Bremer Bewegungsschule Endlich in Bewegung

Inge Deppert hat jahrelang für die Anerkennung der Gymnastik- und Tanzpädagogikausbildung an der Bremer Bewegungsschule Impuls gekämpft. Nun hat sie sich durchgesetzt.
08.01.2019, 16:00
Lesedauer: 4 Min
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Endlich in Bewegung
Von Lisa-Maria Röhling

Inge Deppert hat gewonnen. Das Schreiben in ihrer gelben Mappe belegt es. „Ich kann es immer noch nicht fassen.“ Drei Jahre lang hat sie sich gewehrt, Brief um Brief geschrieben, telefoniert, insistiert. Die Dokumente hat sie aufgehoben: Eine Seite für jede Bitte, für jede Ablehnung. Die Geschichte ihres Kampfes hat sie vor sich auf dem Holztisch des Aufenthaltsraum der Bewegungsschule Impuls ausgebreitet.

Deppert, 77 Jahre alt, rot-blondes krauses Haar, zierliche Statur, erzählt mit weicher, tiefer Stimme von diesem Kampf. Wut oder Resignation sucht man in ihrem Tonfall dennoch vergeblich. Auch wenn ihre ganze Existenz von diesem Kampf abhing.

Eines dieser Schreiben hat Depperts Kampf beendet. Impuls, die Schule, die sie Anfang der 90er-Jahre für Bewegungstherapie in Bremen gegründet hat, ist endlich für ihre Fachausbildung mit dem Abschluss Gymnastik- und Tanzpädagogik anerkannt. So steht es im Brief des Verbands der Ersatzkassen, den sie in den Händen hält. Deppert erklärt in kurzen Sätzen und sehr langsam, was es damit auf sich hat: Jahrelang hatten der Verband, genauer die sogenannte Zentrale Prüfstelle Prävention, die Weiterbildungen ihrer Schüler nicht anerkannt. Die Begründung: nicht genug Stunden, unvollständige Curricula. Laut des sogenannten Leitfadens Prävention, auf den sich die Weiterbildung stützt, hätten alle Schüler eine Nachqualifizierung abschließen müssen, um anerkannt zu werden. „Die haben Äpfel und Birnen verglichen, ganz einfach“, meint Deppert, hebt die Schultern und beugt sich etwas nach vorne. Sie zeigt auf jede Seite, auf ausgedruckte E-Mails, offizielle Schreiben, liest noch einmal über die Zeilen vor ihr, bevor sie ihr Gegenüber anschaut. Trotz einer beruflichen Zusatzqualifikation konnten deshalb Rückenkurse nach dem Präventionsprinzip, die ihre Absolventen anboten, nicht von den Krankenkasse übernommen werden. Wer daran teilnehmen wollte, musste selbst zahlen.

Vor 25 Jahren hat Deppert den Verein Impuls gegründet, hat Generationen von meist Schülerinnen zu ihrem Abschluss geführt, hat auch im Rentenalter ganz normal weitergemacht. Ihr Alter sieht man Deppert ohnehin nicht an. Die rot-blonden, struppigen Haare haben nur wenig ihrer Farbe eingebüßt. Doch eigentlich sind es ihre Bewegungen, mit denen Deppert ihr Alter so eindrücklich verbirgt: Der Rücken durchgestreckt, die Schritte fest, die Gestik ausladend. Gesunde und kreative Bewegung, das will Impuls Schülern und Kursteilnehmern vermitteln; Deppert verkörpert das im wahrsten Sinne des Wortes.

