Foto-Ausstellung im Institut francais

Wenn es Nacht wird in Paris

Paris scheint in Corona-Zeiten in unerreichbare Ferne gerückt. Wer seine Sehnsucht stillen möchte, kann sich bis zum 18. Dezember im Institut francais die Foto-Ausstellung „Fragments de nuit“ anschauen.
22.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wenn es Nacht wird in Paris
Von Sigrid Schuer

Diese eine magische Viertelstunde liebt Laurence Rocoplan Berkhouwer besonders, wenn der Sonnenaufgang Paris in minütlich wechselnde Farbwechsel taucht. Erst scheint die morgendliche blaue Stunde auf der Seine zu ruhen, in der sich die Lichter der Glitzerstadt spiegeln. Unter einem dramatisch gefärbten Himmel wird die Silhouette der französischen Kapitale sichtbar: Die Türme von Notre-Dame und der Sainte Chapelle. Von jetzt auf gleich scheint „La vie en rose“ über dem Seine-Ufer zu schimmern. So rosarot wie Edith Piaf, die Stimme von Paris, es in einem ihrer berühmtesten Chansons besang. Und noch ein Farbwechsel: Ganz in hellviolettes Licht getaucht erscheint eine der charakteristischen Litfasssäulen, wie sie für Paris so typisch sind. Ein Vater begleitet seine kleine Tochter auf dem Schulweg.

Das erinnert die Fotografin an ihren eigenen Schulweg über die Pont de l‘alma, die die Rive gauche mit der Rive droite verbindet, das linke mit dem rechten Seine-Ufer. Auch an der Pont de l‘alma hat Laurence Rocoplan Berkhouwer die morgendliche blaue Stunde, gegen die sich die Kandelaber am Seine-Ufer abheben, fotografiert. Es sind ebenso magische wie melancholische Momentaufnahmen von Paris, die die Fotografin eingefangen hat und die bis Freitag, 18. Dezember, im Institut francais in der Contrescarpe 19 in der Ausstellung „Fragments de nuit“ gezeigt werden. Momentaufnahmen, die das Ausstellungspublikum mit Melancholie und Sehnsucht nach der Lichterstadt an der Seine erfüllen, die in der Corona-Pandemie unerreichbar geworden zu sein scheint. Melancholie auch deshalb, weil Paris erneut von einem brutalen Terroranschlag erschüttert wurde, der in einer der Banlieues, der Vorstädte, verübt wurde.

Nur einen Katzensprung von der Pont l‘alma entfernt befindet sich die sagenhaft illuminierte, prächtige Pont Alexandre III., unter der hindurch die Bateaux mouches auf ihren nächtlichen Touren gleiten. Eine andere Aufnahme zeigt „la péniche“, das Hausboot, im jetzt golden gefärbten Strom der Seine. Wenn es Nacht wird in Paris, dann bricht für Laurence Rocoplan Berkhouwer ihre Zeit in ihrer Metropole an.

Leidenschaft zum Beruf gemacht

Fasziniert hat sie die Fotografie schon immer, vor drei Jahren hat sie ihre Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht. Sie ist auch Mitglied im Haus der Photographie in Hamburg. Bis 2016 arbeitete Laurence Rocoplan Berkhouwer als selbstständige Marketing-Beraterin.

Die gebürtige Pariserin, die seit fünf Jahren mit ihrer Familie in Bremen lebt, liebt die Stille im nächtlichen Paris, das Spiel von chiaro-scuro, von clair-obscur, so der Titel einer weiteren Arbeit, also von hell-dunkel, das sich auf unnachahmliche Weise auf den hochherrschaftlichen Belle Epoque-Fassaden und in den Parks entfaltet. So auf der Fassade des Grand Palais, auf der plötzlich der Schatten des großen Charles überdimensional sichtbar wird, den das Denkmal von Charles de Gaulle wirft. Oder in den kleinen, versteckt unterhalb von Notre-Dame und in Montmartre gelegenen Parks.

„Ich stelle mir den Wecker für drei oder vier Uhr nachts, stehe auf und lasse mich mit meiner Kamera durch die Stadt treiben“, erzählt Rocoplan Berkhouwer. Nein, Angst habe sie nicht. Ganz im Gegenteil, sie liebt besonders das Gefühl, dass die Stadt ihr ganz allein gehört. „Dann habe ich das Gefühl, in einem Kino zu sein und einen Film zu sehen, der nur für mich gezeigt wird“, sagt Laurence Rocoplan Berkhouwer. Eine Emotion, die sie mit den Betrachtenden gern teilen möchte.

Der Streifzug durch die nächtliche Glitzerstadt ist für sie doppelt spannend, denn oft, sagt sie, würde sie durch das Kamera-Objektiv in der Dunkelheit gar nicht erkennen, was sie genau fotografiert habe. „Ich enthülle es quasi in der späteren Bearbeitung“, sagt sie, und: „Es gibt in Paris in der Nacht etwas Romantisches im literarischen Sinne des Wortes, das sowohl schön als auch hoffnungslos ist. Deshalb habe ich mich entschieden, den Fotos Gedichte von Autoren wie Paul Verlaine, Léon Valade, Victor Hugo und Charles Baudelaire zuzuordnen“. Denn Baudelaires „Les Fleurs du mal“, die Blumen des Bösen, blühen auch, wenn es Nacht wird in Paris.

Der Mond ist ein Hauptdarsteller

Und ab und zu weht ein Chanson vor Jacques Prévert vorüber und auch ein anderes „Sous le ciel de Paris“, über den Dächern und unter dem Himmel von Paris, den einst Edith Piaf und Juliette Gréco besangen.

Einer der Hauptdarsteller der Aufnahmen ist der Mond, der die nächtliche Szenerie an der Seine oder im Montmartre mit seinem fahlen Licht bescheint: Bonsoir „Tristesses de la lune“, so der Titel einer Arbeit. Von Melancholie umflort ist auch das verregnete „Rendez vous“ in einem Pariser Café. „Ich mag es einfach, das Schöne im Alltag zu sehen“, beschreibt die Fotografin ihren positiven Blick auf das Leben.

Und zum Abschluss als Krönung der Eiffel-Turm: Wie er sich golden leuchtend in einer großen Wasserlache auf dem Champ de Mars, auf dem Marsfeld, spiegelt, oder tout petit, ganz klein, in weiter Entfernung über die Kaimauer der Seine ragt, auf der ein Graffito mit einer Liebeserklärung geschrieben steht, die es wohl so nur in Paris gibt: „J‘entends ta voix dans tous les bruits du monde“ – „Ich höre deine Stimme in allen Geräuschen der Welt.“

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Fragments de nuit“ ist bis Freitag, 18. Dezember, jeweils montags bis donnerstags zwischen 10 und 13 und 15 und 18 Uhr sowie freitags von 10 bis 13 Uhr im Institut francais zu sehen. Der Eintritt ist frei. Die Fotografin Laurence Rocoplan führt die Besucher am Mittwoch, 28. Oktober und am Freitag, 29. Oktober, um 17 Uhr durch die Ausstellung.

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