Film- und Fernsehdramaturgin Regina Weber

Film ab: Die Hebamme des Drehbuchs

Regina Weber arbeitet als Film- und Fernsehdramaturgin. Ein bisschen ähnele ihr Job der Geburtshilfe, denn grob zusammengefasst hilft sie Autoren dabei, ein gutes Drehbuch "auf die Welt zu bringen".
30.07.2018, 17:07
Lesedauer: 4 Min
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Film ab: Die Hebamme des Drehbuchs
Von Alexandra Knief
Film ab: Die Hebamme des Drehbuchs

Als Film- und Fernsehdramaturgin verhilft Regina Weber Autoren zu einem gelungenen Drehbuch und Fernsehsendern zu gelungenen Produktionsstoffen.

Christina Kuhaupt

Was macht eine gute Geschichte aus? Das ist die Frage, mit der Regina Weber sich in ihrem Berufsalltag täglich auseinandersetzt. Glaubwürdige Figuren, die sind ihr besonders wichtig. Spannend muss die Geschichte sein und für den Zuschauer ist es natürlich immer besonders befriedigend, wenn er dabei zusehen kann, wie die Hauptfigur sich verändert und weiterentwickelt.

Regina Weber arbeitet als Film- und Fernsehdramaturgin. Aber was macht man da eigentlich den ganzen Tag? "Mein Job hat etwas von Geburtshilfe", erklärt die 52-Jährige anschaulich. "Ich versuche unterstützend und begleitend daran mitzuwirken, dass ein Drehbuch quasi auf die Welt kommt.“ Dabei fungiert sie zum einen als Lektorin und gleichzeitig als Beraterin und Begleiterin des Drehbuchs. Stimmt alles mit den Figuren? Gibt es eine, für die man besondere Empathie empfindet? Gibt es eine vernünftige Handlung? Ist sie spannend? Gibt es dafür einen Markt? Ist das Drehbuch originell? – „Das sind einige von vielen Fragen, die der Dramaturg im Blick haben sollte", sagt Weber. 100 bis 120 Seiten hat ein fertiges Drehbuch für einen 90-minütigen Film. Bis da alles sitzt, ist es ein weiter Weg.

Redakteurin von „Berlin Berlin“

Weber studierte Germanistik und Kulturwissenschaften an der Uni Bremen und war lange als Redakteurin bei Radio Bremen tätig, wo sie unter anderem an der Serie "Praxis Bülowbogen" mitgearbeitet hat. Später entwickelte sie gemeinsam mit David Safier die Serie „Berlin Berlin“, wo sie als verantwortliche Dramaturgin und später Redakteurin für zwei Staffeln blieb.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet sie freiberuflich. Als sie Mutter wurde, wurde ihr das Pendeln, das ihr Job oft mit sich brachte, zu viel. Als freie Dramaturgin kann sie viel von Zuhause arbeiten und so auch mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen. Neben diversen anderen Projekten arbeitet sie im Moment vor allem regelmäßig für die Hauptredaktion Serie- und Fernsehfilm des ZDF. Hier sichtet sie Drehbücher und gibt ihre Empfehlung weiter, ob es sich um einen lohnenswerten Stoff handelt oder nicht.

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Einige Fehler kämen bei Autoren immer wieder vor. Insbesondere bei Leuten, die zum ersten Mal etwas schrieben. Gerade junge Autoren haben in ihrem Leben laut Weber manchmal noch nie ein Drehbuch gelesen. "Das ist erschreckend", sagt sie. Bei einem Prosa-Autor sei ja auch klar, dass er vorher Sachen von anderen gelesen hat, bevor er selbst schreibt. "Beim Drehbuchautor sagt man eher: Gut, der hat ein paar Filme gesehen", sagt Weber. "Aber das ist nicht das Gleiche, denn im Film steckt auch noch die Vision des Regisseurs."

