Bremer Raumfahrtkonzern OHB

Eine Klage und viele Fragen

Der OHB-Chef stellt sich den Fragen von Analysten und Investoren. Die interessiert vor allem die Klage des Unternehmens gegen die Galileo-Entscheidung.
12.02.2021, 05:00
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Eine Klage und viele Fragen
Von Stefan Lakeband
Eine Klage und viele Fragen

Mit welcher Begründung klagt das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB gegen die Vergabe der neuen Galileo-Satelliten? Das wollten am Donnerstag viele Analysten und Investoren wissen. Der Vorstand lässt den Inhalt der Beschwerde aber unkommentiert.

OHB

Es ist wohl der Auftrag, der OHB vor zehn Jahren in eine andere Liga gebracht hat: Der Bau der Satelliten für das europäische Navigationssystem Galileo dürfte daher einen besonderen Platz in der Unternehmenshistorie einnehmen. Umso größer war die Verwunderung, als Ende Januar die Europäische Kommission bekannt gab, bei der Vergabe der Nachfolgesatelliten das Angebot von OHB nicht zu berücksichtigen – und stattdessen der Konkurrenz den Zuschlag zu erteilen.

OHB-Chef Marco Fuchs dürfte daher gewusst haben, was am Capital Market Day an diesem Donnerstag passieren würde. Bei dieser jährlichen Veranstaltung informiert das Unternehmen Investoren und Analysten über die aktuellen Geschehnisse und die Strategie und stellt sich deren Fragen. Der Rückschlag rund um die Galileo-Ausschreibung war dabei ein zentraler Punkt – auch wenn Fuchs wenig Neues berichten konnte.

Angesprochen auf die Navigationssatelliten sagte er: „Das ist ein großer Rückschlag. Wir sind sehr enttäuscht.“ Absagen wie diese würden aber zum Geschäft gehören. „Es gibt Aufträge, die man überraschend gewinnt, und welche, die man überraschend verliert.“ Zur zweiten Kategorie gehöre Galileo.

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Abhaken und weitermachen also? Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Trotz dieser versöhnlich klingenden Worte hat OHB eine Klage gegen die Entscheidung der Kommission eingereicht. Auch darüber wollten die Analysten und Investoren mehr wissen. Eine zufriedenstellende Antwort gab es jedoch nicht. „Wir reden nicht über ein laufendes Verfahren“, sagte Fuchs. Weshalb man den Einspruch eingelegt habe, wolle man nicht öffentlich diskutieren.

Antworten wie diese lassen – wie schon in den vergangenen Wochen – Raum für Spekulationen. Klagt OHB, um seinen Aktionären zu signalisieren, dass man alles versuche, um diesen Auftrag doch noch zu bekommen? Wogegen richtet sich der Einspruch genau? Haben ehemalige Mitarbeiter etwas damit zu tun? Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet unter Berufung auf den Branchendienst Space Intel Report, dass ein oder mehrere OHB-Mitarbeiter bei ihrem Wechsel zu Airbus Details zu Galileo-Verträgen verraten haben könnten. Airbus ist neben Thales-Alenia Space einer der Konzerne, der im Januar den Zuschlag erhalten hatte.

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Welche Auswirkungen auf den Umsatz das verpasste Galileo-Geschäft haben wird, werde man im Sommer sehen, sagte OHB-Vorstand Lutz Bertling. Dann werde man auch die Folgen der zweiten Corona-Welle berücksichtigen können. Nach aktuellem Stand seien die Auswirkungen der Pandemie bisher nicht schwerwiegend gewesen. Für das abgelaufene Jahr geht er von einem Umsatz aus, der leicht unter der Milliarden-Grenze liegt; 2018 hatte OHB zum ersten Mal in der Firmenhistorie diese Marke erreicht.

Für 2021 rechnet Bertling dann damit, diese Schwelle wieder zu überschreiten. Helfen soll dabei das volle Auftragsbuch. Mit 2,6 Milliarden Euro ist der Auftragsbestand so groß wie noch nie. „Das gibt uns Sicherheit für die nächsten Jahre“, sagte OHB-Finanzvorstand Kurt Melching. Einer der wichtigsten Verträge im vergangenen Jahr war die Abmachung über mehrere Satelliten für das Copernicus-Programm der Europäischen Union. Hierbei geht es um Erdbeobachtung; OHB soll Satelliten bauen, die durch menschliche Aktivitäten verursachte Kohlenstoffdioxid-Emissionen messen können.

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Die Bremer wollen künftig aber nicht nur Satelliten bauen, sondern auch an weiteren Teilen der Wertschöpfungskette profitieren. Das hatte OHB bereits vergangenes Jahr angekündigt. Mit Lynx gebe es nun ein Projekt, bei dem man in „exklusiven Verhandlungen“ sei. Dabei geht es um acht Satelliten, die permanent Öl- und Gas-Pipelines überwachen und Schäden feststellen sollen. OHB ist in diesem Fall nicht nur Konstrukteur der Sonden, sondern auch Betreiber. Rein theoretisch würde OHB so seinen bisherigen Kunden Konkurrenz machen können. „Deswegen müssen wir vorsichtig sein“, sagte Bertling. „Wir werden so etwas nur in ausgewählten Fällen machen.“ Zum Standardgeschäft werde so etwas nicht gehören. Er vergleicht es mit den deutschen Autoherstellern, die teilweise auch eigene Carsharing-Systeme hätten. Deren Fokus läge aber immer noch auf dem Bau von Autos.

OHB-Chef Fuchs bekräftigte noch einmal sein Interesse an einem deutschen Weltraumbahnhof in der Nordsee. „Wir glauben, dass das eine gute Idee ist“, sagte er. Deswegen habe man sich der Betreibergesellschaft GOSA angeschlossen (wir berichteten). Wichtig sei, dass der Spaceport jedem offenstehe. Ein Flughafen, den nur eine Airline anfliegen dürfe, bringe ja auch nicht so viel.

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