiche kennen und können aktiv unsere Ideen einbringen. Natürlich immer in enger Abstimmung mit der Geschäftsführung oder, wie in meinem Fall, mit der Redaktion.“ Nach einiger Zeit wechselt der Verantwortungsbereich. Einmal im Monat findet außerdem ein Treffen aller Diakone zum Austausch statt.

In seinem ehrenamtlichen Engagement sieht Behrens auch die Möglichkeit, sichtbar zu machen, was die Kirche außerhalb des Gottesdienstes alles leistet. „Ich habe mich sehr gefreut, als ich gefragt wurde, ob ich mir ein Engagement als Diakon vorstellen könne. Die Aufgabe ist zwar zeitintensiv, aber ebenso spannend und herausfordernd. Außerdem bin ich seit meiner Konfirmandenzeit eng mit dem St.-Petri-Dom verbunden.“ Zusammen mit seiner Frau und seinen zwei Kindern wohnt der gebürtige Bremer in Horn-Lehe. Für das Jura-Studium ging er nach Göttingen, kehrte aber nach seinem ersten Staatsexamen fürs Referendariat zurück in die Heimatstadt. Seit sechs Jahren praktiziert er hier als Rechtsanwalt. „Eine Besonderheit an der Domgemeinde ist, dass viele Mitglieder nicht nur aus dem Einzugsgebiet kommen, sondern vor allem aus dem Umkreis. Denn in Bremen darf sich jeder seine Gemeinde unabhängig vom Wohnort selbst wählen.“

So wuchs auch Marcel Linnemann in Borgfeld auf, seine Eltern gehören aber der St.-Petri-Domgemeinde an. „Als Jugendlicher habe ich zunächst nicht verstanden, warum ich nicht zum selben Konfirmandenunterricht gehen konnte wie meine Freunde aus der Schule und Nachbarschaft“, erinnert er sich. „Zum Glück kannte ich viele der Schüler schon von gemeinsamen Unternehmungen. Und ich war ja nicht der Einzige, der einen weiten Anfahrtsweg hatte.“ Seit sechs Jahren wohnt er wieder in Bremen, mit Frau und Sohn in Borgfeld. Mit Bremen sieht er sich tief verwurzelt und betrachtet das Diakonat deshalb auch als Chance, etwas für die Stadt zu tun. „Das Ehrenamt ist ein wertvoller Dienst an der Gesellschaft. Ich kann meine Stärken und Expertise einbringen und damit etwas Gutes tun.“ Ähnlich sieht es Behrens: „Es freut mich, dass man mir die Verantwortung übertragen hat. Das Vertrauen möchte ich jetzt zurückgeben und die nächsten zwölf Jahre vollen Einsatz für die Domgemeinde und die Menschen in Bremen leisten.“

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