Italienischsprachige Führung

Un amore grande – eine große Liebe

In Bremen gibt es viele Italien-Fans, die sich gerade jetzt, in Corona-Zeiten, darüber freuen, bei einer italienischsprachigen Führung mehr über die Beziehungen zwischen Italien und Bremen zu erfahren.
08.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Un amore grande – eine große Liebe
Von Sigrid Schuer
Un amore grande – eine große Liebe

Heinrich Lintze beginnt seine Führung in italienischer Sprache auf der Kulturmeile. Die Beziehungen zwischen Italien und Bremen sind traditionell gut.

Roland Scheitz

Ein Eis bei „Schia“, das war für viele Bremer lange Jahre das höchste der Gefühle und der Inbegriff des Lebensgefühls von „bella Italia“ in der Hansestadt. Unvergessen der elegante Eis-Salon von Bruno Chiamulera in der Obernstraße/Ecke Pieperstraße, an dessen Stelle nun seit Jahren ein Telefon-Shop und eine Frittenbude residieren. Und da den Hansestädtern damals nicht die ordnungsgemäße, italienische Aussprache über die Lippen kam, war also immer von Schiamulera die Rede. Inzwischen weiß nicht nur die Toskana-Fraktion unter den Bremern um die korrekte Aussprache mit einem K.

Wie sich die Welt generell italianisiert habe, sagt Heinrich Lintze. Und da mache Bremen nun mal keine Ausnahme. Dass zu seiner neuen Stadtführung, in der er die Beziehungen zwischen Bremen und Italien beleuchtet, zehn Bremerinnen gekommen sind, die den italienischen Ausführungen des pensionierten Studienrates mühelos folgen können, spricht da für sich. Lintze ist Italien-Liebhaber und -Kenner durch und durch. Und er hat am Alten Gymnasium viele Jahre Italienisch unterrichtet. Kein Wunder, dass er sich bestens auskennt in den Beziehungen zwischen Bremen und dem „Land, wo die Zitronen blühn“. Was nur wenige wissen: Bremen galt einst als Rom des Nordens, von hier aus wurde im großen Stil die Christianisierung Skandinaviens und der baltischen Staaten betrieben. Nicht von ungefähr trage die Hansestadt den Schlüssel im Wappen, das Symbol von San Pietro, des Heiligen Petrus, nach dem auch der Petersdom in Rom benannt ist, erläutert Lintze.

Die kleine Reise nach Italien endet auf dem Marktplatz, nachdem er zuvor auch einen kurzen Streifzug durch die italienische Kultur, Küche und Kulinarik unternommen hatte. Dort eröffnete Giovanni Chiamulera, wie die meisten Gelatieri aus dem Veneto stammend, 1908 die erste Eisdiele Bremens. Und zwar dort, wo jetzt die Raths-Konditorei ihren Sitz hat. Nachfahren der Chiamulera-Dynastie betreiben heute das Eiscafé Ferrari im Steintor.

Quasi einen Steinwurf entfernt von Bremens Kulturmeile, wo Lintze mit seiner Führung beginnt, nicht ohne einen Hinweis auf den weißen Portikus des Theaters am Goetheplatz. Auf dem Goetheplatz steht übrigens die Skulptur eines nackten, in Bronze gegossenen Mannes, dessen Gesicht mit der Maske zu verschmelzen scheint, die er trägt. Giuliano Vangi schuf ihn 1987. „Die Bremer lieben besonders die italienische Oper. Hier werden Werke von Verdi, Puccini und Rossini gespielt“, hebt Lintze hervor. Für das Jahresende wird hier vorsichtig mit Rossinis „Italienerin in Algier“ geplant.

