Fußgänger-Verein: Auf Fahrbahn ausweichen

Wege aus der Enge

Wenn es auf dem Gehweg eng wird in Zeiten der Corona-Pandemie, sollten Fußgänger ruhig mal auf die Fahrbahn ausweichen, rät der Verein Fuß. Die Verkehrswacht hält dies für „brandgefährlich“.
14.04.2020, 08:21
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Wege aus der Enge
Von Justus Randt
Wege aus der Enge

Der ADFC regt an, Ausweichspuren für Radler auf den Fahrbahnen einzurichten.

Koch

Ausweichen, wenn es eng wird. In Zeiten der Corona-Pandemie ist das Programm – und manchmal leichter gesagt als getan. Deshalb rät der Verein Fuß, der Fachverband Fußverkehr Deutschland, zu gezielten Grenzüberschreitungen. Die selbsternannte Fußgängerlobby empfiehlt: „Rücksicht nehmen – auf die Fahrbahn gehen.“ Die Bremer Landesverbandssprecherin Angelika Schlansky findet das „vernünftig, aber nur in den Wohnstraßen natürlich“. Das sehen nicht alle so.

„Schön, dass sich so viele Gedanken machen“, sagt Ralf Spörhase, Geschäftsführer der Landesverkehrswacht Bremen. „Aber die Situation draußen ist doch wie sonntags zurzeit.“ Tatsächlich hat der Verkehr auf den Straßen messbar nachgelassen, bis zu 40 Prozent auf den Einfallstraßen in die Stadt, hat Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) kürzlich mitgeteilt.

Autos auf den Gehwegen

Autos, die nicht fahren, stehen irgendwo – oftmals auf dem Gehweg. Schlansky hat das Phänomen vor Augen, sobald sie aus ihrer Haustür im Peterswerder tritt. „Im Viertel, in Findorff und der Neustadt ist es doch genauso“, sagt sie. „Die Empfehlung ist aus der Not geboren, dass man die Gehwege nicht richtig benutzen kann. Man muss auf die Fahrbahn ausweichen. Würden die Autos auf der Fahrbahn stehen, wäre die Breite ausreichend“, sagt sie. „Aber so ist man im Gänsemarsch hintereinander unterwegs.“ Eigentlich ist daran nichts neu. „Aber wenn man, wie jetzt, zwei Meter Abstand zueinander halten soll, wird es wirklich schwierig, sich zu unterhalten.“

Spörhase hält die Idee des Verbands, auf die Fahrbahn auszuweichen, für „brandgefährlich“. Er ist dafür, sich eher „mit Zeichen zu verständigen“, wer wem Vorrang auf dem Trottoir gewährt. Das sei sicherer, „als auf die Fahrbahn zu treten und mit einem Fahrradfahrer zusammen zu rasseln“. Immerhin befinde sich zwischen Gehweg und Fahrbahn oftmals ein Radweg. „Ich halte es prinzipiell aus Verkehrssicherheitsgründen für klüger, sich innerhalb seines eigenen Verkehrsraums zu einigen“, sagt der Verkehrswacht-Geschäftsführer. „Ich sehe das eher so, dass sich eine Gefährdung daraus ergibt, dass der andere gar nicht reagieren kann.“

Lesen Sie auch

Roland Stimpel, Bundesvorstandsmitglied von Fuß, sieht die Sache so: „Fußgänger sollen einerseits Gehwege benutzen. Andererseits verbieten es ihnen aber die aktuellen Verordnungen der Länder, anderen Menschen zu nahe zu kommen. Tun sie das doch, gefährden sie derzeit Leib und Leben. Weichen sie aber achtsam auf den Rand einer nicht zu stark befahrenen Fahrbahn aus, kann das allenfalls Auto- und Radfahrer leicht irritieren. Das ist eindeutig das viel kleinere Übel.“

Beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) in Bremen hat man sich „darüber noch keine Gedanken gemacht“, wie Sprecherin Frauke Maack sagt. Auch die Radfahrerlobby setzt auf Verdrängung für mehr Abstand, aber ganz anders: „Wo es Engpässe gibt, beispielsweise auf der Wilhelm-Kaisen-Brücke, wäre es vielleicht sinnvoll, wie in Berlin sogenannte Protected Bike Lanes einzurichten.“ Die geschützten Radverkehrsstreifen, die an anderen Stellen längst im Gespräch sind, würden hier auf Kosten des Autoverkehrs mehr Abstand zwischen sich begegnenden Radlern und Fußgängern ermöglichen. „Wir haben das bei der Verkehrsbehörde angeregt“, sagt Maack.

Fußverkehr soll gefördert werden

Perspektivisch soll in Bremen nicht nur der Rad-, sondern auch der Fußverkehr gefördert werden. Dazu soll es laut rot-grün-roter Koalitionsvereinbarung sogar einen eigenen, millionenschweren Etat geben. Noch ist der Haushalt nicht beschlossen.

„Dass Leute in den Wohnvierteln auf die Straße ausweichen, hat sich doch schon eingespielt“, sagt Schlansky. „Und durch Corona hat sich das Verhalten insgesamt verändert. Es wird viel mehr Rücksicht aufeinander genommen. Man lächelt sich mehr an.“

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+