Semy Kong arbeitet im Wohnzimmer im Viertel

„Für schwierige Situationen gibt es kein festes Handbuch“

Semy Kong arbeitet seit sieben Jahren in der Viertel-Kneipe Wohnzimmer. Uns hat sie erzählt, wie sie zum ersten Mal einen Gast rausgeworfen hat und wie sie mit Rassismus und betrunkenen Fußballfans umgeht.
05.01.2020, 08:32
Lesedauer: 3 Min
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„Für schwierige Situationen gibt es kein festes Handbuch“
Von Frieda Ahrens
„Für schwierige Situationen gibt es kein festes Handbuch“

Das Wohnzimmer ist eine beliebte Kneipe im Bremer Viertel.

Shirin Abedi

Jemanden rauszerren machen wir ungern. Selber sowieso fast nie, wir sind ja keine Türsteher. Das erste Mal, als ich bei einem Rauswurf dabei war, war ich die ganze Zeit vollkommen perplex. Denn es ging dabei um mich. Fünf Jahre ist das her. Ich habe leere Gläser abgeräumt, eine Viertelstunde später kam ein Mann zu mir und meinte, sein Glas wäre noch voll gewesen. Ein Hin und Her ging los. „Nein, ich hab echt nur leere Gläser mitgenommen.“ – „Doch, das war voll.“ – „Ey du, ich kann dir auch gerne ein Neues machen, bevor wir hier weiter diskutieren, gebe ich dir einfach eins aus.“ Ich dachte, damit wäre das geklärt. Dann sagte er aber: „Räumt mir so eine schwarze attraktive Kellnerin einfach das Bier weg.“ Ich war echt baff.

Ich war damals neu in der Gastro und erst 22 Jahre alt und wusste gar nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich dachte erst: „Okay, vielleicht meint der das ja nett.“ Ich weiß noch, dass ich ganz komisch darüber gelacht hab. Als ich ihm das neue Bier gebracht habe, hat er noch einen Spruch gelassen. Ich habe nicht reagiert, musste das erst einmal sacken lassen. Der Laden war voll, es war Sonnabend, und ich war mit der Situation überfordert. Dann bin ich zu einer Kollegin und bat sie um Rat. Der Typ saß plötzlich an der Bar und hat von der Seite sowas gerufen wie: „Ey sorry, tut mir auch Leid, aber ich bin halt Nazi.“ In diesem Moment hat sich das ganze Team zu ihm umgedreht. „Was hast du gerade gesagt?“ Es brach eine Diskussion los. Die Kollegen haben ihm das Bier weg genommen, der Typ hat nicht verstanden, warum er gehen soll. Ich stand nur daneben, wusste gar nicht, was ich machen sollte. Die Kollegen haben ihm die Wahl gelassen, entweder freiwillig zu gehen oder die Polizei wird gerufen. Er war sich sicher, dass er im Recht ist, also haben wir die Polizei gerufen. Schließlich haben die Beamten ihn dann des Platzes verwiesen.

Semy Kong (27)

Semy Kong (27)

Foto: Ulf Sommerfeld

Homophobie oder Sexismus ist natürlich auch immer ein No-Go. Deswegen haben wir auch schon mal mehrmals Leute raus geschmissen. Die meisten Rauswürfe passieren aber, weil Gäste zu betrunken sind. Das häuft sich leider nach Werder-Spielen. Wenn jemand dabei ist, der nicht mehr richtig stehen kann, der randaliert, absichtlich etwas kaputt macht – oder wenn jemand einschläft. Das wollen wir nicht, weil wir nicht mehr einschätzen können, ob es der Person noch gut geht, zum Beispiel, ob sie noch regelmäßig atmet. Ein Rauswurf gilt generell immer erst einmal nur für einen Abend, außer die Person benimmt sich extrem oder regelmäßig daneben. Dann muss man konsequent sein, sonst bringt das nichts.

Wichtig ist mir auch, dass sich meine Mitarbeiter nicht in unangenehme oder gefährliche Situationen begeben. Wir haben Schichten, in denen mit nur Mädels arbeiten. Das läuft meistens auch, aber es gibt leider noch Ausnahmen, da brauchst du dann Hilfe. Das ist echt krass, dann steh ich da als Frau und die überhören mich, nehmen mich nicht ernst, lachen mich aus. Es gibt für schwierige Situationen leider kein festes Handbuch, man muss jede neu einschätzen und sich auf sein Gefühl verlassen. Wenn wir das Gefühl haben, das wir etwas nicht selbst regeln können rufen wir auch sofort die Polizei.

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Das hört sich jetzt alles wahnsinnig an, trotzdem ist der Prozentsatz dieser Menschen sehr gering. Klar sind öfter Leute da, die besonders originell sind, aber das ist ja nicht schlimm. Wir sind im Viertel. Wir haben alle irgendwie einen an der Waffel.

Info

Zur Person

Semy Kong (27) arbeitet seit sieben Jahren im Wohnzimmer im Viertel - der Laden, der Café am Tag und Kneipe in der Nacht ist. Seit fünf Jahren ist sie dort Personalchefin und Bar-Leitung. Studiert hat sie in Oldenburg erst eine ganz andere Richtung: Mode und Textil. Bis sie gemerkt hat, dass ihr Herz eigentlich für die Gastronomie schlägt. Seitdem arbeitet sie Vollzeit und kann sich gut vorstellen, irgendwann auch ihren eigenen Laden zu eröffnen.

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