Uni-Rektor im Interview "Ein Tüv für Zeitschriften"

Uni-Rektor Bernd Scholz-Reiter spricht im Interview über seine Veröffentlichungen bei Scheinverlagen und die Konsequenzen für die Wissenschaft in Bremen.
02.08.2018, 12:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Kristin Hermann

Herr Scholz-Reiter, ein Recherchenetzwerk hat aufgedeckt, dass sich in den vergangenen Jahren ein Markt pseudowissenschaftlicher Verlage etabliert hat, die nur unter Vorgabe von Wissenschaftlichkeit arbeiten. Auch Sie haben dort in der Vergangenheit veröffentlicht. Machen Sie es sich nicht ein bisschen einfach, wenn Sie sagen, dass Sie von den Methoden dieser Anbieter nichts gewusst haben?

Bernd Scholz-Reiter: Die Publikationen, an denen ich als Ko-Autor beteiligt bin, stammen aus der Zeit von 2009 bis 2014. Das heißt im Wesentlichen vor der rasanten Zunahme und Bekanntheit des Phänomens von Raubverlagen, den das Recherchenetzwerk nun für die Zeit ab 2013 festgestellt hat. Damals hatten ich und meine Ko-Autoren keine Zweifel an der Seriosität der Verlage, ansonsten hätten wir dort nicht veröffentlicht. In den letzten Jahren habe ich dort nicht mehr publiziert. Viele renommierte und erfahrene Wissenschaftler aller großen Wissenschaftsinstitutionen haben sich von Raubverlagen täuschen lassen. Da sind ich und meine Ko-Autoren nicht allein.

Sie waren zum Zeitpunkt der Veröffentlichungen bereits Leiter des Bremer Instituts für Produktion und Logistik. Warum haben Sie überhaupt mit Ihnen unbekannten Journals zusammengearbeitet?

Damals gab es den Trend hin zu „Open Access“. Die Wissenschaftscommunity wollte diese Art der Publikation fördern. Zurecht, denn diese Methode bietet Wissenschaftlern die Möglichkeit, ihre Ergebnisse einer größeren Leserschaft zur Verfügung zu stellen, ohne dass diese dafür bezahlen muss. Als "Open Access" vor etwa zehn Jahren stark an Unterstützung gewann, entstand eine Reihe von neuen Verlagen am Markt. Viele davon seriös, einige nur mit dem Anschein von Seriosität, wie wir heute wissen. Dass diese neuen Verlage uns damals unbekannt sein mussten, lag in der Natur der Sache. Für mich persönlich war es wichtig, "Open Access" zu unterstützen – auch, wenn mir die Veröffentlichung in traditionellen Journalen mehr Reputation gebracht hätte.

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Einige Internetseiten dieser Verlage erinnern mehr an ein Buchungsportal für Reisen als an eine seriöse Seite. Das war auch schon zu der Zeit so, als Sie dort veröffentlicht haben. Sind Ihnen da nie Zweifel gekommen?

Sie sprechen von der Seite des Konferenzveranstalters Waset. An einer Veranstaltung von Waset oder anderen Raubverlegern habe ich niemals teilgenommen.

Mittlerweile steht fest, dass viele dieser Pseudoverlage jegliche Inhalte drucken, ohne wissenschaftliches Prüfungsverfahren (Peer Review). Ist Ihnen das nicht aufgefallen?

Es ist und war Teil des Geschäftsgebarens dieser Verlage, dass sie den Anschein der Seriosität erwecken und vorgeben, Peer Review anzuwenden. Wie ich schon sagte, hätten wir in der Zeit 2009 bis 2014 Zweifel an der Seriosität gehabt, hätten wir dort natürlich nicht veröffentlicht. Wichtig ist aber auch: Zu keinem der Beiträge mit meiner Ko-Autorenschaft, die "Open Access" von jedem gelesen werden können, gab und gibt es irgendwelche Einwände. In den Abschlussberichten der dazu gehörenden Forschungsprojekte sind die Veröffentlichungen aufgeführt und beigelegt. Diese Berichte sind von anonymen Gutachtern geprüft worden. Weder an den Publikationen noch an den gewählten Journals oder Verlagen ist jemals irgendeine Kritik geäußert worden.

Man hat den Eindruck, dass Sie die Diskussion um Ihre Person ziemlich ärgert.

Das Recherchenetzwerk hat mit seiner Berichterstattung eine sehr wichtige Diskussion angestoßen. Doch es darf in der Diskussion eine ebenso wichtige Unterscheidung nicht verloren gehen: Es muss klar zwischen Raubverlegern und unredlichen Autoren auf der einen Seite und redlichen Autoren auf der anderen Seite unterschieden werden. Die wissenschaftliche Qualität eines Beitrags hängt nicht davon ab, in welchem Journal er veröffentlicht wurde. Es kommt auf den Inhalt des einzelnen Beitrags an. Deswegen hat die Allianz der Wissenschaftsorganisationen auch zu Recht betont, dass ein Artikel nicht automatisch unwissenschaftlich, falsch oder „fake science“ ist, wenn er in einem Predatory Journal erschienen ist. Natürlich ärgert es mich aber, dass wir mit unseren qualitativ hochwertigen Veröffentlichungen möglicherweise diese Verlage aufgewertet haben.

