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Ein Steg für eine Künstlerin

Der idyllische Steg zwischen Theater und Kunsthalle fällt bei einem Spaziergang durch die Stadt nicht gleich ins Auge. 2007 wurde der versteckte Platz nach der Malerin Paula Modersohn-Becker benannt.
31.08.2019, 06:23
Lesedauer: 4 Min
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Ein Steg für eine Künstlerin
Von Elena Matera
Ein Steg für eine Künstlerin

2007 wurde der Steg nach der Malerin Paula Modersohn-Becker benannt.

Frank Thomas Koch

Die Äste der Platane beugen sich weit über den Steg. Sie werfen ihre Schatten auf die Holzbretter, spiegeln sich in der Wasseroberfläche. Der Wind lässt die Blätter rascheln. Keine Menschenseele ist auf dem geschwungenen Weg zu sehen. Im Hintergrund hört man nur gedämpft den Stadtverkehr: das Läuten der Straßenbahn, Autos, die auf dem holprigen Kopfsteinpflaster der Straße Am Wall fahren.

Der Paula-Modersohn-Becker-Steg liegt versteckt hinter dem Gerhard-Marcks-Haus, dem Museum für moderne und zeitgenössische Bildhauerei in Bremen, zwischen Goetheplatz und Kunsthalle. Ein Ort, der bei einem Spaziergang durch die Innenstadt nicht gleich ins Auge fällt. Vom Theater am Goetheplatz aus gelangt man über eine Steintreppe hinunter zum Steg. Die Mauer, die entlang der Treppe verläuft, ist mit Graffiti bemalt. Auf dem Geländer kleben zahlreiche Sticker. Ist man auf der unteren Treppenstufe angekommen, beginnt der Weg über das Wasser. Gleich zu Beginn steht auf einer Metallplakette „Paula Modersohn-Becker Steg“ geschrieben.

„Jetzt wird sogar der kleine Brückenweg hinter dem Gerhard-Marcks-Haus nach mir benannt. Weshalb sie erst 100 Jahre nach meinem Tod auf diese Idee kommen, weiß ich nicht“, schreibt Romina Schmitter vom Bremer Frauenmuseum im Jahr 2007 in einer nachdenklichen Glosse „Was Paula wohl gedacht hätte...“, die aus der Sicht der Künstlerin Paula Modersohn-Becker geschrieben ist. In eben jenem Jahr war der 100. Todestag der berühmten Worpswederin. Das Jahr, in dem auch der Steg nach ihr benannt wurde. Die Initiative für die Namensgebung kam vom Bremer Frauenmuseum, von Romina Schmitter, Uta Gerpott und der bereits verstorbenen Elisabeth Hannover-Drück. Seit Jahren setzt sich der Verein dafür ein, Lebens- und Arbeitszusammenhänge von Frauen und ihren Leistungen in Kunst, Geschichte und Gesellschaft zu dokumentieren und der Öffentlichkeit vorzustellen. Das Frauenmuseum setzt sich daher unter anderem dafür ein, dass mehr Straßennamen nach bedeutenden Bremer Frauen benannt werden, um sie in der Stadt sichtbar zu machen – so auch Paula Modersohn-Becker.

„Eigentlich sollte die berühmte Künstlerin einen Straßen- oder Platznamen erhalten“, sagt Regina Contzen vom Bremer Frauenmuseum. „Das konnte zu der Zeit allerdings nicht realisiert werden. Wir sind froh, dass wenigstens ein kleiner Steg nach ihr benannt werden konnte.“ Im Jahr 2007 wurde außerdem eine in Bronze gegossene Büste Modersohn-Beckers in den Wallanlagen aufgestellt. Die Vorlage stammt aus dem Jahr 1899, erschaffen von der deutschen Bildhauerin Clara Rilke-Westhoff, einer guten Freundin Modersohn-Beckers. Rilke-Westhoffs Ehemann war der Dichter Rainer Maria Rilke.

