Globale 2019

Exorzismus am Rechner

Der Film „Das Microsoft-Dilemma“ räumt mit der Omnipräsenz des US-Softwarekonzerns auf. Beim Filmfestival Globale 2019 im City 46 wurde aber noch mehr gezeigt - die „Live-Befreiung eines Windows-Rechners“.
19.03.2019, 14:30
Lesedauer: 3 Min
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Von Christiane Mester
Exorzismus am Rechner

Kinogast Steffen Schweinsberg und Hajo Zingel von der Digitalcourage-Ortsgruppe installieren Linux auf einem Laptop.

Christiane Mester

Ob auf den Rechnern von Unternehmen, Privatleuten oder der öffentlichen Verwaltung – fast überall läuft das Betriebssystem „Windows“, die Omnipräsenz von Microsoft macht es böswilligen Hackern einfach und Europa zu einer „Software-Kolonie“ des US-Konzerns. Das ist die Botschaft des Films, „Das Microsoft-Dilemma“, den das City 46 im Rahmen der „Globale 2019“ zeigte, einem globalisierungskritischen Filmfestival von Attac Bremen, das noch bis Anfang April an unterschiedlichen Spielorten in Bremen läuft.

Im Mai 2017 traf der Erpressungstrojaner „Wanna Cry“ nach Angaben des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), mehr als 200 000 Rechner in insgesamt 150 Ländern. Unternehmen und Krankenhäuser standen im Zentrum der Attacke, aber auch bei unzähligen privaten Anwendern poppte die Geldforderung der Erpresser unerwartet auf dem Bildschirm auf. Prominentestes Opfer in Deutschland war die Deutsche Bahn. Im Ergebnis fielen an Bahnhöfen die elektronischen Anzeigetafeln gleich reihenweise aus, so wurde das Ausmaß des Angriffs ganz unvermittelt öffentlich sichtbar.

Der Schaden, den das Schadprogramm weltweit verursachte, lässt sich nicht genau beziffern, aber er war immens. Die Schätzungen reichen von einigen Hundert Millionen Dollar bis zu vier Milliarden Dollar, diese Zahlen führt das BSI in seinem Lagebericht 2018 an. Eine Ursache dafür, dass „Wanna Cry“ derart wüten konnte, war, dass die Ransomware eine „Windows“-Sicherheitslücke ausnutzte.

Gefährliche Abhängigkeit

Während das Bundesamt daraufhin zum wiederholten Mal dazu aufforderte, regelmäßig Updates einzuspielen, geht die Aussage des Films „Das Microsoft-Dilemma“ um einiges weiter. Die Rede ist von einer gefährlichen Abhängigkeit von dem US-Unternehmen, die auch von einigen IT-Experten, beispielsweise seitens Vertretern des Chaos Computer Clubs (CCC), seit vielen Jahren immer wieder thematisiert wird. Dass bei öffentlichen Ausschreibungen der Verwaltung – sowohl in Deutschland und anderen EU-Mitgliedsstaaten als auch auf Ebene der Europäischen Union selbst – gezielt auf Microsoft abgehoben werde, so der Vorwurf im Film, verstoße gegen das europäische Vergaberecht und blockiere den technischen Fortschritt.

Auf diese Weise verwandelten die verantwortlichen Entscheider der Europäischen Union den Kontinent sehenden Auges in eine Art „Software-Kolonie“ des US-Unternehmens. Für seinen Film hat der Journalist Harald Schumann mit Insidern und IT-Verantwortlichen aus ganz Europa gesprochen und ihnen zufolge hat nicht nur das Problem einen Namen, sondern auch die Lösung: „Linux“ heißt die freie Software, die mit den Jahren zwar an Bekanntheit, nicht aber im selben Maße an Verbreitung gewonnen hat. Dass der Quellcode offen zugänglich ist, ermögliche es Anwendern auf der ganzen Welt, die Funktionsweise stetig zu überprüfen und weiter zu entwickeln, so die Begründung für die Empfehlung.

Im Anschluss an die Filmvorführung gab es ein Publikumsgespräch mit Vertretern der Digitalcourage-Ortsgruppe Bremen. Der bundesweit aktive Verein verleiht mit den „Big Brother Awards“ alljährlich Negativpreise an Behörden, Unternehmen, Organisationen und Personen, die mit Datenschutzverstößen von sich Reden gemacht haben. Microsoft zählte bereits mehrfach zu den Preisträgern – zuletzt im vergangenen Jahr für das Betriebssystem „Windows 10“.

Freiwilliger auf dem Podium

So kam es im Kommunalkino zu einer „Live-Befreiung eines Windows-Rechners“, wie Hajo Zingel von der Digitalcourage-Ortsgruppe Bremen, die Aktion dem Publikum ankündigte, bei der sich Kinogast Steffen Schweinsberg als Freiwilliger auf dem Podium wiederfand und weitgehend eigenständig Linux auf einem Laptop installierte. Ziel der Aktion sei es, erklärte Justus Holzberger – ebenfalls von Digitalcourage – zu demonstrieren, dass sich die Umstellung mit wenigen Klicks realisieren lasse.

Abgesehen davon ginge es darum, mit einem weit verbreiteten Vorurteil aufzuräumen: Die Sorge, dass der Drucker oder andere Geräte nach dem Wechsel nicht mehr funktionierten, weil keine Treiber zur Verfügung stünden, sei in den meisten Fällen unbegründet. „Kompatibilitätsprobleme treten zugegebenermaßen immer mal wieder auf, sind aber längst nicht mehr so verbreitet, wie noch vor einigen Jahren“, sagte Holzberger. Da sich diese Aussage ohne die dafür notwendige zusätzliche Hardware nicht beweisen ließ, wurde der Test-Nutzer angewiesen, eine nicht minder harte Probe durchzuführen. Die Challenge: Eine etwa 800 Seiten umfassende „Word“-Datei mit „Libre-Writer“, der freien Alternative zum MS Office, Libre Office, zu öffnen und zügig durch das Dokument zu scrollen. Das von einigen Besuchern erwartete Formatierungs-Chaos blieb aus. Inhaltsverzeichnis, Seitenzahlen, Kapitelüberschriften – das Alternativ-Programm stellte augenscheinlich alles korrekt dar. Das nahm Justus Holzberger zum Anlass, die Besucher ein weiteres Mal zur Umstellung zu ermuntern. „Es hat sich vieles getan“, versprach er.

Weitere Informationen

Die „Globale 2019“ läuft noch bis zum 5. April. Weitere Termine für Filmvorführungen mit anschließendem Publikumsgespräch, sind online unter www.globale-bremen.de abrufbar.

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