Kaisen-Gedenkstätte

Fleißarbeit in der Arbeitsbibliothek

Wilhelm Kaisen war nicht nur Bürgermeister Bremens, sondern auch ein passionierter Leser. Seine Arbeitsbibliothek in Borgfeld ist erhalten geblieben. Im Haus gibt es kaum einen Raum ohne Bücher.
31.08.2018, 20:13
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Fleißarbeit in der Arbeitsbibliothek
Von Silke Hellwig
Fleißarbeit in der Arbeitsbibliothek

Der Historiker Hartmut Müller hat begonnen, den Buchbestand der Familie Kaisen systematisch zu erfassen. Im Wohnhaus gab es so gut wie keinen Raum ohne Bücher.

Fotos: Christina Kuhaupt

Die Stunden hat Hartmut Müller nicht gezählt. Es waren viele, so viel steht fest. Der ehemalige Leiter des Staatsarchivs hat mithilfe seiner Enkel begonnen, die Arbeitsbibliothek von Helene und Wilhelm Kaisen zu archivieren. Buch für Buch wurden Titel und Erscheinungsjahr aufgenommen, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Was das im Falle von Familie Kaisen heißt, mag erahnen, wer schon einmal ihr Wohnhaus in Borgfeld besichtigt hat: Es gibt so gut wie keinen Raum ohne Bücherregal, und der spätere Bürgermeister Bremens (von August 1945 bis Juli 1965) schrieb seiner Frau aus der Untersuchungshaft im Mai 1933: „Wir haben uns im Leben nie etwas Besonderes geleistet. Unsere ganze private Liebhaberei waren die Bücher. Wie viel Geld, wie viel Eifer und Liebe steckt darin.“

Zwischen 3000 und 4000 Bücher befinden sich nach der Schätzung von Historiker Müller im Haus samt Dachboden, das heute Dokumentationsstätte und in weiten Teilen im Original erhalten ist. „Etwa 1000 Titel stammen aus den Jahren bis 1945.“ Dieser Teil der Bibliothek wurde innerhalb rund eines Jahres erfasst. Vorwiegend handelt es sich um Sachbücher, um Biografien und Nachschlagewerke aus und für Politik, Wirtschaft und Geschichte. Ein weiteres Thema sind Gartenbau und Landwirtschaft – Wilhelm Kaisen und seine Familie überlebten den Nationalsozialismus in der inneren Emigration, als Siedler und Kleinbauern am Rande Bremens. Es gibt aber auch einen Nachlass an Kinder-, Koch- und Kunstbüchern sowie an Romanen.

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Erhalt von Kaisens Bibliothek - ein Glücksfall

Ein großer Teil der Bände befindet sich in Kaisens Arbeitszimmer. Der Erhalt der Bibliothek sei ein Glücksfall, sagt Müller. Er erhelle Kaisens geistigen Hintergrund auf besondere Weise. "Als entschieden war, dass Kaisens Wohnsitz der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, haben wir uns gefragt, wie wir mit dem Arbeitszimmer und den vielen Büchern umgehen sollen und haben angefangen, nach ähnlichen Beispielen zu suchen", erzählt Müller.

Dabei habe er festgestellt, dass es nur wenige Arbeitsbibliotheken deutscher Politiker gebe, die so komplett erhalten seien wie Kaisens. In der Regel werde der Nachlass im Laufe der Jahre auseinandergerissen. Entweder Institutionen wie die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigten Interesse oder die Bücher landeten im Privatbesitz der Nachfahren, im Antiquariat oder schlimmstenfalls auf der Müllhalde.

Bibliothek von Helene und Wilhelm Kaisen

Es ist auch ein Regal mit Kinderbüchern erhalten. Darüber ein Foto von Kaisens Kindern.

Foto: Christina Kuhaupt

Ein Leben ohne Bücher sei für Kaisen undenkbar gewesen, Bücher bedeuteten für den jungen Kaisen weniger Unterhaltung als Bildung. Er kam aus einfachen Verhältnissen. Nach der Grundschule war ihm nur ein weiteres Jahr auf einer weiterführenden Schule beschieden. Anschließend arbeitete er in der Seifenfabrik, um zum Familieneinkommen beizutragen. „Es gab in der Familie einige wenige Kinderbücher, davon kann man ausgehen.

