Nach Beschluss in Frankreich

Experten lehnen Handyverbot an Bremer Schulen ab

Nach dem Beschluss zum Handyverbot in Frankreich diskutieren auch Bremer Bildungsexperten und Politiker über den Einsatz von Smartphones im Unterricht.
11.08.2018, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Experten lehnen Handyverbot an Bremer Schulen ab
Von Kristin Hermann

Schnell eine Vokabel nachschlagen oder via App den Lösungsweg einer Rechenaufgabe nachvollziehen. An einigen Bremer Schulen wird der Einsatz von Smartphones im Unterricht bereits praktiziert. Andere sind im Umgang mit den technischen Geräten vorsichtiger – schließlich besteht dabei auch immer die Gefahr, dass die Schüler private Nachrichten schreiben oder bei Klassenarbeiten spicken.

Nach dem das französische Parlament vergangene Woche ein erweitertes Handyverbot in Schulen beschlossen hat, beschäftigt das Thema auch hiesige Bildungsexperten und Politiker. Das neue französische Gesetz verbietet grundsätzlich das Nutzen von Mobiltelefonen in allen Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe I.

Schon jetzt dürfen französische Schüler ihre Handys während des Unterrichts nicht benutzen, und Schulen können in ihrer Hausordnung auch ein weitergehendes Verbot festlegen. Künftig wird es umgekehrt sein: Die Handynutzung ist grundsätzlich in der ganzen Schule tabu, die Hausordnung kann aber Ausnahmen gestatten.

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In Bremen ist die Handynutzung an den Schulen unterschiedlich geregelt. "Es liegt in der Verantwortung der Schulen, einen sinnvollen und kritischen Umgang mit Handys und digitalen Medien zu finden und zu fördern", sagt Annette Kemp, Sprecherin der Bildungsbehörde. Peer Sieveking vom Bremer Philologenverband unterrichtet selbst am Gymnasium Horn.

Dort herrscht außer für Oberstufenschüler ein generelles Handyverbot, das Lehrer aber zeitweise außer Kraft setzen dürfen. "Wir nutzen das Smartphone im Unterricht für Recherchezwecke", sagt er. Bei Regelverstößen werde das Gerät eingesammelt, ebenso wie bei Klassenarbeiten, um Täuschungsversuche zu unterbinden.

Ein besonderes Pilotprojekt zur Handynutzung außerhalb des Unterrichts gab es in diesem Jahr an der Oberschule Findorff. Zunächst war die Nutzung auf dem Pausenhof generell verboten. Jetzt gibt es neue Regeln – entwickelt in einem mehrmonatigen Projekt, an dem alle Schüler der Klassen fünf bis zehn mitgewirkt haben.

Einsatz digitaler Medien

Mehr als 800 Schüler machten mit und gaben sich selber Regeln, die auch von Lehrkräften und der gesamten Schulkonferenz akzeptiert wurden. "Weitere Schulen des Landes Bremen interessieren sich für das Projekt", so Kemp. Bremens Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) hat sich in der Vergangenheit immer wieder für den Einsatz digitaler Medien eingesetzt.

So hatte sie sich 2016 als Vorsitzende der Kultusministerkonferenz (KMK) explizit für die stärkere Nutzung von Tablets und Smartphones ausgesprochen. Deshalb war Bogedan im vergangenen Jahr besonders verärgert darüber, dass die damalige Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) die Zustimmung zu dem Milliardenprogramm des sogenannten Digitalpakts verweigert hatte.

Bremen hatte auf das Geld spekuliert, um die Schulen technisch besser auszustatten. Aktuell macht sich die Bildungssenatorin allerdings wieder Hoffnung auf die finanzielle Unterstützung. Das ließ Bogedan zu Beginn der Woche auf einer Pressekonferenz zum neuen Schuljahr durchblicken, als sie auf die KMK im Herbst verwies.

Als eines der ersten Bundesländer hat Bremen 2010 einen Masterplan Medienbildung für die Schulen erstellt. Dieser Plan soll Lehrern und Schulleitern Orientierung beim Einsatz digitaler Medien im Unterricht bieten. Bremen entschied sich, auf die internetbasierte Lernplattform „Its learning“ zu setzen.

Darüber können Schüler von zu Hause aus Aufgaben und Lernmaterialien einsehen. Lehrer können bestimmte Datenangebote für die Schüler über die Plattform zur Recherche bereitstellen oder Wissen abfragen. Damit ist auch eine Nutzung von Smartphones und Tablets möglich. Neben dem Landesinstitut für Schule, das für die Aus- und Weiterbildung von Lehrkräften in Bremen zuständig ist, kümmert sich ein Pädagogenteam des Service Bureau um verschiedene Medienprojekte an den Schulen.

"Letztendlich müssen die Lehrkräfte selbst entscheiden, welche didaktischen Mittel sie einsetzen", sagt Medienpädagoge Markus Gerstmann. Er beobachte, dass sich immer mehr Lehrer für das Thema interessieren. Wichtig sei, auch den kritischen Umgang mit den Geräten zu hinterfragen. Den Einsatz hält er ab der fünften Klasse für sinnvoll.

Gleiche Voraussetzungen und bessere Ausstattung

Auch Bremer Bildungspolitiker halten das Handyverbot in Frankreich für kontraproduktiv. „In der Freizeit sind Handys für Schüler nicht mehr wegzudenken und werden ganz selbstverständlich genutzt. Es wäre daher lebensfremd und würde auch dem schulischen Auftrag nicht gerecht, wenn Schule diese Entwicklung durch ein Verbot ausblendet", sagt der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Thomas vom Bruch.

Ähnlich sieht das auch Kristina Vogt, Fraktionsvorsitzende der Linken. Sie fordert von der Bildungsbehörde, gleiche Voraussetzungen zu schaffen und die Schulen besser auszustatten. "Wenn jeder sein eigenes Smartphone nutzen muss, ist das schwierig, weil es dann wieder auf den Hintergrund der Schüler ankommt", sagt sie. Sozialdemokrat Mustafa Güngör hält zudem den Umgang und die Aufklärung über Cybermobbing für wichtig. "Da ist noch Luft nach oben", sagt er.

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