Arbeiter-Samariter-Bund Bremen

Ein allerletzter Herzenswunsch

Im Januar bekommt der Arbeiter-Samariter-Bund - wie auch schon die anderen Landesverbände - einen „Wünschewagen“. Er dient dazu, Todkranken einen letzten Wunsch zu erfüllen, der mit einer Reise verbunden ist.
10.12.2018, 21:29
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Ein allerletzter Herzenswunsch
Von Silke Hellwig
Ein allerletzter Herzenswunsch

Die Herzensangelegenheit eines Todkranken (im Bild mit seiner Schwiegertochter), den ein ASB-Wünschewagen erfüllen konnte: eine letzte Reise, um an der Hochzeit seines Sohnes teilnehmen zu können.

ASB / Hannibal

Der Wagenpark des bremischen Landesverbands des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) wird im Januar durch einen ganz besonderen Sprinter ergänzt. Es handelt sich um eine Sonderanfertigung. Kostenpunkt: ungefähr 120 000 Euro, sagt Julian Thies, Sprecher des ASB Bremen. Das medizinisch-technische Innenleben entspreche zwar einem üblichen Krankentransportwagen, doch die sonstige Ausstattung ist speziell: Besondere Stoßdämpfer sind eingebaut sowie eine Musikanlage. Der Dachhimmel ist mit kleinen LED-Leuchten, die Bettwäsche der Liege mit Sternen übersät. Eine Rundum-Verglasung ermöglicht „einen Panorama-Blick“.

Wer in diesem Wagen transportiert wird, soll sich wohlfühlen. Die Reisen, für die der Transporter zur Verfügung steht, gehören zu den letzten, die die todkranken Fahrgäste unternehmen werden. Offiziell heißt das beim ASB: begleitete Fahrten zu Wunschzielen in der letzten Lebensphase. Der sogenannte Wünschewagen, der in wenigen Wochen an den ASB Bremen ausgeliefert werden soll, wird ausschließlich durch Spenden finanziert und durch ehrenamtliches Engagement getragen. Thies koordiniert das Projekt.

Der Landesverband Bremen ist der letzte, der einen solchen Wagen in den Dienst stellt, sagt Thies. Vor etwa fünf Jahren wurde das Projekt beim ASB Regionalverband Ruhr geboren – nach dem Vorbild ähnlicher Konzepte in den Niederlanden und in den USA. Mehr als 1000 Wunschfahrten für Kinder und Erwachsene mit geringer Lebenserwartung habe der ASB bundesweit bereits absolviert. Mit dem Bremer Wünschewagen verfügt der Arbeiter-Samariter-Bund bald über 22 der Spezialfahrzeuge, größere Landesverbände wie zum Beispiel der bayerische besitzen mehrere Exemplare.

Landesverband Bremen zahlt 100 000 Euro zinsloses Darlehen ab

Der ASB ist mit seinem Wünschewagen-Projekt auf Spenden angewiesen: Rund 200 000 Euro braucht der Verband in Bremen laut Thies für die nächsten zehn Jahre, um Menschen, deren Lebensende unmittelbar bevorsteht, noch einen letzten Wunsch erfüllen zu können. Der ASB-Bundesverband finanziere den Wagen vor, der Landesverband Bremen zahlt 100 000 Euro zinsloses Darlehen ab.

Weiterhin bezuschusse der Bundesverband das Projekt in Bremen mit 50 000 Euro. Denn mit dem Kauf des Wagens alleine sei es nicht getan, auch Projektkosten fallen an. Das beginne bei der Dienstkleidung und dem medizinischen Material und reiche bis zur der Kfz-Versicherung für den Wünschewagen, Schulungen für ehrenamtliche Helfer und anteilige Kosten für die Organisation auf Seite der Hauptamtlichen.

Nur ein Teil der beantragten Wünsche könne erfahrungsgemäß erfüllt werden, berichtet Thies. Manche Reisen können nicht organisiert werden, andere Anträge entsprechen nicht den erforderlichen Kriterien, manche Kranken sterben, bevor sie auf die Reise gehen können. Thies zählt Wunschfahrten auf, von denen seine ASB-Kollegen berichten: Sterbende wollen noch einmal das Meer sehen, im Zoo Tieren nahe kommen, an einer Hochzeit in der nahen Verwandtschaft teilnehmen, Konzerte besuchen, die Heimatstadt wiedersehen, in einem Oldtimer fahren. Meistens werden die Kranken von Familienmitgliedern und Freunden begleitet.

