100 Jahre VHS Bremen

Ein Weg, sich selbst zu erforschen

Nepal Lodh und Gabriele Borgdorf-Albers bieten seit Jahrzehnten Yoga- und Entspannungskurse für die Bremer Volkshochschule an. So lange die Kurse gebucht werden, machen sie weiter.
04.08.2019, 15:47
Lesedauer: 5 Min
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Von Kornelia Hattermann
Ein Weg, sich selbst zu erforschen

Lehren und leben Yoga: Gabriele Borgdorf-Albers und Nepal Lodh, 72 und 76 Jahre alt.

Frank Thomas Koch

Neue Trends, immer wieder neue Sprachen, berufliche Innovationen und ungewöhnliche Hobbys – das alles wäre bei der Volkshochschule gar nicht möglich, ohne die Frauen und Männer, die diese Ideen und das Wissen mitbringen. Rund 950 Dozentinnen und Dozenten aus 58 Ländern unterrichten zurzeit bei der VHS Bremen, manche bereits über Jahrzehnte und sehr erfolgreich. Nepal Lodh ist mit 76 Jahren einer der langjährigen und ältesten Kursleiter, seit 47 Jahren gibt er Yoga- und Anti-Stress-Seminare. Auch die 72-jährige Gabriele Borgdorf-Albers, seine ehemalige Schülerin, genießt heute bundesweit eine hohe Reputation als Dozentin und Autorin.

Mühelos halten beide auch mit über 70 Jahren eine Yoga-Stellung für den Fotografen, auch der Lotussitz – kein Problem. „Man wird nicht alt, sondern reifer“, zitiert Lodh aus dem Yoga, und man lerne loszulassen. Yoga sei ein Übungsweg und nichts, was man jemandem aufdrängen wolle. „Yoga ist ein Haus mit offenen Türen“, diese Formulierung von Lodh gefällt Gabriele Borgdorf-Albers besonders.

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Für den indischen Yoga-Meister ist es eine praktische und philosophische Lebensform, um Hass, Neid und dem Bösesein das Friedliche entgegenzusetzen. Yoga sei Sorge für den Körper, für die Seele, den Geist und die Umwelt. Durch Atmung sei der Mensch mit dem Kosmos verbunden, erklärt Nepal Lodh auf seine ruhige Art in seinem „Institut für Prävention und ganzheitliche Gesundheit“ in Schwachhausen.

Als der in Indien geborene Dozent 1972 den ersten Yoga-Kursus bei der Volkshochschule in Bremen ankündigte, nachdem er es vorher in seinem Wohnzimmer angeboten hatte, habe Yoga noch als anrüchig gegolten. Die einen, vor allem Menschen mit Auslandserfahrung und kulturübergreifend Interessierte, seien begeistert gewesen, andere sehr skeptisch. Oder hätten sogar Angst gehabt, dass sie zu einer neuen Sekte bekehrt werden sollten. Und dann auch noch vegetarisch leben – „wir sind doch keine Körnerfresser“, habe er damals zu hören bekommen, erzählt Lodh und schmunzelt. Auch Krankenkassen und Ärzte hätten sehr zurückhaltend reagiert. Das hat sich in den vergangenen 47 Jahren – ebenso wie die Teilnehmer der Kurse – grundlegend gewandelt.

Stressbewältigung und Gesundheit

Heute begegnen sich in den Kursen und Seminaren ganz unterschiedliche Frauen und Männer. Zwölf Bildungsurlaube bietet Gabriele Borgdorf-Albers pro Jahr an, sie sind immer voll. Rückenstärkung mit Yoga, Ruhepunkte gegen Stress, Yoga und Stressbewältigung oder Yoga und Gesundheit lauten die Titel, die junge und alte Menschen ansprechen und verschiedene Ansprüche vereinen. Da treffe die Richterin auf den Mercedes-Arbeiter, der Büroangestellte auf die Friseurin, man lerne sich kennen, entwickele Empathie. „Das ist toll. Ich liebe das Bunte und Vielseitige bei der VHS“, betont Gabriele Borgdorf-Albers.

Sie ist die erste Yogalehrerin, die Nepal Lodh ausgebildet hat. Gabriele Borgdorf-Albers stammt aus der Pfalz, hat dann in Bremen über den zweiten Bildungsweg studiert. Als Diplom-Psychologin hat sie sich im Entspannungsbereich weitergebildet, und wollte noch etwas mit Bewegung dazu in ihr Angebot aufnehmen. Mit einer Freundin hat sie einen Kursus belegt bei Nepal Lodh, der sie inspirierte und noch heute mit seinem „Füllhorn an Übungen“ begeistert. „Man kann so vielen Menschen helfen“, schwärmt die 72-Jährige, die im Viertel wohnt. Sie bildete sich immer weiter, leitet beispielsweise auch für die Krankenkassen Gruppen mit körperlich eingeschränkten Personen. Jeder mache die Übungen, so gut er könne. „Und wenn es heute nicht klappt, morgen nicht, dann gelingt eine Bewegung vielleicht in zwei Monaten“, sagt Nepal Lodh. Yoga – ein Selbsterforschungsweg.

