Forschungsprojekt „Brise“

Wie wirksam Hilfsprogramme für junge Familien in Bremen sind

Das Forschungsprojekt Brise untersucht, wie wirksam Hilfsprogramme für junge Familien in Bremen sind. Bei Pro Kind begleiten Hebammen Mütter, Väter und Kinder - die Betreuung beginnt in der Schwangerschaft.
20.04.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Wie wirksam Hilfsprogramme für junge Familien in Bremen sind
Von Lisa-Maria Röhling
Wie wirksam Hilfsprogramme für junge Familien in Bremen sind

Der Alltag ist für junge Familien nicht immer einfach. Unterschiedliche Programme bieten Unterstützung an.

Christian Charisius /dpa

Wenn Sabine T.* und ihre Tochter Sara gemeinsam spielen, dann wissen beide nicht, wo sie anfangen sollen. Zu groß ist die transparente, knapp einen Meter hohe Box, die auf dem Wohnzimmerteppich in ihrer Wohnung platziert ist. Bis zum Rand ist sie mit Kuscheltieren gefüllt. Ellenerbrok-Schevermoor im Bremer Osten, ein Donnerstagmorgen vor der Corona-Krise. „Schau mal, Sara“, ruft Sabine T., während sich das 15 Monate alte Mädchen am Rand der Kiste hochzieht. Sie greift nach den Tieren, schaut sie kurz an, verliert dann das Interesse und wirft sie fort. Sabine T. schüttelt ratlos den Kopf.

Einsatz für Olga Kalnitzkyi, die auf der Kante des Sofas sitzt und nun von ihren Notizen aufsieht. Sie ist eine von 13 Familienhebammen bei Pro Kind: Bei dem Programm des Deutschen Roten Kreuzes werden Frauen in „herausfordernden Lebenssituationen“, die ihr erstes Kind erwarten, von der Schwangerschaft bis zum zweiten Lebensjahr des Kindes begleitet. Die Idee: Hebammen wie Kalnitzkyi helfen bei alltäglichen Hürden des Familienlebens, um wiederum den Kindern einen guten Start ins Leben zu ermöglichen.

Vertrauen ist am wichtigsten

Dass die ersten Lebensjahre prägend sind, ist unbestritten. Welche Rolle dabei allerdings Projekte wie Pro Kind spielen, ist Kern der seit Sommer 2017 laufenden Bremer Initiative für die Stärkung frühkindlicher Bildung, genannt Brise. Das Forscherteam will untersuchen, wie die Chancen von Kindern, die durch ein niedriges Einkommen, geringeren Bildungsstand oder Arbeitslosigkeit der Eltern benachteiligt sein könnten, durch Hilfsprogramme wie Pro Kind verbessert werden.

27 Ortsteile werden untersucht – Ellenerbrok-Schevermoor gehört dazu. Dort besucht Hebamme Kalnitzkyi Sabine T. seit dem letzten Trimester der Schwangerschaft jede zweite Woche. Sabine T. kümmert sie sich den ganzen Tag alleine um Sara, das überfordert sie manchmal. „Manchmal ist sie so bockig“, sagt die Mutter, während Sara nach und nach den Inhalt der Spielzeugkiste auf dem Fußboden verteilt. Neulich zum Beispiel, als Sara anfing sich an den Schubladen hochzuziehen, sie zu öffnen und darin mit ihren Buntstiften zu malen. Da habe sie überlegt, einfach die Schubladen mit Papier auszulegen, sagt Sabine T. „Damit man ihre Bilder auch sieht.“

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Kalnitzkyi weiß, dass Sabine T. es gut meint. Mutter und Tochter vertrauen ihr, sagt sie, das sei das Wichtigste an ihrer Arbeit. „Bei Belehrungen verschließen sich die Frauen“, erklärt sie. Dafür sei der richtige Ton entscheidend. Wenn sie also sagt: „Sabine, das ist keine gute Idee, du musst ihr klare Grenzen aufzeigen“, dann macht sie das so, dass die Mutter sich nicht vor den Kopf gestoßen fühlt. Denn wenn sie sich verschließe, widerspreche das dem Prinzip von Pro Kind: Das Programm ist freiwillig – fühlen sich die Familien nicht geborgen, können sie jederzeit aufhören.

Projekte wie Pro Kind gibt es in Bremen seit Jahrzehnten, mit Brise soll nun ihre Effektivität getestet und verbessert werden. Aktuell gehören 320 Familien zu dem Forschungsprogramm, bei dem auch andere regionale Unterstützungsprojekte begleitet werden. Gefördert wird es vom Land Bremen sowie den Ressorts Bildung, Soziales und Wissenschaft, dem Bund und der Jacobs Foundation. Die erste Förderphase endet 2021, eine zweite wird aktuell verhandelt.

