40-jähriges Bühnenjubiläum

Ein Heimatloser im sicheren Hafen

Vor 40 Jahren stand Schauspieler Knut Schakinnis das erste Mal auf der Bühne. Viele Jahre tingelte er durchs Land, bis Bremen seine Heimat wurde. Hier leitet er das Theaterschiff und das Packhaustheater.
04.04.2019, 15:46
Lesedauer: 4 Min
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Ein Heimatloser im sicheren Hafen
Von Alexandra Knief
Ein Heimatloser im sicheren Hafen

In die Ferne wirft Knut Schakinnis heute nur noch hin und wieder einen neugierigen Blick. Lange tingelte er als Schauspieler durchs Land. Mittlerweile ist Bremen seine Heimat.

Koch

Gut gelaunt sitzt Knut Schakinnis im Gastrobereich des Theaterschiffes. Zur Begrüßung gibt es sein überschwängliches „Hallooooo“ – ein Hallo, das wohl jeder, der ihn kennt, jetzt sofort im Ohr hat. Knut Schakinnis ist der Kapitän des Theaterschiffes, auch, wenn dieses nicht mehr fährt. Vor 17 Jahren ist es in seinen sicheren Hafen eingelaufen – und mit ihm sein Besitzer Schakinnis. Das war nicht immer so, denn bis der 63-jährige Theatermacher dort landete, wo er heute ist, war es ein langer Weg. Viele Jahre war er als Schauspieler unterwegs, war quasi heimatlos, zog von Stadt zu Stadt, von Bühne zu Bühne, von Rolle zu Rolle. In diesem Jahr feiert er sein 40-jähriges Bühnenjubiläum. Auch, wenn er heute nur noch selten selbst spielt. Denn im Laufe der Jahre haben ihn viele neue Aufgaben ereilt: Heute ist er für sechs Theater verantwortlich. Und soweit er weiß, ist er der einzige Privatmann in ganz Europa, der das von sich behaupten kann.

Eine unbewusste Suche

Aber von vorn: Geboren wurde Schakinnis als eines von zehn Kindern im Westerwald. „Weit weg von allem“, wie er mit einer ausholenden Handbewegung betont. Erst mit 17 oder 18 habe er sich „in die Welt getraut“. Dann aber richtig. Die Hippie-Zeit habe er voll mitgenommen, erinnert sich Schakinnis. Aber eine Karriere beim Theater? Die hatte er in jungen Jahren erst einmal gar nicht im Sinn. Stattdessen „tingelte“ er rum, lebte in Amsterdam und Marseille, war hier und da, landete in Frankfurt. Er arbeitete als Schweißer bei einer Werft, in einer Tischlerei, als Taxifahrer und als Objektleiter in einer Frankfurter Gebäudereinigung. „Irgendwie habe ich nie eine Andockstelle gefunden. Es war ein unbewusstes Suchen“, sagt Schakinnis heute.

Bis zu einem schicksalhaften Abend in seiner Frankfurter WG – auch wenn Schakinnis selbst das Wort Schicksal bewusst vermeidet, denn abergläubisch sei er „nun wirklich nicht“. Ein Mitbewohner erwähnte beiläufig, dass das Schauspielhaus Frankfurt Kleindarsteller suche. „Da habe ich mir ein Reklam aus dem Regal geschnappt und bin hingegangen“, erinnert sich Schakinnis. „Was ich vorgesprochen habe, weiß ich nicht mehr, aber ich wurde genommen.“

„Hier gehst du nie wieder weg“, habe er sich damals gedacht, als er das erste Mal auf einer Bühne stand. Und obwohl Schakinnis keinerlei Erfahrung mitbrachte, sollte er genau hier die Andockstelle finden, die ihm bis dahin fehlte. Zwei Jahre lang blieb er am Schauspielhaus Frankfurt, bevor er eine Schauspielschule in Hamburg besuchte, wo er gleichzeitig auch am Schauspielhaus und dem Thalia-Theater spielte. Seine Anfängerjahre absolvierte er in Lübeck.

Als Schakinnis das Musical „Cats“ sah, entschied er, selbst eine Musicalausbildung zu machen, bei der er auch Gesang und Tanz lernte. Es sei die erste gewesen, die überhaupt in Deutschland angeboten wurde, 1987/88 am Deutschen Theater in München. Danach arbeitete Schakinnis freiberuflich, spielte unter anderem in Berlin, Düsseldorf, München, Hamburg, Zürich und Wien. Auch in klassischen Stücken, die meiste Zeit aber schon damals im Unterhaltungssektor.