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Gabriele Borgdorf-Albers ist der Volkshochschule Bremen sehr dankbar und loyal verbunden, auch weil von dort der Anstoß kam, ein Buch zu schreiben. Im Jahr 2000 erschien „Ruhepunkte – Hilfen gegen Stress“, ein Lehrwerk in der VHS-Szene, das von den Krankenkassen offiziell für Bildungsurlaube anerkannt ist. Durch Zufall erfuhr die Bremerin vor drei Jahren davon, dass der Klett-Verlag es auch ins Spanische übersetzen lassen hat. „Momentos de Serenidad“ laute der Titel, „Momente der Gelassenheit – ist das nicht schön?“ An der Volkshochschule Kaiserslautern wird Borgdorf-Albers im August zukünftige Kursleiter ausbilden.

Das Buch war ein Meilenstein für sie, hat sie bekannt gemacht, seither war sie bundesweit in Sachen Stressbewältigung, Entspannung und Yoga unterwegs. „Das Gebiet wird nicht langweilig“, sagt die Mutter zweier erwachsener Töchter. Zurzeit befasst sie sich mit Mutras, Finger-Übungen. Gemeinsam mit Nepal Lodh hat die Psychologin bereits Anti-Stress-Trainer ausgebildet, darunter viele Beschäftigte der Bremer Heimstiftung, Aus- und Fortbildung beispielsweise in behördlichen Dienststellen angeboten, zudem Kurse für Gehörlose, zur Rückenentlastung, Business-Yoga oder betriebliche Gesundheitsförderung. „So lange die Kurse gebucht werden, mache ich weiter“, sagt Gabriele Borgdorf-Albers, die auch ein bekennender Griechenland-Fan ist.

Zwei Mal im Jahr nach Kalkutta

Nepal Lodh wohnt in Dötlingen, woher seine Frau stammt, hat eine erwachsene Tochter und zwei Enkelsöhne. Ihn, dessen Leben Stoff für ein ganzes Buch böte, zieht es immer wieder in seine Heimat Ost-Indien, zwei Mal im Jahr reist er in das Gebiet um Kalkutta. Noch in der Kolonialzeit, 1943, wurde er in einer Höhle geboren, seine Mutter starb, als er vier Jahre alt war, danach besuchte er eine Internatsschule. Neben der allgemeinen Schulbildung wurde er schon dort in die Yogapraxis und -theorie eingeführt.

Mit dem indischen Abitur reiste er Ende 1964 nach Deutschland, hatte Arbeit als ungelernter Kfz-Handwerker im Verdener Fahrzeughaus gefunden. Er wechselte als Dreher zu den Vereinigten Flugtechnischen Werken, heute Airbus, nach Bremen und traf auf Studenten. „Das will ich auch“, wusste er und besuchte die Schule, studierte dann Technik, aber auch Sozialwissenschaften. Parallel dazu gab er Yoga-Kurse, zuerst zuhause und dann für die Volkshochschule. Die Offenheit für neue Vorschläge bei der VHS Bremen und Bremerhaven erlaubten ihm immer neue Angebote, Reisen, Fastenseminare, Ernährungs- und Yogakurse, er konzipierte Bildungsurlaube – trotz der Vorbehalte von Beginn an „ein großer Erfolg“.

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Als yogatherapeutischer Berater arbeitete Lodh von 1972 bis 1976 als freier Mitarbeiter in der Privatklinik Dr. Heines, leitete im Hochschulsport der Universität Bremen Kurse in Yoga und Autogenem Training und übernahm zeitweise Lehraufträge. Heute ist er professoraler Lehrbeauftragter für interkulturelle Kommunikation an einer Fachhochschule. 1983 gründete Nepal Lodh sein Hindu-Institut in der Schwachhauser Heerstraße 266, wo er bis heute lehrt und ausbildet. Außerdem hat der indische Yogameister, Sozialwissenschaftler und Stressforscher mehrere Bücher veröffentlicht.

„Mit sich selbst zufrieden sein – das ist Glück“, ist eine Weisheit, die Nepal Lodh mit seiner Ruhe und Ausgeglichenheit vermittelt – auch weiterhin und gern für die Volkshochschule Bremen.

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