Dort, wo noch in den 60er-Jahren eine Fabrik untergebracht war, hat Deppert im Verlauf der Jahre ein Zentrum für gesunde und künstlerische Bewegung, wie sie es beschreibt, aufgebaut. Dass sie in dem Gebäude unweit des Weserwehrs eine Schule verbirgt, verrät lediglich das Schild im Vorgarten. Doch schon der Aufenthaltsraum erzählt eine andere Geschichte: Die Wände sind mit Kurs- und Unterrichtsplänen gespickt, in den Regalen sind Bücher und Akten aufgereiht, im Sekretariat herrscht reger Betrieb. Welcher Kurs wann, in welchem Raum, mit welchem Schwerpunkt startet – Deppert weiß es auswendig. Sie erhebt sich von der Bank, weißt in den hinteren Bereich des verwinkelten Hauses und geht voran, um die verschiedenen Kursräume zu zeigen. Überall, wo Inge Deppert ihren Kopf durch die Tür steckt, wird sie herzlich begrüßt. „Inge, da bist du ja“, sagt eine ältere Frau, die sich gerade für einen Rückengymnastik-Kurs umgezogen hat und Deppert an ihrem Kursraum vorbeilaufen sieht. Beim Nachnamen nennt sie hier niemand, Schulleiterin Deppert ist hier einfach Inge. Wer mit ihr über ihren Beruf spricht, möchte sich sofort gerade aufrichten, den Rücken durchstrecken, den Kopf etwas höher halten. Gymnastik, Entspannung, Tanz, all das wird bei Impuls für ein gesundes Körperbewusstsein eingesetzt. „Wir wollen, dass man ein Gefühl für Bewegung und Haltung bekommt“, sagt Deppert und schließt die Tür zum Rückenschulkurs, wo sich die Teilnehmer gerade in Position bringen. Viele Gelenkerkrankungen beispielsweise könnten durch die richtigen Bewegungen vermieden werden, doch auch nach Operationen oder Schlaganfällen sowie bei Gehschwierigkeiten im Alter kommen Menschen zu Impuls.

Doch die besagten Äpfel und Birnen haben die Arbeit in den vergangenen drei Jahren schwerer gemacht: Die Prüfstelle habe die Weiterbildungsmaßnahmen der Schule mit einer Berufsausbildung verwechselt, fasst Deppert den Konflikt zusammen. Zwar werde diese bei Impuls angeboten, aber mit der Fachausbildung habe das nunmal nichts zutun, erklärt sie. Fachausbildung, der Begriff ist ihr wichtig, sie betont ihn immer wieder, hat seine Definition sogar mit deutlichen Hervorhebungen auf einem Merkblatt niedergeschrieben. „Fachschulen haben staatliche Abschlüsse und werden als Weiterbildung bezeichnet, weil sie auf berufliche Qualifikationen aufbauen. Berufsfachschulen sind Erstausbildungen“, steht da in großen Lettern. Genau der Unterschied, den sie über Jahre versuchte habe, den Ersatzkassen klar zu machen, sagt Deppert.

Doch sie stieß auf taube Ohren, sagt sie. Vor knapp einem Jahr bekam Deppert ein Ultimatum, um den Weiterbildungsplan anzupassen. Ansonsten würde der Abschluss ihrer Schüler nicht anerkannt. Deppert stellte einen Anwalt ein, suchte nach Unterstützern und Fürsprechern, schickte erneut den Unterrichtsplan ein. Dann hörte sie nichts mehr, bis das Schreiben eintraf. Damit waren Monate des Bangens ganz plötzlich und unkompliziert beendet. Monate, die auch ihre Schüler belastet haben. Das zeigen die euphorischen E-Mails, die Deppert als Antwort auf ihre Nachricht bekam, dass nun endlich alles anerkannt sei. Ehemalige Schüler und Unterstützer, die ihr gratulierten, ihre Erleichterung kundtaten, viel „endlich“ und viele Ausrufezeichen sind da zu lesen. Deppert hat die Nachrichten ausgedruckt – auch sie liegen in der gelben Mappe.

Warum nun doch die Entscheidung zu ihren Gunsten gefallen sei? Deppert zuckt mit den Schultern, während sie durch das Wirrwarr an Gängen und Treppen vorausgeht, immer zielgerichtet, immer wissend, welche Menschen sich hinter der nächsten Tür verbergen. Für sie sei die Nachricht eine Erleichterung gewesen, jetzt wolle sie nach vorne schauen. Dabei lächelt sie breit. Die nächste Generation ist bereits in den Startlöchern und arbeitet auf den Abschluss hin, um Depperts Erbe fortzuführen. Sie tritt durch eine weitere Tür, dahinter wird gerade Rhythmik unterrichtet. Deppert steht am Rand, lächelt und sieht mit offensichtlicher Begeisterung zu. „Ohne sie würde hier nichts laufen“, sagt eine der Schülerinnen nach der Stunde. Sie sei immer da, helfe, wo sie könne, unterrichte immer noch. Wie eine kleine Familie sei die Klasse dadurch, sagt eine andere Schülerin. Deppert schaut zu Boden, lacht ein wenig, knetet die Hände. „Erzählt lieber vom Unterricht“, sagt sie.

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