Von diesem Geflecht aus Förderern und Programmen bekommen die Familien bis auf das gelegentliche Beantworten von Fragebögen wenig mit. So auch Alexandra O.*, die im Bremer Norden ihre Hebamme Tania Wienhues zusammen mit ihrer sechs Monate alten Tochter Maja knapp ein halbes Jahr vor dem Besuch bei der Familie T. begrüßt. Noch an der Haustür fragt Wienhues: „Wie geht es euch? Was gibt es?“ Maja hat kürzlich angefangen zu zahnen und einen schweren Husten überwunden. Krupphusten, beschreibt die Mutter, ein trockener, bellender Husten, der für die Eltern sehr gefährlich klang.

Jeder Hausbesuch wird dokumentiert

Das Haus von Familie O. liegt in Bremen-Aumund, ein schmaler Flur führt direkt von der Eingangstür in das kleine Wohnzimmer. Ein kleines Paradies. Denn als die 28-jährige Alexandra O. im neunten Monat schwanger war, wohnten sie und ihr Partner noch in einer Dachgeschosswohnung und hatten gerade die Verantwortung für ihre Nichte übernommen. Kurz vor der Geburt dann der Umzug: „Das war sehr anstrengend“, sagt die Mutter. Nun haben die jungen Eltern ganz plötzlich nicht nur eins, sondern zwei erste Kinder.

Alexandra O. steht vor den gleichen Herausforderungen wie Sabine T.: Auch ihr fällt es schwer, die Tochter zu beruhigen oder mit ihr zu spielen. Während Maja auf einer Decke liegt, hält Alexandra O. eine Rassel vor das Gesicht ihrer Tochter, bewegt sie schnell und geräuschvoll hin und her. Sofort ist Maja aufmerksam, reißt die Augen weit auf, zieht den Kopf etwas zurück. Wienhues hat das Problem erkannt. „Schau dir ihre Augen und ihr Gesicht an“, sagt sie. „Daran erkennst du, dass das zwar spannend, aber auch sehr überfordernd für Maja ist. Siehst du?“

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Mit solchen Hinweisen macht es Wienhues der Mutter leichter, sich um ihre Tochter zu kümmern. „Wenn sie weint und man gestresst ist, ist es extrem schwer, richtig zu reagieren“, sagt Alexandra O. Die Besuche der Hebamme seien nicht wie Unterricht, eher wie eine lockere Unterhaltung. Um Ziele und offene Fragen zusammenzufassen, dokumentieren Alexandra O. und die Hebamme jeden Hausbesuch auf einem dafür vorgesehenen Merkblatt von Pro Kind. Dort kann die Mutter zum Beispiel auch künftig den nächsten Tipp nachschauen, den Wienhues ihr gibt: Mit wenigen Handgriffen faltet sie die kleine Decke, auf der Maja liegt, zu einer Art Tragetuch.

„Wie wär's, wenn du das Tuch vorsichtig wiegst und ein Lied singst?“, fragt sie. Die Mutter errötet. „Das kann ich nur, wenn ich alleine bin.“ Zögerlich übernimmt sie dann doch das Tuch, wiegt es vorsichtig vor und zurück und singt leise. Maja, die zuvor noch wild mit den Beinen gestrampelt hat, wird ruhiger, brabbelt und lacht leise. „Ich glaube, da könnte sie den ganzen Tag drin liegen“, sagt die Mutter.

Sabine T.s Stunde mit ihrer Hebamme ist fast vorbei. Kalnitzkyi holt zum Schluss einen Stapel knallbunter Plastikbecher aus ihrem Rucksack. Den kleinen Turm stellt sie vor Sara ab, hebt die oberen zwei Becher ab und lässt sie mit einem Klacken wieder auf den Stapel fallen. Sara schaut Mutter und Hebamme an, greift dann selbst nach den Bechern. Sabine T. ist verblüfft: Sara macht sich sofort daran, die Becher auseinander zu nehmen und dann wieder fein säuberlich übereinander zu schichten. „Ich wusste nicht, dass sie das kann“, sagt Sabine T. begeistert. Die Hebamme ist zufrieden. Darum ist sie hier, darum geht es.

*Die Vor- und Nachnamen der Familienmitglieder wurden geändert.

Info

Zur Sache

Keine Pause durch Corona

Sowohl die Forschungsgruppe rund um Brise als auch die Familienhebammen von Pro Kind sind trotz der andauernden Corona-Krise aktiv. So nimmt die Initiative Pro Kind auch jetzt noch neue Familien in das Programm auf, alle teilnehmenden Eltern werde min diesen Tagen telefonisch von ihren Hebammen unterstützt. Kontakt ist über prokind@drk-bremen.de möglich.

Weitere Informationen

Pro Kind nimmt auch in der Corona-Krise neue Familien auf und betreut teilnehmende Eltern in diesen Tagen telefonisch. Kontakt ist über prokind@drk-bremen.de möglich.

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