Rund 40 Demonstranten

Fridays for Future: Erste Proteste nach den Sommerferien in Bremen

Mit Beginn des neuen Schuljahrs rücken die Fridays-for-Future-Proteste erneut in die öffentliche Wahrnehmung. Doch verschwunden war die Bewegung für besseren Klimaschutz in den Ferien keineswegs.
16.08.2019, 16:54
Lesedauer: 6 Min
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Von Jakob Milzner
Fridays for Future: Erste Proteste nach den Sommerferien in Bremen

Rund 40 Menschen versammelten sich auf dem Bremer Markplatz, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren.

Kim Böß

Vor dem Roland auf dem Bremer Markt erklingt am Freitagmorgen die Melodie einer alten Volksweise. Eine Gruppe aus meist jüngeren Menschen hat sich zusammengefunden und singt einen Kanon, den wohl fast jedes Kind in Deutschland mit einem Gefühl von bittersüßer Melancholie verbindet.

Die Noten von „Hejo, spann den Wagen an“, einem Erntelied aus dem 19. Jahrhundert, werden vom Wind bis hinüber zum Rathaus getragen, wo sie sich langsam im städtischen Grundrauschen verflüchtigen. Nur wer innehält und zuhört merkt, dass sich der Text verändert hat: „Wehrt euch, leistet Widerstand / Gegen die Braunkohle hier im Land! / Auf die Barrikaden! Auf die Barrikaden!“, singen die rund 40 Anwesenden. Einige von ihnen halten bemalte und beschriebene Plakate in den Händen.

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Versammelt haben sich Schülerinnen und Schüler genauso wie Studierende und Personen, die einer geregelten Arbeit nachgehen. Seit Wochen prägen die Proteste der Fridays-for-Future-Bewegung die Freitagvormittage in der Umgebung des Marktplatzes. Doch nun, mit Beginn des neuen Schuljahrs, rücken sie wieder in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung.

Bereit zu persönlichen Konsequenzen

„Es ist egal, ob Schulzeit oder Ferien sind. Aber die Leute reagieren halt mehr darauf, wenn man es in der Schulzeit macht, als wenn man es in den Ferien macht“, sagt Mika Eisbrenner, ein 15-jähriger Schüler aus Bremen. Während er redet, schwillt im Hintergrund ein neuer Sprechchor an: „Von der blauen Erde kommen wir (klatsch, klatsch) / unser Klima stirbt genauso schnell wie wir (klatsch, klatsch)!“

Auch hier ist die Melodie bekannt: „Von den blauen Bergen kommen wir“, heißt es in dem Schmähgesang auf die Lehrer dieser Welt, das seit den 50er Jahren zum kollektiven Liederschatz auf deutschen Schulhöfen zählt. Doch die Lehrer sind keineswegs das Ziel der Fridays-for-Future-Proteste: „Natürlich müssen uns die Lehrer das verbieten. Aber sie haben Verständnis dafür und sagen, dass es gut ist. Daher verbieten sie es uns eigentlich, haben aber trotzdem Anerkennung dafür“, betont Eisbrenner.

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Wer sich mit den Protestlern unterhält und ihnen zuhört, der merkt, dass die Jugendlichen längst dabei sind, persönliche Konsequenzen aus ihren Forderungen für mehr Klimaschutz zu ziehen. Dabei könnte man angesichts der gerade beendeten Ferien erwarten, Berichte von Pauschalurlauben und günstigen Flugreisen zu hören. Doch davon keine Spur: Während Eisbrenner mit dem Zug Verwandte in Bayern besucht hat, ist Heye Hamadmad bis nach Norwegen gefahren – ebenfalls mit dem Zug, erzählt der 16-jährige Schüler.

„Natürlich waren einige von uns in den Ferien. Wir haben da aber auch den Effekt bemerkt, dass viele auf umweltschonendere Methoden gesetzt haben als das Fliegen oder das Autofahren“, sagt Hamadmad. Einen großen Teil der freien Zeit habe er zudem in Bremen verbracht und sich weiterhin auf Demonstrationen und in den Plena der Fridays-for-Future-Bewegung engagiert.

Hamadmad ist Mitglied der Gesamtschüler*innenvertretung in Bremen (GSV), einer gewählten Institution, die die Interessen der Schüler in Bremen vertritt und die sich mit den Zielen der Klimabewegung solidarisiert. Mittlerweile habe man auch mit weiteren Akteuren Kooperationen beschlossen, erzählt er stolz.

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Einer dieser Akteure ist die Gewerkschaft Verdi. Deren Vorsitzender Frank Bsirske rief die Gewerkschaftsmitglieder bereits Anfang August dazu auf, sich an einer für den 20. September geplanten bundesweiten Protestaktion zu beteiligen. Die Verdi-Jugendorganisation für Bremen und Niedersachsen plant für diesen Tag eine eigene Informationsveranstaltung zum Thema Klimagerechtigkeit.

