Norbert Kentrup

Erinnerungen eines Theater-Urgesteins

Norbert Kentrup, Theaterprinzipal und Gründungsmitglied der Bremer Shakespeare Company hat jetzt seine Autobiografie vorgestellt. Ein Fest für Theaterfans.
26.10.2018, 20:17
Lesedauer: 4 Min
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Erinnerungen eines Theater-Urgesteins
Von Sigrid Schuer
Erinnerungen eines Theater-Urgesteins

Norbert Kentrup während der Vorstellung seiner Autobiografie im Wallsaal.

Walter Gerbracht

50 Jahre, prall mit Theatergeschichte gefüllt. Verleger Klaus Kellner zögerte keine Sekunde, um die Autobiografie von Norbert Kentrup „Der süße Geschmack von Freiheit“ zu publizieren. Nun ist das Opus auf dem Markt und wurde bei einer Bremer Buchpremiere im Wallsaal mit einer Autorenlesung vorgestellt. Norbert Kentrup, streitbares Gründungsmitglied der Bremer Shakespeare Company, wäre nicht Norbert Kentrup, wenn er die Passagen, die er aus seiner Autobiografie las, nicht wortgewaltig leben würde.

Und so schilderte er äußerst humorvoll die etwas andere „Romeo und Julia“-Geschichte, die er ganz am Anfang der nun fast 50-jährigen Beziehung mit seiner späteren Frau und kongenialen künstlerischen Partnerin Dagmar Papula erlebte. Auf einer Premierenfeier lernte er sie kennen und war schwer beeindruckt. Doch die Sache hatte einen Haken: „Dagmar hatte bereits einen Heiratsantrag von einem anderen bekommen.“ Doch der sollte sich schon wenig später in Luft auflösen. Kentrup fasste Mut und schrieb der Angebeteten sicherheitshalber gleich in drei verschiedene Städte. „Aber wie bei Romeo erreichte der Brief zunächst die Adressatin nicht“, erinnert er sich.

Doch dann, an einem 6. Januar, er weiß es noch wie heute, wurde er endlich erlöst. Das erste Rendezvous war aber nicht frei vom Scheitern. Die Romantik war für’s erste passé, als im Bett die Wärmflasche zerplatzte und der für das erste Date gedachte Moselwein in einer eisigen Vollmondnacht zu Eiswürfeln gefror.

Seine Vorliebe für die langen, hellen Sommernächte Finnlands hegt das Schauspielerpaar übrigens bis heute. Das kleine sympathische Land war denn auch schuld daran, dass die beiden nach jahrzehntelanger Beziehung dann doch noch heirateten, obwohl sie das eigentlich immer als zu spießig empfanden. Der Trauschein war jedoch die Voraussetzung dafür, dass sie das ersehnte Häuschen am See erwerben konnten.

Beide sind fasziniert von der unberührten Natur, in der sich ungestört Blaubeeren pflücken lassen. Ein besonderes Gefühl von Freiheit nach überstandenem Herzinfarkt. In der freien Natur trägt der Theaterprinzipal nun seine Bühnenkleider aus Shakespeare-Zeiten auf. Norbert Kentrup lässt natürlich die Gründungsjahre bis hin zur Trennung von der Bremer Shakespeare Company Revue passieren. 1985 begann die freie Schauspieltruppe, die sich ihre eigene Verfassung gegeben hatte, damals noch in den Kammerspielen in der Böttcherstraße. Der Vollblutschauspieler musste aber auch erfahren, wie sich das anfühlt, wenn man in der Freiheit plötzlich zum „Kotzen für alles eigenverantwortlich“ ist.

In seinem Buch erzählt er aber auch anschaulich von zwei besonders prägenden Abschnitten seiner Theaterkarriere. So fühlte sich Kentrup als junger Schauspieler in der legendären Hübner-Ära des Theaters Bremen, das er als damals bestes europäisches Theater bezeichnete, förmlich wie „Alice in the wonderland“: „Ich konnte mit all den Cracks des Theaters zusammenarbeiten. Diese ­gedankliche Freiheit, all das war mein Leben.“ Bei aller Dekonstruktion des klassischen Theaters und bei allem revolutionären Pathos sollte sich erweisen, dass auch die legendären 68-er mitunter durchaus zur Autorität neigten. Der Choleriker Hübner konnte Kentrup zu Folge nämlich ganz schön herumbrüllen und toben, wenn eine Produktion nicht so lief, wie er sich das vorstellte. „Dann drohte er durchaus schon mal mit fristloser Kündigung und wurde von den Ensemble-Mitgliedern von der Probebühne getragen.

Oder er gab während der Vorstellung auch schon mal mit der Taschenlampe Blinksignale, wenn er meinte, dass es an Präzision mangelte.“ Ins Bild passt da auch die Episode, in der der wütende Intendant auf der Probe mit der Axt Jagd auf Bruno Ganz machte. Dennoch: Kurt Hübner sei immer ein großer Förderer von Theatertalenten und kein Verhinderer gewesen, so der Autor. Einer der Bremer Theatercracks war damals der mega-angesagte Regisseur Rainer Werner Fassbinder, der auf dem Flug nach New York sein Stück „Bremer Freiheit“ zusammengeschustert hatte.

Kentrup, der zuvor alles über die Giftmörderin Gesche Gottfried recherchiert hatte, stürzte sich mit Elan in die Proben, mischte sich ein und korrigierte den Meister vorlaut. Der überraschenderweise mit Nachsicht reagierte. „Wahrscheinlich wollte er mich in seiner Beziehungsfamilie haben“, mutmaßt der Buchautor. Und die war bekanntermaßen illuster. Doch als klar wurde, dass der bisexuelle Fassbinder nicht bei ihm landen konnte und ihm darauf die Unterschrift unter seinen Urlaubsschein verweigerte, als Kentrup zu seiner Dagmar fahren wollte, hatte sich das Kapitel Theater Bremen erledigt.

Für den Vollblutschauspieler ist das Theater Zeit seines Lebens eine Droge geblieben. So schwärmt Kentrup von der „goldenen Zeit“, als von der Bremer Shakespeare Company der Lebenstraum des Hollywood-Regisseurs Sam Wannamaker unterstützt wurde, in London das New Globe Theatre am Ufer der Themse aufzubauen. Obwohl sich die Queen bei der Eröffnungsgala am 12. Juni 1997 als so gar nicht amused zeigen sollte.

In der zweiten Saison wartete auf Kentrup eine besondere Herausforderung: Er sollte den Shylock im „Kaufmann von Venedig“ in Shakespeare-Englisch spielen und geriet, gewohnt streitbar, bei der Interpretation seiner Rolle in Streit mit dem Produktionsteam. „Nachdem, was Shylock erleben musste, konnte ich nicht glauben, dass er am Ende sagt, dass er zufrieden wäre“, erinnert er sich. Und das stellte er denn, zum Entsetzen des Regisseurs, wie einst der legendäre Ernst Deutsch auch so dar. Ziel einer lancierten Publikumsumfrage war es dann, den Deutschen, der den Juden Shylock so vehement verteidigte, aus der Produktion heraus zu mobben. Was allerdings nicht gelingen sollte.

Norbert Kentrups Autobiografie „Der süße
Geschmack von Freiheit“ ist im Kellner-Verlag erschienen und kostet 18,90 Euro.

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