Den Kindern ist sicherlich auch vorgelesen worden“, sagt Müller. Belesen aber waren Kaisens Eltern nicht. „In seiner Autobiografie beschreibt Kaisen, wie er, als er später die Abend- und dann die Parteischule in Berlin besuchte, zum Buch gegriffen hat, um sein Wissen zu vertiefen", erhellt Müller. Kenntnisse zu Themen, die er im Unterricht für sein Empfinden nicht genug durchdrungen habe, habe Kaisen so vervollständigt. Die Lektüre habe in der Regel aus der Leihbücherei gestammt.

Die Fleiß- und Recherchearbeit von Hartmut Müller und seinen Helfern hat sich in einem weiteren Band der Schriftenreihe der Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung niedergeschlagen. Der Titel der neuen Schrift stammt aus dem Brief aus der U-Haft: „,Unsere ganze private Liebhaberei waren die Bücher' – Die Bibliotheksbestände Wilhelm und Helene Kaisens“. Buch für Buch sind die Bände aufgeführt, die bis 1945 erschienen sind.

Sozialismus, Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie bilden den Schwerpunkt

Der Schwerpunkt der Arbeitsbibliothek liegt danach auf den Themen Sozialismus, Arbeiterbewegung und Sozialdemokratie, auch Titel zu anderen geschichtlichen Stoffen, zu Wirtschaft, Recht, Landeskunde und Gesundheit finden sich. Helene Kaisen habe sich auch intensiv mit Familien-, Gesundheit- und Frauenfragen befasst, so Müller. „Ich vermute, dass beide nicht nur viel gelesen, sondern auch viel Zeit mit Gesprächen und politischen Diskussionen verbracht haben.“ Mit einigen der Leitfiguren der Frauenbewegung habe Helene Kaisen in Kontakt gestanden, wie Widmungen in Büchern zeigten. Ähnliches gelte für Wilhelm Kaisen – Schenkungen gäben Auskunft über den Kontakt des Bremers zu anderen Sozialdemokraten.

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Auch Interesse an schöngeistiger Literatur hatten Kaisens. Der Bestand umfasst Klassiker von Goethe, Heine und Lessing sowie „Schillers sämtlichen Werke“. Bücher von Fallada und Hauptmann sind vorhanden sowie Gedichtbände, Bremensien und Hamburgensien, auch auf Plattdeutsch. Abenteuerromane von Jack London fehlen ebenfalls nicht.

Bei der Durchsicht der Belletristik habe sich gezeigt, dass "viele der Romane sozialkritischen Inhalt haben und im Arbeitermilieu angesiedelt sind". Gab es überraschende Entdeckungen? "Nein, es war umgekehrt", sagt Hartmut Müller. "Das kommunistische Manifest von Marx und Engels habe ich nicht gefunden. Ich bin mir sicher, dass es verloren gegangen ist. Damit wird sich Kaisen ganz bestimmt auseinandergesetzt haben."

Bibliothek von Helene und Wilhelm Kaisen

Neben den Themen Politik, Wirtschaft und Geschichte interessierten sich Kaisens auch für Landwirtschaft und Gartenbau. Zwangsläufig: So überlebte die Familie den Nationalsozialismus.

Foto: Christina Kuhaupt

Wilhelm Kaisen sei erst relativ spät "zum Buch gekommen“, so Müller. Es war offensichtlich eine späte, aber eine große Liebe. Müller zitiert in seiner Schrift aus Kaisens Autobiografie: „Ich kann auch heute nur jedem, der neue geistige Gebiete zu betreten wünscht, empfehlen, ab und zu ein gutes Buch zu Hand zu nehmen, es gründlich zu lesen und durchzudenken.“

Vor Hartmut Müller und dem Team der Wilhelm und Helene Kaisen-Stiftung liegen noch unzählige Arbeitsstunden: Der Bestand soll komplett erfasst werden. Müller erwägt, sich ab Herbst den Bänden bis zu Kaisens Todesjahr (1979) zuzuwenden.

Weitere Informationen

Die Wilhelm und Helene-Kaisen-Dokumentationsstätte samt Wohnhaus und Arbeitszimmer ist ganzjährig geöffnet, an jedem zweiten Sonntag im Monat, jeweils von 11 bis 16 Uhr. Nächster Termin: 9. September.

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