Urteile am Landgericht - mit Video

Falsche Polizisten zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt

Die vier Bremer, die mit der Masche „falscher Polizist“ reihenweise Senioren um mehr als 1,8 Millionen Euro betrogen hatten, müssen hinter Gitter. Damit hatten nicht alle Angeklagten gerechnet.
26.02.2020, 05:47
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Falsche Polizisten zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt
Von Ralf Michel
Falsche Polizisten zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt

Fast ein Jahr dauerte der Prozess gegen vier falsche Polizisten am Landgericht. Jetzt wurden die Urteile verkündet.

Ralf Michel

Gefängnisstrafen ohne Bewährung für alle vier Angeklagten, nicht nur für den Kopf der Betrügerbande. So lautete am Dienstag nach fast einem Jahr und 46 Verhandlungstagen am Landgericht das Urteil im Prozess gegen vier falsche Polizisten. Zumindest zwei der Täter dürften nach ihren umfassenden Geständnissen und ihrem eher überschaubaren Anteil an Tatgeschehen und Beute mit deutlich milderen Strafen gerechnet haben. Doch das Gericht sah dies anders: „Ohne die kleineren Räder funktioniert die Maschine nicht“, betonte der Vorsitzende Richter Manfred Kelle. Nicht nur der Chef der Bande, auch seine drei Komplizen hätten innerhalb ihres Handlungsbereichs schwerwiegende Straftaten begangen. „Auch für sie mussten empfindliche Freiheitsstrafen herauskommen.“

Für achteinhalb Jahre muss der Drahtzieher der Betrügereien, ein 31-jähriger Unternehmer, hinter Gittern. Das Gericht verurteilte ihn wegen 24 Straftaten, darunter gefährliche Körperverletzung, Hehlerei, Urkundenfälschung, Verabredung zum schweren Raub. Vor allem aber ging es um gewerbs- und bandenmäßigen Betrug in 17 Fällen – die Straftaten zum Nachteil älterer Menschen begangen mit der Betrugsmasche „falscher Polizist“.

Drahtzieher gesteht

Dieses Urteil kam nicht überraschend, war Ergebnis einer Absprache mit Staatsanwaltschaft und Richtern. Hatte der 31-Jährige zunächst alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe abgestritten, so legte er – schwer belastet von seinen Mitangeklagten – letztlich doch ein Geständnis ab. Ob aus taktischen Gründen, um eine sich abzeichnende härtere Bestrafung zu verhindern, oder tatsächlich, um ernsthaft mit seiner kriminellen Karriere abzuschließen, wisse man nicht, erklärte der Vorsitzende Richter. Deutete aber an anderer Stelle an, was das Gericht von der späten Reue des Mannes hielt. „Nicht sehr überzeugend. Das klang alles sehr floskelhaft.“

Ein Zeichen setzte das Gericht bei den anderen drei Angeklagten. Auch hier folgte sie dem Plädoyer der Staatsanwaltschaft und verhängte mehrjährige Freiheitsstrafen ohne Bewährung von dreieinhalb bis zu drei Jahren und elf Monaten. Strafen, die die Verteidiger des Trios in ihren Plädoyers als viel zu hoch bezeichnet hatten. Mindestens einer hatte sogar auf eine Bewährungsstrafe gehofft.

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Es spreche durchaus einiges für die Angeklagten, räumte der Vorsitzende Richter ein. Zwei von ihnen hatten frühzeitig umfassende Geständnisse abgelegt und mit weit über ihre eigenen Tatbeitrag hinausgehenden Aussagen die Aufklärung des Falles und die Verurteilung des Bandenchefs überhaupt erst möglich gemacht. Sie alle hatten unter dem enormen Druck des 31-Jährigen gestanden und kaum oder in einem Fall sogar überhaupt nicht von der Beute profitiert.

Andererseits hatten zwei der Männer die Betrugstaten während laufender Bewährungszeiten begangen. Einer von ihnen gerade zwei Wochen, nachdem er vom Amtsgericht Bremen wegen Betruges zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden war. Vor allem aber hätten auch diese drei Männer, mochte ihr Tatbeitrag im Einzelfall auch noch so gering gewesen sein, in der Summe dazu beigetragen, dass ein ganz enormer wirtschaftlicher Schaden entstanden sei, argumentierte das Gericht. Allein in den Betrugsfällen als falsche Polizisten erbeuten sie über 1,8 Millionen Euro. Nicht zu vergessen das Leid, das sie damit über die betroffenen alten Menschen gebracht hätten. „Sie haben sich besonders wehrlose Opfer ausgesucht, haben sie bedroht und verhöhnt“, sagte Kelle. Zudem seien die Täter mit hoher krimineller Energie und hohem Organisationsgrad vorgegangen.

Zeugen brachen in Tränen aus

Bei den Aussagen der Opfer vor Gericht sei deutlich geworden, wie sehr sie dies alles noch heute belaste. Mehrfach seien die Zeugen in Tränen ausgebrochen, auch vor Scham über ihre vermeintliche Naivität. „Viele von ihnen fühlen sich bis heute in ihren eigenen vier Wänden nicht mehr sicher, weil sie das Gefühl haben, von den Tätern ausgespäht worden zu sein.“

Hinzu kommt der umfangreiche materielle Schaden. Das meiste Bargeld und Gold ist längst in Richtung Türkei verschwunden, von wo aus die gesamte Betrugsmaschinerie geleitet wird. Das Gericht hat aber gegen den Kopf der Betrügerbande die erweiterte Einziehung von Wertersatz in Höhe von rund 2,1 Millionen Euro angeordnet. Davon werden sowohl die Opfer als auch die Bremer Landeskasse profitieren. Die Staatsanwaltschaft hat im Zuge der Vermögensabschöpfung mehrere Immobilien, vier hochwertige Pkw und über 250.000 Euro Bargeld bei dem 31-Jährigen sichergestellt. Außerdem fast 600.000 Euro auf diversen Firmen- und Privatkonten, deren Herkunft sich nicht aus legalen Geschäftstätigkeiten ableiten lässt.

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