Kurse des Filmbüros Bremen

Seit einigen Jahren bringt Weber nebenbei auch anderen bei, wie man Drehbücher schreibt. Erst an der Uni und mittlerweile in Kursen des Filmbüros Bremen. Ihre Kurse richten sich sowohl an Leute, die ganz am Anfang stehen als auch an Autoren, die schon ein Drehbuch geschrieben haben, das dann im Kurs besprochen wird. „Oft haben die Leute den Stoff für sich ganz konkret im Kopf, aber das, was auf dem Papier steht, stimmt damit noch nicht überein. Bei diesem Problem helfe ich“. Wenn dann noch Zeit bleibt, schreibt sie hin und wieder auch selbst ein bisschen.

Was vielen Autoren am Anfang schwerfällt: Im Drehbuch muss man alles, was die Figur ist und tut, auch ihren Charakter, in Handlung umsetzen. „Man kann nicht schreiben: Felix ist besonders schüchtern, sondern muss eine Szene erfinden, in der Felix sich schüchtern verhält, zum Beispiel, indem er drei Minuten am Eingang rumsteht, bevor er sich traut, die Tür zum Café zu öffnen. Zu schreiben ‚schüchtern betritt er das Lokal’ reicht da nicht."

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Einfühlungsvermögen muss man laut Weber als Dramaturgin mitbringen, und die Fähigkeit, von sich selbst abzusehen. „Ich würde mal behaupten, Dramaturgen sind die am wenigsten narzisstisch veranlagten Menschen in der ganzen Filmbranche“, sagt sie. Während viele andere Berufsbilder der Branche um sich selbst und die eigenen Visionen kreisen, sind die Dramaturgen eher Unterstützer. „Es ist wichtig, dass ein Dramaturg nicht versucht seine eigenen Visionen im Drehbuch anderer umzusetzen.“ Trotzdem muss der Dramaturg aber immer auch zur Geschichte passen, sonst macht das Ganze in Webers Augen keinen Sinn. „Ich kann zum Beispiel mit Splatter nichts anfangen, da habe ich keinen Zugang", gibt sie zu. "Aber zum Glück gibt es ja ganz viele unterschiedliche Dramaturgen. Also: Augen auf bei der Partnerwahl.“

Immer up to date bleiben

Durch das Streaming haben sich die Sehgewohnheiten der Menschen laut Weber massiv verändert. „Ich glaube, es gibt ein allgemein stärkeres Grundbedürfnis danach, dieselben Menschen auf dem Bildschirm immer wieder zu treffen, so wie im wahren Leben.“ Berufsbedingt versucht sie, was Serien angeht, immer up to date zu bleiben. „Das ist aktuell aber eine ziemliche Herausforderung, weil es so viele spannende neue Dinge gibt“, sagt sie. Irgendwann müsse man schon anfangen, sich eine Nische zu suchen, weil man es gar nicht schaffe, alles anzugucken. „Ich habe zum Beispiel ein Faible für historische Serien und einen guten Zugang zu tragisch-komischen Geschichten.“ Wenn jeglicher Humor fehlt oder es zu blutig wird, ist Weber raus.

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Für ihr Umfeld kann ihr Job schon mal anstrengend werden. Denn früher oder später komme – auch wenn sie privat im Kino ist oder auf der Couch einen Film sieht – die Dramaturgin in ihr raus. "Wenn das passiert, dann ist alles gelaufen, dann gehe ich raus aus der Zuschauerperspektive und fange an zu analysieren", sagt sie und lacht. „Das ist dann kein Vergnügen mehr, auch nicht für die anderen“. Freunde und Familie würden diese Macke aber mittlerweile kennen. "Nur, wenn ich bereits während des Filmes anfange mich aufzuregen, muss ich mir mal ein ‚behalt's für dich!’ anhören."

Weber muss nicht lange überlegen, was das Schönste an ihrem Job ist: "Das Schönste ist das Geschichtenerzählen", sagt sie. "Ich finde, dass es das Leben begreifbarer macht und dass es auch oft hilft zu sehen, wie andere Leute mit bestimmten Situationen umgehen, so als würde man Dinge exemplarisch durchleben." Und das reiche oft schon, um sich hinterher ein bisschen besser zu fühlen.

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