Irgendwann war das Leben aus dem Koffer aber doch ein wenig anstrengend. „Gerade, wenn man sich ein bisschen an seine Umgebung angeschmust hat, ist man wieder weg“, sagt Schakinnis. „Aber das sind halt die kleineren Nebenwirkungen des Berufes.“ Ansonsten bezeichnet er seinen Job auch heute, nach 40 Jahren, noch als „Schatz“. Auch wenn nicht immer alles so läuft, wie man es gerne hätte: Der Malvolio in Shakespeares „Was ihr wollt“ war immer seine Traumrolle. „Als ich die Rolle bei den Sommerfestspielen in Düsseldorf endlich bekam, war das Wetter so schlecht, dass ich meinen Monolog immer im Regen halten und wir das Stück danach abbrechen mussten“, erinnert sich Schakinnis und tut kurz so, als wäre er heute noch geknickt deswegen, bevor er zu lachen beginnt.

Vor Anker gegangen

In Bremen landete Schakinnis vor 22 Jahren der Liebe wegen. Hier blieb er, heiratete, hat mittlerweile zwei erwachsene Töchter. 2002 eröffnete er das Theaterschiff. Die Idee dazu hatte er aus Heilbronn, wo es bereits ein Theaterschiff gab. „Das hält der kein Jahr durch“, hörte er einige Leute hinter seinem Rücken tuscheln, das Theater sei der „Schandfleck von Bremen“ habe damals die „Taz“ geschrieben. Und tatsächlich war Schakinnis überrascht, was ein Theater so alles kostet und wie viele Risiken der Betrieb birgt. Doch anstatt aufzugeben schlug er die andere Richtung ein, eröffnete 2006 das Theaterschiff in Lübeck, kaufte im gleichen Jahr die insolvente Komödie in Kassel, übernahm 2010 die Alte Molkerei in Worpswede, 2012 das Packhaustheater im Schnoor und ließ 2013 das Astoria-Kino in Bielefeld zur Komödie Bielefeld umbauen. „Die Idee war, dass jedes Theater die anderen stützt, bis alle funktionieren“, sagt Schakinnis. „Denn je größer die Anzahl der Theater, desto kleiner die Belastung pro Sitz.“ Ein Konzept, das aufging. 1400 Plätze zählen seine Theater heute zusammen. Und mittlerweile sind in allen Städten in der Regel viele davon besetzt. Noch mehr Theater will Schakinnis sich nicht zulegen, Arbeit hat er auch so genug. Immer wieder übernimmt er auch selbst die Regie bei seinen Stücken. „Ich bin jetzt an dem Punkt, endlich genießen zu können, wie toll das alles eigentlich ist.“

Bei seinem Programm setzt er größtenteils auf Komödien. Das sei im Privattheatersektor „die einzige Überlebensmöglichkeit“, denn es sei das, was die Leute sehen wollen. Grundsätzlich gibt es eine Regel bei Schakinnis. Na gut, zwei eigentlich. Erstens: „Was mir gefällt, muss ich nicht spielen, und was ich spiele, muss mir nicht gefallen.“ Er sieht sich eher als Theatermanager, nicht als Intendant, der sich mit seiner Persönlichkeit vor das Theater stellt. Und zweitens: Es darf witzig sein, es darf auch übertrieben werden, aber auf das Wesentliche runtergebrochen „muss es die Figuren auf der Bühne auch im normalen Leben geben können“, so Schakinnis. Sonst geht das in die Hose. Er sieht sich selbst als Perfektionisten. „Mir hat mal jemand gesagt, man muss auf 150 Prozent ausgerichtet sein, um 100 Prozent zu schaffen“, sagt er. Immer wieder habe er neue Ideen für Veränderungen und Verbesserungen. Manchmal nervt er sein Team damit auch ein bisschen, gibt er zu. „Aber im positiven Sinne.“

Anlässlich seines Jubiläums wird er ab Freitag auch wieder selbst auf der Bühne zu sehen sein. In einer Wiederaufnahme der Komödie „Typisch Mann“. Ob er noch 40 Jahre weitermacht? 20 hält er durchaus für realistisch. 20 Jahre, in denen er die Leute mit einem fröhlichen „Halloooo“ begrüßen kann. Zuhause, in seinem sicheren Hafen.

Weitere Informationen

Anlässlich des Bühnenjubiläum zeigt das Theaterschiff vom 5. bis zum 14. April erneut das Stück „Typisch Mann“. Tickets gibt es unter anderem bei Nordwest-Ticket.

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