Kritik an Bremer Betreuungssystem Freie Träger fordern Kita-Reform

Ein unbürokratischeres Finanzierungssystem und mehr Autonomie für Träger, die eigenständig in Kooperation mit einem Investor neue Kitas bauen wollen - das fordern Wohlfahrtsverbände und die evangelische Kirche.
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Freie Träger fordern Kita-Reform
Von Sara Sundermann

Seit Jahren werden in Bremen immer wieder andere Systeme der Kita-Planung und Finanzierung diskutiert. Nun machen Wohlfahrtsverbände und die evangelischen Kirchen gemeinsam einen neuen Vorstoß dazu und fordern eine grundlegende Reform. Sie wollen, dass Kita-Betreiber ihre Kosten unbürokratischer mit der Behörde abrechnen können und bei der Schaffung neuer Betreuungsplätze eigenständiger vorgehen können.

Nötig sei „ein eigenständiges Initiativrecht“ zur Schaffung von Kita-Plätzen, fordern nun die freien Träger. Die Stadt solle zwar den politischen Rahmen setzen und festlegen, in welchen Stadtteilen wie viele Plätze benötigt werden und welche Qualitätsvorgaben es gebe. Davon abgesehen solle Bremen die Träger aber stärker „machen lassen“ als bisher, fordern Arnold Knigge von der Landesarbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtsträger und Carsten Schlepper vom Landesverband evangelischer Kirchen. Derzeit seien Planungsverfahren für neue Kitas zu langwierig und müssten mit vielen verschiedenen Bremer Behörden jeweils neu abgestimmt werden.

Neben dem städtischen Eigenbetrieb Kita Bremen, der viele Betreuungseinrichtungen in der Stadt betreibt, sind freie Träger wie das Deutsche Rote Kreuz, die Arbeiterwohlfahrt und die evangelischen Gemeinden eine wichtige Säule der Kinderbetreuung. Nach eigenen Angaben bieten sie 61 Prozent der Kita-Plätze in Bremen und 48 Prozent in Bremerhaven an.

„Es besteht dringender Handlungsbedarf, aber in den Runden mit den vielen Akteuren eines Bündnisses für frühkindliche Bildung sind wir in den letzten Jahren dazu kaum vorangekommen“, sagt Knigge. „Zuletzt fehlten immer noch mehrere Hundert Kita-Plätze in Bremen, wir müssen insgesamt schneller werden und die Finanzierung auf andere Füße stellen.“

Derzeit müssten Betreiber von Krippen und Kindergärten mit viel Aufwand eine Vielzahl von Anträgen für verschiedene Fördertöpfe stellen, um ihre Kosten für Betreuung mit der Stadt abzurechnen, so Schlepper. Es gebe zum Beispiel eigene Anträge für Betriebskosten, für Sprachförderung, für die sogenannten CITO-Sprachtests, zusätzlich eingestellte Sprachexperten und für Inklusion in Kitas. „Dafür brauchen wir bei der evangelischen Kirche ein 10- bis 15-köpfiges Team“, betont Schlepper. „Wir sind mit der Bearbeitung der Anträge von unseren Kapazitäten zeitlich am Limit, aber unser Gegenüber in der Behörde ist noch viel mehr am Limit.“ Aktuell sei zum Beispiel die Abrechnung der Kita-Betriebskosten für 2016 noch nicht erfolgt.

„Das System ist insgesamt zu schwerfällig und zu aufwändig“, sagt Knigge. Schlepper und Knigge fordern ein System, das mit festen Pauschalen operiert. Der Unterschied: Derzeit beantragen Kita-Betreiber Fördermittel aus verschiedenen Töpfen, deren Höhe dann von der Behörde festgesetzt und gegebenenfalls bewilligt werden. Die freien Träger wollen, dass jedes Kind einen festen Grundbetrag zur Finanzierung seiner Betreuung mit in die Kita bringt. Hinzu kommen sollen dann zusätzliche feste Förderpauschalen, falls das Kind Sprachförderung braucht, eine Behinderung hat oder in einem Brennpunkt zur Kita geht. Dieses Verfahren sei deutlich einfacher, so die Vertreter der freien Träger.

Viele Kommunen wie zum Beispiel Hamburg und Berlin haben ihre Systeme bereits umgestellt, darauf verweisen Knigge und Schlepper. Bereits 2012 wurde ein sogenanntes Gutschein-System nach Hamburger Vorbild in Bremen diskutiert: In Hamburg bekommt jedes Kind einen Schein, den Eltern bei der Kita abgeben. Über den Gutschein erhält die Kita unbürokratisch von der Stadt Pauschalen für die Kosten der Kinderbetreuung. Anfang des Jahres setzten sich CDU und FDP für ein Gutschein-Modell in Bremen ein, auch die Grünen sind dafür offen. Bei SPD und Linken gibt es dagegen Vorbehalte. Beide setzen sich dafür ein, dass es weiterhin eine Vielfalt von Trägern gibt, die Kitas betreiben. Zudem solle Kita Bremen als Eigenbetrieb der Stadt ein wichtiger Anbieter von Betreuung bleiben.

Klar ist, dass ein Gutschein-System wie das in Hamburg mehr Kosten verursacht, das räumen auch Knigge und Schlepper ein. Ein Grund dafür: Derzeit gibt es in einigen Bereichen der Kita-Arbeit Fördertöpfe, die endlich sind. Hat aber jedes Kind je nach seinen Bedürfnissen ein Recht auf bestimmte Förderpauschalen, kann das mehr kosten. Ein Beispiel: Zuletzt wurde in Bremen ein begrenzter Fördertopf für Inklusion in Kitas auf immer mehr Kinder mit Beeinträchtigung aufgeteilt. Die Kritik: Das Geld wurde nicht aufgestockt, sondern gestreckt, es gab also für die Kitas immer weniger Geld pro Kind (wir berichteten).

Zudem fordert Carsten Schlepper mehr Flexibilität: „Derzeit können wir einen Kita-Platz nicht auf zwei Kinder aufteilen“, kritisiert er. Sein Beispiel: Wenn eine Kita in Gröpelingen einen freien Platz für acht Stunden Betreuung an fünf Tagen habe, könne eine Mutter aus der direkten Nachbarschaft, die aber nur vier Stunden pro Tag brauche, den Platz nicht bekommen. „Die Kita-Leiterin ist dann im System eingeklemmt: Sie wird solange telefonieren, bis sie ein Kind findet, das acht Stunden braucht“, erklärt er. Das bedeute: Die Gröpelinger Mutter komme nicht zum Zug, den Platz bekomme zum Beispiel eine Familie aus Borgfeld, die Anspruch auf acht Stunden Betreuung habe und in ihrem Stadtteil keinen Platz erhalten habe.

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