Wünschen Sie sich dabei mehr Rückendeckung, etwa durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft?

Es muss eine Antwort des gesamten Wissenschaftssystems geben. Meiner Meinung nach müsste man eine Art Tüv für Zeitschriften einführen. Das ist natürlich keine leichte Aufgabe, denn dahinter steht ein großer internationaler Markt von tausenden Verlagen, aber sie muss in geeigneter Weise angegangen werden. Ich habe dazu auch den Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) angeschrieben und ihn gebeten, dass die DFG als Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft dieses Thema gemeinsam mit ihren Mitgliedseinrichtungen in angemessener Weise aufarbeiten möge. Die Allianz der Wissenschaftsorganisationen hat jetzt eine Stellungnahme veröffentlicht, die ich vollumfänglich teile.

Bremens Wissenschaftssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) hat gefordert, dass die Beiträge, die dort veröffentlicht wurden, von entsprechenden Listen runtergenommen werden. Wird man das an der Universität beherzigen?

Da die Beiträge "Open Access" veröffentlicht worden sind, sind sie immer im Netz zu finden. Diese Artikel sind von anderen Wissenschaftlern auch wieder zitiert worden, hier ist meines Erachtens nach kein Rückziehen möglich. Wir werden die Beiträge jedoch in den Veröffentlichungslisten als solche kennzeichnen, bei denen kein Peer Review stattgefunden hat. Dadurch machen wir alles transparent und kenntlich, halten aber auch die Forschungsergebnisse für die Wissenschaft weiterhin bereit, denn an deren Richtigkeit hat sich nichts geändert.

Wie viele Wissenschaftler sind denn an der Universität überhaupt betroffen?

Wir wollen natürlich versuchen, das herauszufinden, aber das ist kompliziert. Bei einem dieser Verlage gibt es eine Suchfunktion, bei vielen nicht. Aber die Zahl der Autoren alleine ist meiner Meinung nach auch wenig aussagekräftig, denn viele Publikationen wurden von mehreren Autoren gemeinsam publiziert. Die Frage nach den Personen verfälscht das Bild also. Vielmehr müsste man nach der Anzahl der Publikationen fragen.

Wie will die Uni in Zukunft sicherstellen, dass ihre Wissenschaftler nicht bei solchen Verlagen publizieren?

Schon vor den aktuellen Medienrecherchen gab es verschiedene Angebote zu diesem Thema. Zum Beispiel haben wir ein "Open Access"-Finanzierungsprogramm. Wer das in Anspruch nehmen will, beantragt in der Universitätsbibliothek Geld für das entsprechende Journal. Dort wird man beraten. Wenn die Zeitschrift für unseriös befunden wird, werden auch die finanziellen Mittel abgelehnt. Am Ende ist aber der einzelne Wissenschaftler selbst verantwortlich und soll es im Rahmen der Wissenschaftsfreiheit auch sein. Wir sind als Universität jedoch auch verantwortlich dafür, die Rahmenbedingungen so zu setzen, dass bei allen die Alarmglocken klingeln, wenn es um Raubjournale geht. Dieser Verantwortung werden wir mit noch mehr Nachdruck nachkommen, durch Information, Schulungen, Publikationssupport.

Wie wichtig sind denn solche Publikationen überhaupt für die Wissenschaftler? Kommt es dabei auch auf die Masse an?

Natürlich sind Publikationen wichtig. Gerade für junge Wissenschaftler auf dem Weg zu einer Professur. Wenn ich diese Karriere anstrebe, reicht die Dissertation nicht, ich brauche weitere Veröffentlichungen, damit meine wissenschaftliche Forschung von Berufungskommissionen bewertet werden kann. Es ist aber nicht so, dass die Quantität die wichtigste Rolle spielt. Auch hier muss es um die Qualität jeder einzelnen Publikation gehen.

Andere Universitäten haben eine Art Untersuchungsausschuss angekündigt. Denken Sie über so etwas nach?

Das ist bisher kein Thema, denn es besteht kein Verdacht auf wissenschaftliches Fehlverhalten. Wenn wir die Annahme dazu hätten, gibt es einen entsprechenden Ausschuss, der diesen Vorwürfen dann nachgeht. Wir werden das Thema der Raubverlage aber im nächsten Akademischen Senat behandeln, dem es schließlich obliegen würde, einen solchen „Untersuchungsausschuss“, wie Sie es nennen, einzusetzen.

Das Interview führte Kristin Hermann.

Info

Zur Person

Bernd Scholz-Reiter

ist seit 2012 Rektor der Universität Bremen. Der 61-Jährige ist studierter Wirtschaftsingenieur und promovierte 1990 an der TU Berlin. Von 2007 bis 2011 war er Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Von 2002 bis 2012 leitete er zugleich das Bremer Institut für Produktion und Logistik. Er hat auch selbst zu den sogenannten Raubverlagen Stellung genommen.

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