Grüne im Bundestag

Eine Bremerin wagt den Machtkampf

Die Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther möchte mit Cem Özdemir an die Spitze der Grünen. Was die beiden antreibt.
08.09.2019, 18:47
Lesedauer: 4 Min
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Eine Bremerin wagt den Machtkampf
Von Marcel Auermann
Eine Bremerin wagt den Machtkampf

Die Bremer Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther will mit Cem Özdemir die bisherigen Fraktionschefs ablösen.

Koch

Die Bremer Bundestagsabgeordnete Kirsten Kappert-Gonther strebt mit ihrer Kampfkandidatur an die Spitze der Grünen im Bundestag. Aus der 52-Jährigen, die bundesweit vielen bisher eher unbekannt war, könnte nun ein Polit-Promi mit überregionaler Ausstrahlung werden. Der Schwabe Cem Özdemir hat sie sich an die Seite geholt, um am 24. September gegen Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter zu kandidieren, welche die Fraktion seit sechs Jahren führen.

So überraschend dieser Machtkampf bekannt wurde, so überraschend still ist es am Sonntag, also am Tag danach, um die beiden geworden. „Kein Kommentar“, hieß es schmallippig aus Berlin. Sowohl Kappert-Gonther als auch Özdemir nutzten nun die nächsten Tage, um weiter mit ihren Kolleginnen und Kollegen innerhalb der Fraktion zu sprechen. Immerhin das war zu erfahren, und beinhaltete eine Bestätigung der gemeinsamen Kandidatur.

Björn Fecker, der den Fraktionsvorsitz der Grünen in Bremen innehat, gratulierte seiner ehemaligen Kollegin: „Für unser kleines Bundesland wäre es sicherlich ein enormer Gewinn, wenn eine Bremerin an der Spitze der Bundestagsfraktionen stehen würde“, sagte Fecker dem WESER-KURIER. Zu den Aufgaben der Fraktionsführung gehöre es auch, unterschiedliche Positionen und Menschen zusammenzuführen, „diese Fähigkeit habe ich schon in der Bremer Zeit an Kirsten geschätzt“.

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Ein Blick in das Bewerbungsschreiben, das dem WESER-KURIER vorliegt, verdeutlicht die Beweggründe der beiden. Kappert-Gonther und Özdemir scheinen beflügelt von den derzeitigen Erfolgen der Grünen: „Unsere Politik hat noch nie so breite gesellschaftliche Unterstützung erfahren wie heute. Dafür hat jeder Einzelne von uns lange gekämpft und alles gegeben – in Bürgerinitiativen, in Gemeinderäten, auf Marktplätzen, in Parlamenten, im Netz.“ Damit sei auch für die Partei eine „entscheidende Verantwortung“ verbunden, die nun die Ärztin aus Bremen, politisiert in der Friedens- und Anti-Atomkraft-Bewegung und erst seit 2017 im Bundestag, zusammen mit dem gelernten Erzieher übernehmen möchte.

Göring-Eckardt und Hofreiter wollen weitermachen

Göring-Eckardt und Hofreiter bekräftigen, dass sie trotz des Machtkampfes weitermachen wollen. „Auswahl ist immer gut“, sagte sie. Doch es gibt Kritik am Duo Göring-Eckardt/Hofreiter: an ihrem Führungsstil und an seiner Außenwirkung. Seit die Partei mit Annalena Baerbock und Robert Habeck auf dem Doppelvorsitz neu durchgestartet ist, kommen die 67 Bundestags-Grünen zudem öffentlich weniger vor. Diese Mischung könnte dazu geführt haben, dass die Grünen die dritte Woche in Folge bei der Sonntagsfrage schwächer abschneiden. Laut Emnid-Umfrage bleiben sie aber mit 21 Prozent nach CDU und CSU mit 29 Prozent zweitstärkste Partei – deutlich vor SPD (16), AfD (14), Linke (8) und FDP (7).

Manche innerhalb der Grünen wünschen sich aus mehrerlei Gründen einen Personalwechsel. Dass das Kappert-Gonther und Özdemir ähnlich sehen, lässt sich vielen Worten des zweiseitigen Bewerbungsschreibens entnehmen: Es brauche einen Aufbruch, „der den Erhalt unserer Lebensgrundlagen endlich in den Mittelpunkt der Politik rückt. Ein Aufbruch, der die Gesellschaft bei dieser grundlegenden Transformation zusammenhält“. Es gehe darum, „mit neuem Schwung der Gegenpol einer schwachen Regierung zu sein und mit Mut und Empathie auszubuchstabieren, was konstruktive und progressive Politik“ bedeute. „Dieses Potenzial wollen wir voll in die Waagschale werfen“, schieben die 52- und der 53-Jährige nach.

Warum Özdemir/Kappert-Gonther?

Doch warum das Paar Özdemir/Kappert-Gonther? „Weil wir um unsere unterschiedlichen Stärken wissen, uns schätzen und ergänzen.“ Eine Rolle spielten aber auch die „unterschiedlichen Herkunftsgeschichten, unsere unterschiedlichen Erfahrungen aus einem rot-grün-rot-regierten Stadtstaat und einem grün-schwarz regiertem Flächenstaat“. An diesem Punkt geht die Bremerin auf die neue Regierung im Land Bremen ein. Der Schwabe spricht Baden-Württemberg an.

Das sind jedoch nicht die einzigen Gründe. Die Regeln der Grünen sind so, dass der 53-Jährige ohne eine Frau an der Seite chancenlos gewesen wäre. Am 24. September wählen die Abgeordneten normalerweise erst eine weibliche Vorsitzende, dann wird der offene Platz besetzt. Zwei Frauen würde gehen, zwei Männer nicht. Dazu kommt eine parteiintern ungeschriebene Regel: Die Doppelspitze soll Realos beinhalten. Dazu zählt Özdemir eindeutig. Im Südwesten wird er sogar zu den Oberrealos um Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann gezählt. Und es soll die Parteilinke repräsentiert werden, zu der Kirsten Kappert-Gonther zählt. Es ist seit Langem ein offenes Geheimnis, dass eine Frau vom linken Flügel nicht ohne Weiteres zu finden ist. So stieß Özdemir wohl auf seine Parteigenossin im Nordwesten, die Ko-Vorsitzende der parlamentarischen Linken in der Grünen-Fraktion ist.

"Fairer Wettbewerb tut der Fraktion gut"

Beide sind „überzeugt davon, dass ein fairer Wettbewerb der Fraktion gut tut – nach außen wie nach innen“, gönnen sie sich eine Spitze gegen die Amtsinhaber. Ob sie Erfolg haben können, scheint offen. Wer bei der nächsten Bundestagswahl an der Fraktionsspitze steht, hat eine Vorrangstellung im Rennen um Ministerämter. Die Parteichefs Habeck und Baerbock sollen sich jedenfalls nicht herausgefordert fühlen. „Wir streben keine Spitzenkandidatur im nächsten Bundestagswahlkampf an“, machen Kappert-Gonther und Özdemir im Bewerbungsschreiben klar, das sie trotz Kampfkandidatur mit „Herzlich, Eure Kirsten und Euer Cem“ schließen. Unterschrieben – natürlich – mit grüner Tinte.

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