„Wir möchten als Gewerkschaftsjugend besonders Auszubildende und junge Beschäftige begeistern, sich an dem Tag sowohl theoretisch mit Klimagerechtigkeit und Klimaschutz zu beschäftigen, als auch praktisch die Demo zu begleiten und sich mit deren Inhalten auseinanderzusetzen“, sagt Nonni Morisse, der als Gewerkschaftssekretär der Verdi für den Jugendbereich im Bezirk Bremen-Nordniedersachsen zuständig ist. Aufgrund der Bestimmungen im Bremer Bildungszeitgesetz könnten sich für die Bildungsveranstaltung alle in Bremen tätigen Arbeitnehmer von der Arbeit freistellen lassen, die dies bis vier Wochen vor der Veranstaltung bei ihrem Arbeitgeber beantragten, erläutert er. Die Bildungszeit, die am 20. September von 9 bis 17 Uhr im DGB-Haus stattfindet, wendet sich an Beschäftigte jedes Alters.

Unter den Demonstrierenden sind am Freitagmorgen auch die Studentinnen Katharina Paquet (l.) und Beatrice Berlin.

Unter den Demonstrierenden sind am Freitagmorgen auch die Studentinnen Katharina Paquet (l.) und Beatrice Berlin.

Foto: Kim Böß

Wandern im Harz statt Urlaub auf Mallorca

Zurück auf dem Bremer Marktplatz. Hier haben sich mittlerweile auch Katharina Paquet und Beatrice Berlin eingefunden. Paquet war bis vor kurzem im Urlaub. Sie habe eine Wanderung durch den Harz gemacht, erzählt die 20-jährige Studentin. „Deutschland ist so groß. Und viele, die nach Mallorca fliegen, haben noch nie die schönen Ecken von Deutschland gesehen. Alle wollen ans Meer und in ein tolles Luxushotel, aber waren eben noch nie im Harz. Wo übrigens gerade die Wälder nur so absterben“, sagt sie.

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Auch Berlin war unterwegs: Sie sei nach Schottland gereist, erzählt die Studentin – allerdings nicht mit dem Flugzeug, obwohl das komfortabler gewesen wäre. „In unserem Dorf, wo wir wohnen, da wird das Thema sehr oft diskutiert, und ich achte auch selbst sehr darauf, klimagerecht zu leben“, sagt die 22-Jährige, die zum ersten Mal an einer Fridays-for-Future-Demonstration teilnimmt.

Was die jungen Leute auf dem Marktplatz berichten, deckt sich mit einer neuen Studie des Bundesumweltministeriums und des Umweltbundesamts, die der deutschen Presseagentur (dpa) vorliegt. Deren Ergebnisse zeigen, dass 61 Prozent der 14- bis 22-Jährigen die Verantwortung beim Umwelt- und Klimaschutz bei jedem und jeder Einzelnen sehen, während sie Akteuren aus Wirtschaft und Politik kaum zutrauen, in ausreichendem Maße für mehr Klimaschutz aktiv zu werden. Laut der Studie fanden nur 15 Prozent der Befragten, die Industrie tue in diesem Bereich „genug“ oder „eher genug“. Der Bundesregierung stellen die Befragten ein fast ebenso vernichtendes Zeugnis aus: Nur 22 Prozent der Befragten sagten, die Bemühungen der deutschen Politik seien ausreichend.

Selbstermächtigung einer Generation

Vor diesem Hintergrund lässt sich die Fridays-for-Future-Bewegung als die Selbstermächtigung einer Generation verstehen, die ihre langfristigen Interessen von Wirtschaft und Politik nur unzureichend repräsentiert sieht. Mittlerweile lässt sich in der globalen Bewegung ein Organisationsniveau beobachten, das über vergangene Proteste weit hinausgeht: So steht der Protest an diesem Freitag unter dem Motto: „Wir sind der Tinnitus der INSM!“

Hinter dieser Abkürzung verbirgt sich die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die unter dem Titel #INSMfürParis aktuell selbst eine Kampagne zum Thema Klimaschutz durchführt. Der Teufel steckt im Detail: Denn die INSM ist eine Lobbyvereinigung, die von den Verbänden der Metall- und Elektro-Industrie finanziert wird und unter anderem gegen die stärkere Förderung erneuerbarer Energien oder auch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) opponiert.

Dass ein Gesprächsangebot vonseiten dieses Akteurs eben nicht mehr als ein Gesprächsangebot ist und wohl deutlich eher dem Greenwashing einer CO2-intensiven Industrie als einem ambitionierten Klimaschutz dienen dürfte, haben auch die Fridays-for-Future-Protestler erkannt: „Die @insm ist ein Lobbyverband, der mit Kampagnen in der Vergangenheit u.a. gegen das EEG und jetzigen Desinformationskampagnen das #ParisAgreement gefährdet“, heißt es in einem Tweet der Berliner Fridays-for-Future-Organisation.

Auf dem Marktplatz steht noch immer Heye Hamadmad. „Der Effekt des Schwänzens ist eher nachrangig. Es geht uns vor allem darum, auf die Wichtigkeit der Klimakrise aufmerksam zu machen“, sagt der Schüler. Im Hintergrund erklingt schon das nächste Lied.

++ Dieser Artikel wurde um 18.26 Uhr aktualisiert. ++

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