Carl Steinhäuser in Rom

Die historisierende Bauweise des Klassizismus, der sich an der italienischen Frührenaissance orientierte, galt bei den Bremer Patriziern an der Wende zum 20. Jahrhundert als todschick. Davon zeugt heute noch so manche Villa an der Contrescarpe, genauso wie das Medienhaus, die Villa Gross, die einst im Palladio-Stil erbaut und 2019 von Investoren schnöde abgerissen wurde. Im italienischen Stil wurde auch 1849 die Kunsthalle erbaut, die Beletage zierten ursprünglich neben Dürer und Rubens die Säulenheiligen Michelangelo und Raffael. Noch heute können die Bremer ihre Italien-Sehnsucht in dem Musentempel stillen. So gibt es jede Menge romantische Ansichten des „bel paese“ zu entdecken, wie die der blauen Grotte auf Capri, die Heinrich Jakob Fried 1835 schuf.

In Sichtweite der Kunsthalle steht das Olbers-Denkmal von Carl Steinhäuser, hinter einem Blütenteppich aus zartvioletten Herbstzeitlosen. Bremens wohl berühmtester Bildhauer schuf es 1850, und zwar, man höre und staune, in Rom. Der Transport bedeutete Mitte des 19. Jahrhunderts natürlich eine ganz besondere, logistische Herausforderung. Auch für Bremer Künstler, die es sich leisten konnten, gehörte es zum guten Ton, die „grand tour“ durch Europas wohl größtes Freiluftmuseum zu absolvieren. Gerade die Norddeutschen erlagen der Faszination des südlichen Lichtes.

MIT Neue Stadtführung auf Italienisch zur Beziehung Bremen-Italien Heinrich Lintze

Im Gewand eines Römers: das Olbers-Denkmal von Carl Steinhäuser am Wall.

Foto: Roland Scheitz

Steinhäuser war in der römischen Kapitale Assistent einer der damals angesagtesten Bildhauer Roms: Bertel Thorvaldsen. Als es den Schöpfer vieler berühmter Kunstwerke in seine Heimat Kopenhagen zog, mietete Steinhäuser dessen Atelier an der Piazza Barberini an. Dort schuf er nicht nur die Statue von Bürgermeister Johann Smidt, die heute im Rathaus steht, sondern eben auch das idealisierende und antikisierende Olbers-Denkmal. Auf dem Sockel wird er, in eine römische Toga gehüllt, mit nackter Schulter und lockigem Haar dargestellt. Was eigentlich so gar nicht dem Erscheinungsbild des Arztes mit dem Faible für Sternenkunde entsprach. „Er war dick und hatte eine Glatze“, stellt Lintze klar. Renoviert wurde das Denkmal übrigens 1985 von der Sparkasse. Eine Hommage an den Allerersten, der bei dem Geldinstitut ein Konto eröffnete.

In Höhe des ehemaligen Zentralbades, an dessen Stelle heute das Metropol Theater steht, erinnert der Italienkenner an das Schicksal der italienischen Olympiamannschaft, die Ende Januar 1966 bei dem Absturz des Lufthansa-Fluges 005 auf dem Neuenlander Feld ums Leben kam. Die jungen Schwimmer wollten in Bremen einen der vielen, internationalen Wettkämpfe im Zentralbad bestreiten.

Ganz klar, Bremen geht es nicht anders wie vielen, anderen deutschen Städten, es ist, mit so vielen, positiven Effekten, italianisiert. In Ausnahmefällen kann diese Italianità allerdings schon mal einen negativen Touch haben. So zählt das politische Gebaren eines Silvio Berlusconi wohl zu den unangenehmsten Italien-Exporten. Lintze hält sich zum Abschluss nicht mit Kritik an Italiens langjährigem Regierungschef zurück. „Als er gewählt wurde, hätte ich mir nie träumen lassen, dass er so lange an der Macht bleiben würde“, betont er und fügt hinzu, dass Berlusconi die Blaupause für den Rechtspopulismus in Europa gewesen sei. Von Donald Trump erst gar nicht zu reden ...

Weitere Informationen

Weitere Termine zu den Führungen bei Heinrich Lintze: schweizer7@t-online.de.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+