Galeristin stellt Studio zur Verfügung

Solidarität mit Kunstschaffenden

Kulturschaffende seien diejenigen, die die Gesellschaft besonders in diesen polarisierenden Zeiten einen könnten, sagt Ruth Cordes.Sie öffnet ihre Galerie aus Solidarität für 18 Kolleginnen und Kollegen.
19.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Solidarität mit Kunstschaffenden
Von Sigrid Schuer
Solidarität mit Kunstschaffenden

Ruth E. E. Cordes vor einem ihrer Kunstwerke in ihrer Galerie in der Marterburg.

Roland Scheitz

Im Schaufenster der Galerie Ruth E. E. Cordes baumeln die Maskenkunstwerke von Stelzenart. Ein Hingucker und Farbtupfer in der November-Tristesse. An der weißen Wand dahinter verheißt ein Gemälde von Cordes einen Sonnenuntergang an der Ostsee, hellgelbe und orangefarbene Farbreflexe tanzen auf violett-grauen Wogen. Darüber ein flammender Himmel. Einer der wenigen Silberstreife am Horizont, der den Corona-Blues, der viele Menschen plagt, zumindest ein bisschen aufzuhellen vermag. Gleich daneben finden sich zwei Zeichnungen von Markus Gefken, der die Stelzenart-Chefin Janine Jaeggi, die in einem ihrer fantasievollen Kostüme förmlich dahin zu schweben scheint, zu Papier gebracht hat. Ebenso die Ansicht eines Clowns.

Dazu passt das Motto der Solidaritätsaktion, die die Galeristin in ihrem Studio, Marterburg 7, während des erneuten Lockdowns ins Leben gerufen hat. „Ohne Kunst ist es grau“, das ist nicht nur die Meinung von Cordes. Diese Meinung teilen auch viele Menschen, für die das Leben ohne Kultur ein Irrtum wäre, frei nach dem Philosophen Friedrich Nietzsche. Bis Sonntag, 6. Dezember hat die Galeristin ihr Studio für 18 Künstlerinnen und Künstler geöffnet. So wird das seit drei Jahren existierende Studio zu einer begehbaren Kunstinstallation. Galerien sind ja momentan die einzigen Institutionen, in denen man in der Zeit des Lockdowns live Kunst sehen und genießen kann. Denn die Museen sind mindestens noch bis zum Ende des Monats geschlossen. Wie Cordes selbst zur Malerei gekommen ist? Irgendwann entschied sich die gelernte Grafik-Designerin nach 20 Jahren für ein Dasein als freie Künstlerin. „Das war schon ein Prozess, der insgesamt sechs Jahre gedauert hat“, erzählt sie. Eigentlich habe sie die Zeit des zweiten Lockdowns dafür nutzen wollen, um selbst zu malen. „Das ist etwas, das ich seit Monaten nicht mehr konnte“, räumt Cordes ein.

MIT Schnoor Marterburg Ausstellung Galerie Ruth E. E. Cordes

Tara Frese ist mit ihren Werken ebenfalls in der begehbaren Kunstinstallation dabei.

Foto: Roland Scheitz

Dann aber habe sie das Statement des Jazz-Trompeters Till Brönner in einer der inzwischen inflationären Fernseh-Talkshows zum Thema Corona aufgerüttelt. Sie habe den Eindruck gehabt, dass die anwesenden Politiker überhaupt nicht verstanden hätten, wovon Brönner überhaupt sprach. Dass nämlich riesige Wirtschaftskonzerne mit Milliarden gestützt werden, während die faktisch mit einem Arbeitsverbot belegten, freien Kulturschaffenden gezwungen seien, ihre Rente zu verbrennen, um überhaupt noch weiter existieren zu können. Da sei für sie klar gewesen, wie wichtig Solidarität in dieser prekären Situation ist. Und sie wollte ihren Teil dazu beitragen.

„Diese Ausstellung soll zeigen, wie es aussieht, wenn die ganzen kleinen Häuser schließen und die Künstler in andere Tätigkeiten abwandern müssen. Sie soll verdeutlichen, wie vielfältig regionale Kunst ist. Sie soll einigen wenigen Kulturgestaltern Raum geben, vor die Tür zu treten in Zeiten von ‚Arbeitsverbot‘“, sagt Cordes. „Denn sie sind mehr als das, was gegen Geld eintauschbar ist. Sie sind lebensnotwendig“. Und sie fügt hinzu: „Ein Künstler ist nie arbeitslos, ein Künstler ist nicht nur Teil der Gesellschaft, sondern Gestalter der Gesellschaft!“ Künstler seien diejenigen, die das zu vergeben vermögen, was gerade jetzt viele Menschen so bitter vermissten: das Streicheln der Seele und das Erweitern des Blicks. Denn seit dem Zeitalter der Aufklärung könne Kultur nicht mehr als Unterhaltung definiert werden, sagt sie.

Auf einem Bild von Ute Bescht ist das Credo zu lesen: „Kunst ist ein Gefühl, das darf jeder haben“. In Cordes’ Studio sind unter anderem vereint die Kirschholz-Skulpturen des Bremerhavener Bildhauers Reiner Madena und gleich daneben Ida Büssings Wachs-Kunstwerke. In der wie akkurat abgezirkelt wirkenden Konkreten Kunst von Ernst Matzke, lässt er in einem seiner Bilder von dem Wort „Art“ bunte Farbe tropfen. Gemeinsam mit Matzke ist die 80-jährige Elisabeth Fitting die Seniorin der Schau. Die Künstlerin präsentiert Malerei und digitale Kunst: „Give me space“ – gib mir Platz, ist auf einem ihrer Werke zu lesen und eine kesse Dame mit blauer Frisur und roter Brille blickt einem keck entgegen.

MIT Schnoor Marterburg Ausstellung Galerie Ruth E. E. Cordes

Kirschholz-Skulptur des Bremerhavener Bildhauers Reiner Madena.

Foto: Roland Scheitz

Auch mit dabei: Christiane Böttcher und Thomas Tiensch aus dem Buntentor, die bis jetzt noch planen, ab dem 10. Dezember in der Galerie ihre Ausstellung „To calm my soul“ aus der während des ersten Lockdowns entstandenen Serie „Tulpenschön“ zu zeigen, die sich mit dem Werden und Vergehen in der Natur beschäftigt. Sie haben eines ihrer Fotokunstwerke, auf dem ein älteres Paar zu sehen ist, zu der Ausstellung beigesteuert. Von Bärbel Ricklefs-Bahr stammen die Schwarz-weiß-Landschaften. Rainer Schmidt hat zwei Schauspieler porträtiert. Ein ganz besonderes Verfahren hat Tara Frese aus Bassum für ihre Fotografien entwickelt. Sie transferiert ihre Fotografien auf eine Holzfläche und veredelt sie mit Blattgold, das gibt beispielsweise einem Baum eine ganz besondere Kontur. Zudem sind Werke von Karin Bliefernich, Elke Bührmann, Angelika Ehrhardt-Marschall und Evita Emersleben, Sonia Riera-Apel sowie die Künstlerpostkarten von Heidrun Wolf zu sehen. Auf dem kleinen Platz in der Marterburg sind zudem noch coronagerechte Konzerte geplant.

Das Studio Ruth E. E. Cordes, Marterburg 7, ist dienstags, donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Die Ausstellung läuft bis zum zweiten Adventssonntag. Alle Künstlerprofile werden auf der Homepage der Galerie veröffentlicht.

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