Der Steg verbindet die Büste und die nahegelegene Kunsthalle mit dem Theater am Goetheplatz. „Der Brückenweg gefällt mir, wie er in leichtem Bogen – in Dämmerung und Dunkelheit von einer Lichterkette begleitet – über das schimmernde Wasser führt und mit den beiden Museen und dem Theater symbolisch die Malerei, die Plastik mit Schauspiel, Musik und Tanz verbindet“, heißt es weiter in der Schmitters Glosse aus der Sicht Modersohn-Beckers. Laut Schmitter könnte eben diese Verbindung von Theater und Kunsthalle der Worpsweder Malerin gut gefallen haben. Mit dem Ausdruck Lichterkette geht Schmitter auf die Beleuchtung des Stegs ein. Lauter Lampen sind entlang des Weges befestigt. Sie beginnen bereits auf dem Goetheplatz vor der kleinen Steintreppe und ziehen sich den ganzen Steg entlang bis zum anderen Ende. Sobald es dunkel wird, leuchten die Lampen auf und geben dem Weg Licht. Betritt man den Steg in der Dunkelheit, erscheint die ganze Atmosphäre durch eben jene Lichterkette magischer, als sie sowieso schon ist.

Obwohl der Steg mitten in der Stadt liegt, nur wenige Meter vom Ostertorsteinweg und dem Vierteltrubel entfernt, ist er dennoch ein kleiner Ruhepol. Nur wenige verirren sich hierher. Wenn man dann doch Spaziergänger auf dem Steg sieht, scheinen deren Schritte ungewollt langsamer zu werden. Einige holen ihr Smartphone heraus, fotografieren das idyllische Bild des Weges umgeben von Wasser, Pflanzen, Ruhe. Andere bleiben kurz stehen oder setzen sich auf den Steg, halten für einen Moment inne. Dennoch wird der Steg im Alltag von vielen Menschen übersehen, was sicherlich auch der Lage geschuldet ist.

Vielleicht verbindet ihn auch gerade das mit Paula Modersohn-Becker. Sie wurde zu Lebzeiten ebenfalls unterschätzt. Dabei hat sie es als Frau geschafft, sich Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in einer von Männern dominierten Kunstwelt durchzusetzen. Sie hatte Ziele, die auch heute noch zahlreiche Frauen verfolgen. Modersohn-Becker wollte einerseits arbeiten und als Malerin anerkannt werden. Sie wollte selbstständig und unabhängig sein. Sie verließ dafür sogar ihren Mann, den Maler Otto Modersohn, sie reiste eigenständig nach Paris, studierte dort die Kunstszene. Sie dachte über ihr Leben nach, über ihren Namen. „Ich bin nicht Modersohn und ich bin auch nicht mehr Paula Becker, Ich bin Ich, und hoffe es immer mehr zu werden“, schreibt sie etwa in einem Brief an den Dichter Rainer Maria Rilke. Auf der anderen Seite wollte die selbstständige Künstlerin auch in einer Beziehung leben und Mutter sein. Eines ihrer berühmtesten Gemälde ist etwa das Selbstporträt, auf dem sie nackt und schwanger ist, obwohl sie es zu dieser Zeit gar nicht war. Dieses Aktbild drückte ihren tiefsten Wunsch aus, Mutter zu werden. Und diesen erfüllte sie sich auch. Die Künstlerin kehrte nach einiger Zeit zurück aus Paris nach Worpswede und brachte ein Kind zur Welt. Ihre Tochter Mathilde konnte sie allerdings nur zweieinhalb Wochen miterleben. Modersohn-Becker starb mit nur 31 Jahren nach einer Embolie.

„Was mich stört, ist die Namensgebung: Warum muss der Weg Paula Modersohn-Becker Steg heißen und nicht umgekehrt?“, schreibt Schmitter in ihrer Glosse weiter. „Einmal geht Becker-Modersohn leichter über die Zunge; dann habe ich mich eigentlich immer mehr als Paula Becker, dann auch als Paula Becker-Modersohn gefühlt.“ Schmitter bezieht sich dabei auf die Bezeichnung des Stegs. Vielleicht hätte die Künstlerin tatsächlich eben jenen Gedanken geteilt, wo sie doch selbst so oft über ihren Namen nachgedacht hat.

Die berühmte Malerin hat in Bremen zwar letztendlich keinen Straßen- oder Platznamen erhalten, so wie es sich das Bremer Frauenmuseum ursprünglich gewünscht hatte. Doch ein versteckter Steg zwischen Kunsthalle und Theater hätte der Künstlerin vielleicht ohnehin viel besser gefallen. Das Bild der Wallanlagen und des Stadtgrabens, das viele Grün – all das hätte Paula Modersohn-Becker vielleicht an die Künstlerkolonie Worpswede erinnert, an ihr Zuhause.

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