Pendelleuchten haben ausgedient

Kritik an Beleuchtungskonzept für Liebfrauenkirche

Die Liebfrauengemeinde will die Beleuchtung in ihrer Kirche von Grund auf verändern. Experten fürchten, dem neuen Konzept könnten die Pendelleuchten aus den 1960er-Jahren zum Opfer fallen.
19.04.2020, 05:00
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Kritik an Beleuchtungskonzept für Liebfrauenkirche
Von Frank Hethey
Kritik an Beleuchtungskonzept für Liebfrauenkirche

Nicht mehr im Sinne führender Vertreter der Gemeinde: die tiefhängenden Pendelleuchten in der Liebfrauenkirche.

Christina Kuhaupt

Weit nach unten reichen sie, die Pendelleuchten in der Liebfrauenkirche. Nur der Raum unter ihnen wird beleuchtet, das Gewölbe verschwindet im mystischen Schatten. „Das ist so gewollt, die Leuchten halten es nach oben sehr dunkel, damit die Fenster besser wirken“, sagt Ottmar Hinz, Herausgeber des Sammelbands „Licht, das singt“ über die Bremer Kirchenfenster des französischen Malers Alfred Manessier. Doch mit der Wirkkraft der Fenster könnte es bald vorbei sein, fürchtet Hinz. Denn die Gemeinde will ein neues Beleuchtungskonzept auf den Weg bringen. Und dem sollen offenbar die Pendelleuchten zum Opfer fallen.

Entsprechende Pläne sollen bereits beim Konvent am 19. Januar vorgestellt worden sein. Dem Vernehmen nach wird die Installierung von Deckenstrahlern erwogen, um für mehr Helligkeit im Kirchenraum zu sorgen. Für Hinz ist klar: Das bisherige Lichtkonzept aus den 1960er-Jahren würde damit ausgehebelt.

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In enger Abstimmung mit Manessier hatte der Architekt Dieter Oesterlen, damals zuständig für die Neugestaltung der Kirche, die tief hängenden Pendelleuchten ersonnen. Ihre Höhe sei exakt abgestimmt mit der optimalen Wirkung des Fensterzyklus, betont Hinz. „Künstliche Beleuchtungseffekte sollen tagsüber keinesfalls die Wirkung des kunstvoll transformierten Tageslichts konterkarieren“, so der Architekt Sunke Herlyn, ein Oesterlen-Schüler.

Nun mehren sich die kritischen Stimmen. Aus dem fernen Japan hat Oesterlen-Erbe Georg Bissen seine Missbilligung kundgetan. Der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) habe er bereits vor Ostern mitgeteilt, dass er „mit der Entfernung der Pendelleuchten nicht einverstanden“ sei, betont Bissen gegenüber dem WESER-KURIER. Als Stiefsohn Oesterlens wacht der in Tokio lebende Anwalt über dessen Urheberrechte. Auf die pocht er auch in einem anderen im Fall: der von Oesterlen entworfenen Marktkirche in Hannover. Der Streit um die Frage, ob ein neues Fenster die Wirkung des Innenraums beeinträchtigt, muss jetzt vor Gericht entschieden werden.

Auf dem heutigen Stand der Beleuchtungstechnik

Unterdessen beschwichtigt die Liebfrauen-Gemeinde. Bereits seit mehreren Jahren gebe es Überlegungen, das Beleuchtungskonzept aus technischen und energetischen Gründen zu verändern, sagt der verwaltende Bauherr der Gemeinde, Harm Dodenhoff. Das Ziel sei, die Beleuchtungssituation „nachhaltig zu verbessern“. Dabei würden die Gemeinde und die Bauabteilung der BEK selbstverständlich darauf achten, dass ein künftiges Beleuchtungskonzept denkmalpflegerischen und künstlerischen Belangen Rechnung trage. Zu berücksichtigen seien allerdings auch die Bedürfnisse sehbeeinträchtigter Menschen. Das neue Konzept müsse zudem auf dem heutigen Stand der Beleuchtungstechnik sein.

Doch was bedeutet das genau? Böse Vorahnungen plagen Herlyn, der als Mitautor des Buchs „Licht, das singt“ bestens mit den Bremer Manessier-Fenstern vertraut ist. In einem Brief an Dodenhoff warnt er vor einer voreiligen Entfernung der Pendelleuchten. „Ihre Beseitigung und ihr Ersatz durch Deckenstrahler würden das Gesamtkonzept empfindlich stören und in seiner Wirkung in das Gegenteil verkehren.“ Sein Vorschlag zur Güte: eine Kombination beider Beleuchtungssysteme. Wahlweise könnte mal der Gesamtraum nach oben, mal der Gemeinderaum nach unten beleuchtet werden.

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Eine solche Kompromisslösung schwebt auch Hinz vor. Dass die Beleuchtung bei Abendveranstaltungen oder für den Tresen der Kirchenaufsicht alles andere als optimal ist, stellt er gar nicht in Abrede. Doch tagsüber sollte nach seiner Ansicht das Lichtsystem von Oesterlen und Manessier unangetastet bleiben. „Weil Menschen zur Besichtigungszeit oder fürs stille Zur-Ruhe-Kommen sicher nicht die Anleuchtung brauchen, die Pastor Kreutz oder dem Knabenchor bisher abends nicht reichen.“

Die Landesdenkmalpflege hält sich in Sachen Pendelleuchten zurück. „Die Oesterlen-Beleuchtung steht nicht unter Schutz“, sagt Bremens oberster Denkmalpfleger Georg Skalecki. Wobei zu bedenken ist, dass seine Vorgänger eine schwierige Beziehung zu Oesterlen hatten. Als er den hellen Putz mitsamt Resten mittelalterlicher Malerei rigoros beseitigen ließ, um die „archaische“ Backsteinstruktur freizulegen, handelte er sich heftige Kritik der damaligen Denkmalpflege ein. Eine so eigenwillige, lediglich „sinngemäße“ Restaurierung wäre später kaum mehr möglich gewesen, räumt Herlyn ein.

Vollendete Tatsachen schaffen

Bleibt die Frage, ob die Gemeinde die Schließung des Gotteshauses in Corona-Zeiten womöglich nutzen will, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Genau diese Befürchtung hegt Hinz. Doch Bauherr Dodenhoff gibt sich alle Mühe, solche Mutmaßungen zu zerstreuen. Der Überlegungsprozess zum neuen Beleuchtungskonzept sei „noch nicht abgeschlossen“, versichert er. Die derzeitige Corona-Situation habe auf den „sorgfältigen Planungs- und Abstimmungsprozess keinen Einfluss“.

Freilich würden sich am Prozess der Meinungsbildung auch andere gern beteiligen. Der Vorwurf mangelnder Transparenz steht im Raum. Noch nicht einmal innerhalb der Gemeinde sei die Entfernung der Leuchten publik gemacht worden, klagt Hinz. An Entscheidungsfindungen im stillen Kämmerlein stößt sich auch Herlyn. „Es wäre wünschenswert, wenn auch die städtische Öffentlichkeit Gelegenheit hätte, an dieser baugeschichtlich bedeutsamen Diskussion teilzunehmen.“

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