Der Aufwand für die Unternehmungen ist groß, mit dem Besitz des Spezialfahrzeugs alleine ist es nicht getan. Auch organisatorische Fragen sind zu klären, möglichst kurzfristig, angesichts des Zustands der Menschen, deren Wünsche erfüllt werden sollen. „Erfüllungshelfer“ müssen gefunden werden – je nach Wunsch kann es sich dabei um Fußballvereine oder Kinobetreiber, Prominente, Flugzeug- oder Oldtimerbesitzer handeln. Deshalb will der ASB Bremen einen Freundeskreis gründen, wo sich ehrenamtliche Helfer ohne medizinische Qualifikation insbesondere auch organisatorisch für Wunschfahrten engagieren können.

Eigens geschult und psychologisch unterstützt

Die Begleiter im Wünschewagen müssen mit seiner notfallmedizinischen Ausstattung umzugehen wissen: Mindestens zwei qualifizierte ehrenamtliche Helfer sollen jede Fahrt begleiten, neben einem Rettungssanitäter mit Erfahrung im Krankentransport am Steuer eine Betreuungsperson, die bei den Kranken bleibt, im Idealfall eine examinierte Krankenschwester oder ein Krankenpfleger, sagt Julian Thies. Die Freiwilligen, die solche Fahrten begleiten, müssen eigens geschult und psychologisch unterstützt werden. „Die Betreuung und Begleitung von Menschen in ihrer letzten Lebensphase stellt hohe Anforderungen an alle Beteiligten“, heißt es in einer Informationsbroschüre.

Der ASB Bremen hat eine „Wunschkommission“ gebildet, die über die eingereichten Wünsche diskutieren und entscheiden wird. Nicht jede Reise könne angetreten werden. Bei der Beurteilung gehe es nicht nur darum, ob der Wunsch überhaupt realisierbar sei, sondern auch der Zustand des Patienten spiele eine Rolle. „Der Wünschewagen soll ausschließlich für Sterbenskranke da sein.“ Darauf müsse der ASB im Interesse der Spender und der Ehrenamtlichen achten.

„Wir werden uns auch einen persönlichen Eindruck von den Patienten machen“

Entsprechend strebt der ASB eine enge Zusammenarbeit mit den Hospizen in Bremen, Bremerhaven und dem Umland sowie der Palliativstation im Klinikum Links der Weser (LDW) an. Hans-Joachim Willenbrink, Chefarzt der Schmerztherapie und Palliativmedizin im LDW, habe seine Unterstützung zugesagt. „Wir werden uns auch einen persönlichen Eindruck von den Patienten machen“, sagt Thies. So gut es geht ausgeschlossen werden soll nämlich auch, dass die Todkranken die Reise nicht genießen können, sondern leiden oder unterwegs sterben.

Lesen Sie auch

Das Projekt vereine alles in sich, wofür der ASB stehe, sagt Julian Thies: „Freiwilliges Engagement, Arbeit im Rettungsdienst und in der Pflege sowie mildtätiger Einsatz für Menschen in Not“. Es trage zudem dazu bei, „das Thema Tod zu enttabuisieren“.

In einer ASB-Broschüre sind Auszüge aus Dankesbriefen abgedruckt: „Der emotionalste Moment war dann direkt am Meer. Wir hatten vier wundervolle Begleiter dabei, die es auf sich genommen haben, den schweren Rollstuhl wirklich bis ans Meer zu ziehen. Das war unglaublich. Ebenso, dass meine Mama, die sich nicht mehr wirklich artikulieren kann, im Bett lag und dann plötzlich ,Danke' sagte. Das war ein unvergesslicher Moment.“

„Eine neue Spalte im Dienstplan“ werde der ASB Bremen vom nächsten Jahr an berücksichtigen müssen, so Thies. Ab März soll der Wünschewagen von Bremen und dem Umland aus mit Todkranken auf Reisen gehen.

Weitere Informationen

Wer die Fahrten des ASB-Wünschewagens unterstützen möchte, kann das unter dieser Kontonummer:
ASB Bremen
Stichwort: Wuenschewagen
IBAN: DE58 2512 05 1000 0282 1900
BIC: BFSWDE33HAN

Weitere Informationen gibt es unter
www.wuenschewagen.de

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+